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"Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter":Das Sehen und die Sehnsucht

Verboten schön: Das Lenbachhaus in München zeigt die grandiosen Werke, die auf den Reisen von Kandinsky und Münter entstanden sind - in einer Ära ohne Beherbergungsverbote.

Von GOTTFRIED KNAPP

Heute, da die halbe Welt als Risikogebiet gilt, wirkt die Ausstellung "Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter" wie eine trotzige Utopie. Sie führt uns nach Amsterdam, Marseille, Tunis, Brüssel, Mailand, Rapallo, Paris, Bozen und bietet ein touristisch abwechslungsreiches Panorama, das seinerzeit fast als luxuriös gelten konnte, aber auch heute noch intensive Wünsche wecken kann, ja in Corona-Zeiten wie eine Verlockung aus verbotenen Weltgegenden wirkt.

Insgesamt 18 Monate sind Kandinsky und Münter in den Jahren 1902 bis 1908 gemeinsam verreist gewesen. Es war die Zeit, in der die beiden sich als Paar in Gesellschaftskreisen noch nicht überall zu zeigen wagten, da Kandinsky noch verheiratet war. Die mit Baedeker-Führern touristisch brav konzipierten Fernreisen dienten also nicht nur der eigenen Unterhaltung und der künstlerischen Weiterbildung, sie fungierten auch als Versteck vor den Blicken der Öffentlichkeit, ja quasi als weltmännische Bestätigung der in aller Stille in der bayerischen Provinz begonnenen intimen Partnerschaft.

Gabriele Münter, Baumblüte in Lana, 1908; © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Gabriele Münter: "Baumblüte in Lana"

(Foto: Gabriele Münter Stiftung 1957)

Von der Kunstgeschichte sind diese sechs Jahre im Leben der beiden Künstler bislang vernachlässigt worden. Der Grund dafür: In der Zeit danach, also in den Jahren, die Kandinsky und Münter zusammen in München und Murnau verbracht haben, verdichtet sich das Werk der beiden Maler so entschieden in Richtung Expressionismus, Stichwort "Blauer Reiter", dass die avantgardegläubige Kunstgeschichtsschreibung sich seither fast nur noch mit dieser Periode beschäftigt, die wissenschaftliche Anerkennung verspricht.

Die Kunstgeschichte hat sich bisher nur für den Expressionismus interessiert. Jetzt auch für die Reisen eines Liebespaares

Auch die Städtische Galerie im Lenbachhaus München, die dank Gabriele Münters Schenkung die weltweit bedeutendste Sammlung von Werken des Blauen Reiters besitzt, hat sich bisher fast ausschließlich auf die in zahllosen Publikationen gefeierten Jahre vor dem ersten Weltkrieg bezogen. Jetzt eröffnet sie erstmals den Blick auf die Jahre davor, auf das erstaunlich vielfältige Werk, das Münter und Kandinsky auf ihren gemeinsamen Reisen geschaffen haben, auf die begeisternd frischen und spontanen Gemälde, Ölskizzen und Zeichnungen, von denen viele noch nie ausgestellt waren, und auf die malerisch komponierten Fotografien Münters, die das Reisegeschehen auf überraschend moderne Weise begleiten.

Die Beziehung zwischen den beiden Künstlern begann im Jahr 1902, als Münter an dem von Kandinsky geleiteten Sommermalkurs in Kochel teilnahm. Wie die Werke aus diesen Wochen zeigen, hat Münter, die bis dahin nur akademische Zeichenkurse besucht hatte, aber als Fotografin fast professionell arbeitete, bei den Ausflügen mit Fahrrad, Reformkleid und leichtem Malergepäck erstmals Landschaftsbilder gemalt, bei denen sie sich ganz auf die im Freien entdeckten Farben konzentrierte. Allerdings setzte sie die dünnen Farbflächen mit dem Pinsel damals noch sehr brav und korrekt nebeneinander. Kandinsky dagegen presste die aus den Tuben gedrückten Ölfarben am liebsten mit dem Spachtel oder dem Palettenmesser so direkt auf den Malgrund, dass an den Rändern der hingesetzten Streifen kleine Farbgebirge stehen blieben. Ihm ging es schon damals nicht mehr um das Motiv, das dargestellt werden sollte, sondern um den visuellen Effekt, den künstlerischen Ausdruck jenseits der Gegenständlichkeit, ja um den magischen Klang, den man mit malerischen Mitteln erzeugen kann: Farben und Formen sollten, wie er später über diese Zeit schrieb, "so stark singen, wie ich nur konnte".

Wassily Kandinsky: „Segelboot auf dem Meer“.

(Foto: Lenbachhaus / Gabriele Münter Stiftung 1957 / VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Wie nah sich Münter und Kandinsky 1902 in Kochel gekommen sind, kann man nur vermuten. Beim nächsten Sommerkurs in Kallmünz sind sie jedenfalls schon als Paar aufgetreten und haben sich sichtlich animiert gegenseitig beim Malen gemalt und beim Wandern fotografiert. So sitzt Kandinsky, skizzierend auf dem Burgberg von Kallmünz, wenn Münter ihn malt; sie aber steht unten am Fluss vor der Staffelei, als er sie von hinten betrachtet. Stilistisch und maltechnisch sind sich diese beiden Freiluftporträts verblüffend ähnlich. Münter hat sich in der Zwischenzeit, ohne den Spachtel ständig zu bemühen, als Malerin eine Leichtigkeit erarbeitet, mit der sie sich neben ihrem Lebensgefährten behaupten konnte.

Gabriele Münter lässt die Welt erblühen, Wassily Kandinsky löscht sie dagegen eher aus

Von der einmonatigen Reise nach Holland im Jahr 1904 haben sich vor allem die Münterschen Fotografien erhalten. Sie geben uns eine Ahnung davon, mit welchen Wünschen und Vorstellungen Künstler damals ihre Auslandsreisen planten und erlebten. Auf dieser Reise könnte auch Kandinskys Ölskizze "Segelboot auf dem Meer" entstanden sein, die auf einem Minimum an Fläche ein Maximum an atmosphärischen Reizen bietet, obwohl der Maler kaum gegenständliche Andeutungen macht und seine farblichen Zwischentöne mit dem Spachtel so wild auf den Malgrund presst, dass es aussieht, als wolle er das Motiv auslöschen.

In Tunesien waren es vor allem Gebäude, Gassen und Menschengruppen, die fotografiert und in Skizzen und Zeichnungen festgehalten wurden. Beim zweimonatigen Aufenthalt in Südtirol 1908 wude die Obstbaumblüte zum zentralen Ereignis. Die flockig leicht hingetupfte Ansicht blühender Apfelbäume, die Gabriele Münter damals gelungen ist, ist eines der schönsten Bilder aus diesen Wanderjahren.

Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter. Lenbachhaus, München. Information: www.lenbachhaus.de

© SZ vom 13.10.2020

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