bedeckt München 16°

Uraufführung:Ein Troll vor seiner Zeit

Ilja Harjes, Rose Lohmann, Thomas Mehlhorn
© Peter Wattendorff

Irritierende Populismusparabel – das Ensemble auf der Kellerbühne.

(Foto: Peter Wattendorff)

Der Politiker, der den heutigen Populismus vorwegnahm: Das Theater Münster führt ein Stück über Jürgen Möllemann auf. Irritierend - aber gut.

Von CORNELIA FIEDLER

Der Respekt der Trolle war ihm sicher, lange bevor die Sozialen Medien sich als Ort für politische Schlammschlachten etabliert hatten: "Möllemann hat Rückgrat im Gegensatz zum feigen politischen Establishment. Er spricht aus, was das Volk schon lange denkt", so feierten seine Fans den FDP-Politiker 2002 in Onlinekommentaren. Anlass waren Jürgen Möllemanns Attacken gegen Israel und gegen Michel Friedman, den damaligen Vize-Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Möllemann machte vor 20 Jahren vor, was heute zum Alltag jedes prominenten Rechtspopulisten gehört. Das ist die provokante, aber erstaunlich schlüssige These des Stücks "Der Bundesbürger" des Autorenpaars Konstantin und Annalena Küspert, uraufgeführt in Münster.

Unter tosendem Applaus - vom Band, versteht sich - erläutern drei Geert-Wilders-Doubles, gespielt von Rose Lohmann, Ilja Harjes und Thomas Mehlhorn, mit quälend sanften Stimmen, wie man erfolgreich politische Diskurse kapert: mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen verblüffen, anti-intellektuell und provokant auftreten, sich als einzig Aufrechten inszenieren, den anderen Parteien vorwerfen, gegen "das Volk" zu arbeiten und fremdgesteuert zu sein, und gelegentlich eine Verschwörungstheorie lancieren. Solche Nummern im Stil politischen Kabaretts wechseln sich in der munteren, teils etwas chaotischen Inszenierung von Ruth Messing mit dem zentralen Plot rund um drei schrille, koksbeschleunigte Drehbuchautorinnen ab. Diese versuchen in einem Serien-Pitch ihre Ideen für die Miniserie "The Jürgen-W.-Möllemann-Story" an Netflix zu verkaufen.

Filmreif ist die Karriere des Polit-Zampano Möllemann ohne Frage: Sein telegene Leidenschaft fürs Fallschirmspringen, das frühe politische Aus als Wirtschaftsminister wegen der "Briefbogen-Affäre", die triumphale Rückkehr als Retter der FDP Ende der 1990er, sein kalkulierter Verbalradikalismus mit offener Flanke nach Rechts, der Skandal um die Finanzierung seines israelfeindlichen Flugblatts 2002, der Parteiausschluss, die Aufhebung seiner Immunität 2003, der Tod bei einem Fallschirmsprung an dem Tag, als die Polizei zur Hausdurchsuchung anrückt.

Dass das Theater Münster das Privatleben des Politikers aus Respekt gegenüber seiner Familie ausblendet, steht naturgemäß im Widerspruch zur Ankündigung einer Polit-Soap im Stil von "House of Cards". Der Serienplot bleibt somit auf die Politik- und Wahlkampfstrategie Möllemanns beschränkt und damit eher dünn. Das sollen die immer überspannteren Regieideen ausgleichen, die das junge Filmteam auf der Bühne ausprobiert: Möllemanns Kampf zurück an die FDP-Spitze zeigen sie als Computerspiel im Stil von "Super Mario". Der ewige Konkurrenzstreit mit Guido Westerwelle wird analog zu einer Fußball-Liveübertragung kommentiert - dennoch bleiben das die schwächeren Szenen des Abends.

Politisch interessant wird das Auftragsstück durch die Recherche-Schnipsel, mit denen das Autorenduo den zentralen Plot kommentiert. In kurzen, detailreichen Schlaglichtern geht es etwa um den Naumann-Kreis, eine Vereinigung ehemaliger NS-Kader in der FDP. Oder um den Vergleich mit Geistes- und Zeitgenossen wie dem provokanten Wahlkampfstrategen Fritz Goergen und MdB Martin Hohmann, damals CDU, heute AfD. So entsteht eine vielseitige, bewusst irritierende Populismusparabel, die allerdings für ein jüngeres Publikum zu viel Vorwissen voraussetzt. Wie so oft bei neuen Stücke stellt sich die Frage, warum die Uraufführung eines prominenten Dramatikteams auf der kleinsten Bühne im Keller des Hauses stattfindet. Ist das eine Vorsichtsmaßnahme, um maximal einen ganz kleinen Theaterskandal zu riskieren?

© SZ vom 13.01.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite