"Unterwerfung" von Michel Houellebecq Sexualisiertes Leitmotiv entlarvt romantische Phantasie

Unter der Bedingung, dass François zum Islam übertritt, bietet er dem entlassenen Mittelbau-Professor einen Ruf an die Sorbonne an, verbunden mit dem dreifachen Gehalt und damit der Möglichkeit, mehrere Ehefrauen zu haben, die eine Heiratsvermittlerin gemäß seiner sozialen Stellung für ihn auswählt.

Das Bewerbungsgespräch bildet die Coda des Romans, es ist eine Art Gipfeltreffen von Übermensch und Unterhose. Denn während Rediger seine biologistischen Thesen ausbreitet, interessiert sich François allein für das Kapitel Polygamie aus dem Leitfaden zum Islam, den Rediger verfasst hat.

Unter den vielen fragwürdigen Figuren in diesem Roman ist der Protagonist François die anfechtbarste. Er, der keine feste Bindung eingehen will, weil er die Idee der romantischen Liebe als Komplementärideologie zum herrschenden Konsumismus ablehnt, findet im Islam einfach ein anderes Konsumangebot, das ihn neu stimuliert. Durch den libanesischen Caterer und die muslimische Escort-Agentur, die nun aufgemacht haben, ist er bereits auf den Geschmack gekommen.

Wie der Islam die Demokratie verführt

Genauso wie es auf der individuellen Ebene an der Schwäche François' liegt, dass er sich verführen lässt, kommt auf der politischen Ebene des Buches der Islam nicht gewaltsam durch einen Putsch an die Macht, sondern nach demokratischen Prinzipien, - und diese Verführbarkeit zum Extremismus ist das, was Michel Houellebecqs Roman verhöhnt. Nicht zufällig heißt sein labiler Held François, ein französischer Jedermann.

Auch das Modell der Unterwerfung, die dem Roman den Titel gibt, wird explizit genannt. Es ist die 1954 erstmals publizierte "Geschichte der O", ein Klassiker der erotischen Literatur über die Lust an der sadomasochistischen Unterwerfung. Geschrieben hat sie Dominique Aury unter dem Pseudonym Pauline Réage, und zwar für ihren Geliebten und Arbeitgeber Jean Paulhan.

Literatur Das Abendland ist nicht zu retten
Literaturkritik
Houellebecqs neuer Roman

Das Abendland ist nicht zu retten

Frankreich im Jahr 2022: Ein Muslimbruder ist französischer Präsident, humanistisch gesinnte Islamisten regieren das Land. Michel Houellebecqs neuer Roman "Unterwerfung" verspottet die völkische Gesinnung, die das Abendland vor dem Islam retten will.   Von Thomas Steinfeld

Paulhan wiederum war das Zentralgestirn des Verlags Gallimard, Treffpunkt der Résistance-Autoren während der deutschen Besetzung. Und in Paulhans Pariser Stadtpalais residiert im Buch nun der Scharfmacher Rediger, ein Kollaborateur neuen Zuschnitts, der die einstige Versammlungsstätte der widerständigen Intelligenz des Landes okkupiert hat.

Bestätigung für einen verkappten Idealisten

Houellebecq legt ein fein geknüpftes Netz an Verweisen aus, und man muss diesen Fährten folgen, um die Stoßrichtung zu verstehen. Der Titel "Unterwerfung", er spielt eben nicht nur an auf Theo van Goghs Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam, sondern zugleich auf den Roman der submissiven O, die sich zur devoten Gespielin ausbilden lässt. François landet bei seiner Unterwerfung weich, lässt sich der Islam doch bruchlos mit seinen erotischen Vorlieben vereinbaren.

Aber dass Houellebecq sein Leitmotiv so stark sexualisiert und also ästhetisch auflädt, entlarvt seinen Anti-Romantizismus als zutiefst romantische Phantasie. Letztlich steckt in ihm ein verhinderter Idealist, ein Idealist im Gewand des Provokateurs. Und für diesen Idealisten in ihm müsste die Tatsache, dass die bürgerliche Mitte nach den Bluttaten zusammengerückt ist und sein Schreckensszenario widerlegt hat, eigentlich eine Bestätigung sein.