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Uraufführung am Theater Münster:Mit Idealismus verseucht

DEUTSCHE FEIERN

Schutzanzüge auf der Bühne sind vor allem dann berechtigt, wenn das Stück in einem Labor spielt: "Deutsche Feiern" am Theater Münster.

(Foto: Oliver Berg/Theater Münster)

Eine Droge, die eigentlich ein Dünger ist: Lars Werners Stück "Deutsche Feiern" in Münster.

Von Alexander Menden

Man muss Drogen nicht durch schmutzige 50-Euro-Scheine schniefen. Zumindest dann nicht, wenn man wie Bernhard und Zoe in einem Labor arbeitet: "Hier, nimm das Glasröhrchen!", mahnt Bernhard. Wie die beiden sich ihr "Ctron" reinziehen, ein Stoff, der eigentlich ein Dünger ist, sieht man dann nicht - vielleicht auch, weil es in der Umsetzung etwas schwierig ist, Drogen zu schnupfen, wenn man ein Spuckvisier vor dem Gesicht hat.

Der Einbau von Corona-Maßnahmen ins Gesamtkonzept von Theaterinszenierungen ist eine der interessanteren ästhetischen Umwälzungen der deutschen Bühnengeschichte. Für ihre Uraufführung von Lars Werners "Deutsche Feiern" am Theater Münster muss Marlene Anna Schäfer sich allerdings keine großen Volten ausdenken: Das ganze spielt in einem von der Außenwelt durch Schleusen abgekapselten Containerpark, in dem ein Labor untergebracht ist. Daher laufen die Bewohner ohnehin mit Schutzanzügen und Visieren durch die Gegend. Dass die Pandemiebedingungen Teil der Inszenierungs-Realität sind, erkennt man daran, dass eine Besucherin, die Journalistin Lara, als einzige eine Gesichtsmaske trägt.

Es ist ein Abend, der einerseits beweist, wie viel rascher als jede andere Form performativer Kunst das Sprechtheater auf die Gegenwart reagieren kann, andererseits aber auch mit recht dünnen Bohrern dicke Bretter zu durchdringen versucht. Der gebürtige Dresdner Werner, Jahrgang 1988, will vieles auf einmal: einen großen historischen Brückenschlag vom Ersten Weltkrieg in die Gegenwart, eine Bestandsaufnahme der Ökokatastrophe sowie eine Kritik der Versuche hierarchielos selbstorganisierender Sozialmodelle, die am Ende doch immer wieder vom Geld korrumpiert werden.

Ausgehend von der Selbsttötung der Chemikerin und Pazifistin Clara Immerwahr im Jahre 1915, die es nicht verwandt, dass ihr Mann, der Nobelpreisträger Fritz Haber, Giftgas für den Grabenkrieg entwickelt hatte, haben fünf vom halb missionarisch, halb wie Mark Zuckerberg agierenden Unternehmer Stefan ausgewählte Wissenschaftlerinnen, PR-Menschen und Geldgeber auf einer ähnlichen chemischen Grundlage wie Haber einen Superdünger entwickelt. Er soll die ausgelaugten Böden der Welt wiederbeleben, mit "besserem" Leben sogar, und damit den Globus vor der Unbewohnbarkeit bewahren. Nun, nach zwei Jahren Vorbereitung, soll der große Launch von "Ctron" kommen. Dazu wurde die junge Journalistin Lara eingeladen, die in Einzelinterviews und Instagram-Posts alles festhält: die vermeintlich basisdemokratischen Debatten, die seltsam drögen Partys mit Gin und Salat, den sich auflösenden Gruppen-Zusammenhalt, nachdem anderthalb Milliarden Risikokapital von einem Chemieriesen ins Spiel kommen.

Das junge, siebenköpfige Ensemble pumpt die expositionslastigen Dialoge mit so viele Energie und Spielfreude voll wie hineinpassen. Die Interviews, die Lara - Debütantin Marlene Goksch mischt in der Rolle glaubhaft Aufklärungsdrang und Aufstiegsehrgeiz - mit Joachim Foersters lächerlich selbstverliebten CEO Stefan führt, gehören zu den entlarvendsten und satirisch wirkungsvollsten Passagen ("Die anderen sehen nur ihren eigenen, völlig mit Idealismus verseuchten Teil!"). Regisseurin Schäfer hat sich für eine geradlinige Texteinrichtung entschieden, was bei einer Uraufführung meist die beste Wahl ist. Eingestreute, choreografierte Passagen in Zeitlupe wirken eher wie eine Konzession an etwaige Verfremdungsforderungen.

Werners Plot windet sich in einer sauber angelegten Eskalationsspirale nach oben. Aus den pro-Ctron-Demos werden gigantische Drogenpartys, nachdem die Menschen draußen begonnen haben, sich das Zeug durch die Nase zu ziehen. Das müssen die etwas manischen Bernhard und Zoe (die angemessen aufgekratzt agierenden Julian Karl Kluge und Mariann Yar) im Container - zur Überprüfung der Unbedenklichkeit - nachvollziehen. Glasröhrchen gibt es ja genug. Es werden auch ein paar Liebes- und Begehrlichkeitsverwicklungen wie im Big-Brother-Container geboten. Am Ende läuft alles darauf hinaus, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht - vor allem Stefan, ein selbsternannter "negativer Messias", der sündigt, damit die anderen sich reinen Gewissens bereichern können. Das ganze basisdemokratische Fundament der Unternehmung versinkt im Treibsand persönlicher Gier. Der Mensch kann nämlich allem widerstehen, nur nicht der Versuchung. Das ist das durchaus erwartbare, dramaturgisch zu abrupt präsentierte, aber doch konsequent wirkende Fazit dieses Abends, der bei aller Relevanz leichtgewichtig, trotz seiner komplexen Themen aber teilweise auch überraschend kurzweilig ist.

© SZ vom 16.10.2020

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