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Bildung und Corona:Es gibt ihn doch, den guten digitalen Unterricht

twitter @DrKillgrove

Im Twitterlehrerzimmer findet man täglich neue Anregungen für den Unterricht.

(Foto: twitter @DrKillgrove)

Papierflieger-Challenge, Twitter-Lehrerzimmer, Ethik-Podcast und andere Beispiele aus den Klassenzimmern der Gegenwart.

Von Alex Rühle

Erinnert sich noch jemand an die Aufsatzform der Vorgangsbeschreibung? Fünfte Klasse: Erkläre bitte Schritt für Schritt und so detailliert wie möglich, wie du einen Kuchen backst. Man saß dann da und quetschte sich einen Satz nach dem anderen aus dem Kopf beziehungsweise schrieb mehr oder weniger das Kirschkuchenrezept aus dem dicken Backbuch zu Hause ab. Leider fühlte sich die Aufgabe nicht eine Sekunde an wie Kuchenbacken, sondern so, als müsste man eine Tüte Mehl ohne andere Zutaten essen. Dazu das schlechtes Gewissen, weil man textlich im Dr.-Oetker-Buch genascht hatte.

Vielleicht war das der Moment, in dem die Frage nach dem Sinn des Lebens erstmals deutlich an die eigene Daseinstüre klopfte. Bestimmt war es jedenfalls einer der Momente, in denen man darüber nachdachte, eine Karriere als konsequenter Schulverweigerer einzuschlagen.

Wenn man nun aber sieht, wie die Lehrerin Adelheid Hallier-Haselmann das bis heute nicht wirklich beliebter gewordene Genre der Vorgangsbeschreibung umsetzt, möchte man sich aus dem Stand in ihrer Nürnberger Bertolt-Brecht-Realschule einschreiben. Ihre "ultimative Papierflieger-Challenge" packt die Fünftklässler bei der Ehre: Welcher von euren Fliegern fliegt am weitesten? Sie verlinkt in ihrem Padlet auf Youtube-Videos, in denen der Bau verschiedener Papierfliegertypen vorgeführt wird, bittet die Kinder dann darum, dass ein befreundeter Schiedsrichter ihren Flugversuch mit der Kamera aufnimmt, stellt eine Exceltabelle zur Verfügung, in der alle ihre Versuche eintragen können - und am Ende sollen sie ihr dann einen analogen Brief schreiben, wie sie den Flieger gebaut haben.

Das wirft natürlich zwei Fragen auf: Was ist ein Padlet? Und warum Youtube-Videos im Unterricht? Nun, ein Padlet ist eine digitale Pinnwand für den Unterricht. Und zur Beantwortung der zweiten Frage eine Schalte in die Pressekonferenz, die der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und sein Kultusminister Michael Piazolo am Montag in Sachen Schulen und Corona abhielten. Die beiden gaben sich da, um es optimistisch auszudrücken, verhalten unpessimistisch. Nicht leicht werde das alles, sagte Söder. Piazolo ergänzte, man könne lokale Infektionsgeschehen nicht ausschließen. Alle Eltern, Lehrer und Lehrerinnen dürfen das so für sich übersetzen: Wenn 30 Kinder täglich auf 50 bis 70 Quadratmetern zusammenhocken, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Klassen und Schulen wieder geschlossen werden müssen. Bereitet euch also vor auf den Fall des Hybrid- und/oder reinen Digitalunterrichts (für Menschen ohne Schulkinder: Hybridunterricht heißt, dass ein Teil der Klasse in der Schule sitzt, während die anderen übers Internet beschult werden).

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Im Twitterlehrerzimmer findet man täglich neue Anregungen für den Unterricht.

(Foto: twitter @DrKillgrove)

Nun könnte man mit den journalistischen Texten, die in den letzten Monaten über die Mängel des Distance Learning und erst recht darüber, wie furchtbar schleppend das alles läuft mit der Digitalisierung in Deutschland, sicher ein mittelgroßes Lehrerzimmer bis zur Decke füllen. Man könnte sich stattdessen aber auch mal anschauen, wie viel wahnsinnig gutes Pädagogikmaterial quasi über Nacht zur Verfügung gestellt wurde - oder zuvor auch schon längst da war.

Also bitte, eine Runde Best-Practice - und sie kann tatsächlich nur pars pro toto stehen: Da ist der Gmunder Medienpädagoge Frederik Wittmann, der im März sofort nach der Schließung aller Schulen eine Erste-Hilfe-Seite online gestellt hat, auf der für alle Fächer Tools und Materialien zusammengestellt sind. Die Erlanger Montessori-Lehrerin Julia Thurner zeigt, wie man "virtuelle Klassenräume" erstellt, einen Bildschirm also, der aussieht wie ein Schulzimmer, in dem, ähnlich wie in einem Suchspiel, verschiedene Aufgaben versteckt und interaktiv zu lösen sind.

Die drei Lehrerinnen Carolin Reining, Anne-Katrin Weiß und Heidi Hallier-Haselmann haben sich schon ein Jahr vor Corona zum digitalen "DIY-Network" zusammengeschlossen. Seither touren sie durch Franken, um sich mit Kolleginnen und Kollegen darüber auszutauschen, wann Digitalunterricht nicht nur notdürftiger Ersatz, sondern große Bereicherung ist. Wann ist es sinnvoll, Breakout-Rooms zu öffnen, also die Klasse auf verschiedene digitale Räume zu verteilen, damit parallel passgenaue Lernmaterialien verschiedener Schwierigkeitsstufen bearbeitet werden können? Warum nicht eine "schwierige, aber geistreiche Schülerin", die ihren Kameradinnen "weit entschwebt ist" (O-Ton ihrer Lehrerin), einen Ethik-Podcast machen lassen? Oder Siebtklässler in Geschichte zum Absolutismus Bilder von Ludwig XIV. auf Instagram posten und im Text dazu dessen Herrscherbild erläutern lassen? Wie Hallier-Haselmann es auf der DIY-Website formuliert: "Allein kann jeder - zusammen ist besser."

Die ultimative Papierfliegerchallenge

Die Papierfliegerchallenge ist ein Tarnprojekt für eine Vorgangsbeschreibung.

(Foto: Heidi Haselmann)

Ein Satz, der banal klingt, aber ein Kernproblem des Lehrerberufs ins Konstruktive wendet. In den Worten des Englisch- und Wirtschaftlehrers Christian Mayr: "Als Lehrkräfte müssen wir ja immer alles können, Pädagogik, Didaktik, Recht, Verwaltung - aber eben auch Technik. Man ist alleine mit 30 Schülerinnen und Schülern im Raum und steckt dauernd in der Rolle des Vermittelnden. Da ist es für einige eine Herausforderung, in digitaler Hinsicht zu erkennen, dass man wieder stark in der Rolle des Lernenden ist und eigentlich Hilfe bräuchte."

Genau diese Hilfe versucht Mayr zu geben, indem er an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen (ALP) Online-Fortbildungen zum Einsatz digitaler Medien entwickelt. Die Homepage der Akademie sieht zwar immer noch so aus wie der Onlineauftritt einer ländlichen Behörde kurz vor der Jahrtausendwende. Man findet aber hinter dieser ja fast schon wieder charmant behäbigen Startseite enorm viele hilfreiche Handreichungen, etwa zum Arbeiten mit Mebis, der Lernplattform, die alle bayrischen Schulen nutzen.

Zum Schulstart nächste Woche wird die ALP ein Onlinemodul speziell zum "Lernen zu Hause" freischalten. "Das Modul" - O-Ton Mayr - "greift die Praxiserfahrungen von Lehrkräften aller Schularten auf und vermittelt, basierend auf den Erfahrungen während der Schulschließungen, wie Beziehungsarbeit, Lernen, Video-Stunden und Feedback mit digitalen Medien gestaltet werden können."

Soll diese Schwärmerei hier bedeuten, dass alles super ist in Digitalien? Natürlich nicht. Jeder Lehrer, jede Lehrerin, mit denen man spricht, kann von Schülerinnen erzählen, die ihnen einfach weggerutscht sind. "Wenn ich viermal anrufe und ich krieg kein Feedback, was soll ich dann machen?" Und der Business-Witz, dass Covid-19 in wenigen Wochen mehr in Sachen Digitalisierung bewirkt hat als alle CEOs, CIOs und COOs zusammen in vielen Jahren, gilt auch und ganz besonders für die Schulen.

Online Klassenzimmer

Ein virtuelles Klassenzimmer.

(Foto: Julia Thurner)

Positiv ausgedrückt: Man reiche all den Lehrerinnen und Lehrern, die in Eigeninitiative ihren zögerlichen Kollegen Materialien zugänglich machen und Programme erklären, Lorbeerkränze und Geschmeide. Negativ ausgedrückt: Hallo, ihr natürlich nur ganz wenigen zögerlichen Kolleginnen und Kollegen, wollt ihr nicht endlich aus dem Knick kommen? Drei weitere Monate ganz abtauchen oder nur Arbeitsblätter rummailen, wird diesmal nicht reichen.

Heidi Hallier-Haselmann schickte übrigens, als sie von der Begeisterung über ihre Papierflieger-Challenge, hörte, sofort eine Antwortmail, dass die Idee keinesfalls auf ihrem Mist gewachsen sei, sondern aus dem Twitterlehrerzimmer stamme. Dies nun ist so etwas wie das Mekka des digitalen Unterrichtens, weshalb es unbedingt erwähnt werden muss. Alle Lehrerinnen und Lehrer, die hier vorkamen, tauschen sich auf Twitter unter diesem Hashtag (oder der Abkürzung #twlz) aus. Ja, stimmt, man muss sich dafür dann doch mal trauen, ein Twitterkonto anzulegen. Ja, das Ganze findet in der unkontrollierten Halböffentlichkeit sozialer Medien statt. Ja, auch dort bauen einige nur ihren Frust ab, in dem Fall eben nicht über Merkel und die Maskenpflicht, sondern über das blöde/vorsintflutliche Schulsystem.

Aber die allermeisten sind da, um Anregungen für den Unterricht oder Antworten auf handwerkliche Fragen zu bekommen und einander schlicht im Arbeitsalltag zu helfen. Während des Schreibens dieses Textes verlinkte dort eine Lehrerin auf eine amerikanische Kollegin, die mit ihren Schülern in der Coronazeit berühmte Bilder der Kunstgeschichte nachgestellt hat, das war so witzig, dass der eigentlich kurze Umweg viel zu lange dauerte und dieser Text fast nicht fertig ...

Kleiner pädagogischer Scherz. Wurde doch noch fertig. Und zwar mit einem Zitat aus dem Papierflieger-Brief einer Fünftklässlerin an Heidi Hallier-Haselmann: "Alles ist plötzlich so einsam und kahl. Ich hoffe, diese Corona-Sache ist bald vorbei, denn ich möchte sooo gerne wieder echten Unterricht haben."

© SZ vom 04.09.2020/khil
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