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Untergang und Wanderung:Unsere Spätantike

Die Althistorikerin Mischa Meier schreibt eine souveräne Geschichte der Völkerwanderung.

Von Stefan Rebenich

Vor fast 100 Jahren, am 12. September 1921, sprach der deutsche Althistoriker Ernst Kornemann auf der Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft über "das Problem der Probleme" der modernen Geschichtsschreibung: den Untergang der antiken Welt. Die Herausforderung, dieses Ereignis adäquat zu beschreiben, besteht auch heute noch unverändert. Der Buchmarkt ist voll von Darstellungen, die sich den letzten Jahrhunderten des Altertums und dem Beginn des Mittelalters widmen und ein interessiertes Publikum erreichen. Warum ist dem so?

Diese Epoche, die wir heute mit dem Wiener Kunsthistoriker Alois Riegl als Spätantike bezeichnen, wurde immer wieder zur Bewältigung aktueller Krisen herangezogen. Sie war - und ist - gleichermaßen historiografisches Menetekel und politisches Manifest.

Alexander Demandt, der Doyen der deutschsprachigen Spätantikeforschung, hat die gegenwärtige Massenmigration mit der Völkerwanderung verglichen, die das Imperium Romanum zum Einsturz gebracht habe. Auch sein britischer Kollege Peter Heather glaubt, dass die Wanderungen des ersten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung mit denen der Gegenwart vergleichbar seien; häufiger als politische Verfolgung habe auch damals wirtschaftliche Not den Einzelnen dazu bewogen, seine Heimat zu verlassen. Garth Fowden von der Universität Cambridge macht sich auf die Suche nach einem neuen Periodisierungsschema, um eurozentrische Stereotypen zu überwinden und den Islam hoffnungsfroh in die Menschheitsgeschichte des ersten Millenniums zu integrieren. Der amerikanische Historiker Kyle Harper schließlich entwirft auf fragwürdiger Datengrundlage, aber unter dem Applaus der "Friday for future"-Gemeinde das deterministische Bild eines Großreiches, das unausweichlich an Klimaveränderung, Seuchen und Umweltschäden zugrunde gehen musste.

Doch bereits der säkularisierten Historiografie der Aufklärung hat der Blick auf die letzten Jahrhunderte des Römischen Reiches geholfen, die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. In seiner grandiosen Erzählung vom "Decline and Fall of the Roman Empire" führte Edward Gibbon am Ende des 18. Jahrhunderts den unaufhaltsamen Niedergang des Imperiums auf strukturelle Defekte der von Augustus begründeten Militärmonarchie zurück. Dem römischen Kaisertum fehlten rechtliche Sicherungen, um die Transformation der monarchischen Herrschaft in ein despotisches Regiment dauerhaft zu verhindern, und der Scheinkonstitutionalismus des Prinzipats unterminierte auf Dauer den Freiheitswillen der Bevölkerung.

Die literarische Avantgarde des 19. Jahrhunderts entdeckte das späte Rom neu

Aber erst die Erfahrung politischer und sozialer Umwälzungen in den Jahrzehnten nach der Französischen Revolution konstituierte die Spätantike als eigenständige Epoche. Damals projizierten Liberale, Absolutisten und Ultramontane in Deutschland, Frankreich und England ihre jeweiligen politischen Hoffnungen (und Enttäuschungen) in dieses Zeitalter. Die Linken feierten das "radikale" Urchristentum, begrüßten die Industriearbeiter als neue "Invasoren" und verdammten die "bürgerliche" Anpassung der Konstantinischen Wende. Das Scheitern der Revolution von 1848 machte indes aus der fortschrittsfrohen politischen Appropriation der Spätantike eine rezeptionsgeschichtliche Episode. Die Barbaren wurden in der Folge nicht mehr als die Träger des antiken Erbes, sondern als die Begründer der nationalen Frühzeit verstanden, und neuhumanistisch inspirierte Autoren idealisierten nicht nur in Deutschland die griechisch-römische Klassik in deutlicher Abgrenzung zur ausgehenden Kaiserzeit. Das späte Rom wurde von der literarischen Avantgarde nach der Mitte des 19. Jahrhunderts neu entdeckt. Europäische Intellektuelle wie Flaubert und Mallarmé, Walter Pater und Oscar Wilde machten eine zukunftslose und dekadente Spätantike zur Leitepoche des Fin de Siècle. Die existenzielle Spätzeiterfahrung war Teil einer melancholischen Modernität, die sich an Tod und Untergang delektierte. So dichtete Paul Verlaine 1883: "Je suis l'Empire à la fin de la décadence."

Der Untergang des rîmischen Reiches

„Der Untergang des Römischen Reiches“: Sophia Loren, Stephen Boyd und James Mason in Anthony Manns Monumentalfilm aus dem Jahr 1964.

(Foto: dpa / Picture-Alliance)

In den Kriegen und Konflikten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Spätantike ein häufig bemühtes Exempel. Viele Zeitgenossen glaubten, dass die militärischen Eskalationen und ideologischen Auseinandersetzungen das Ende der globalen Hegemonie Europas einleiteten, und versuchten, diese Wahrnehmung durch zyklische Geschichtsnarrative zu verarbeiten. Sie griffen zu Oswald Spenglers zweibändigem Werk über den "Untergang des Abendlandes", das in erster Auflage zwischen 1917 und 1922 erschien und die Krise der Spätantike in eine organizistische Deutung der Weltgeschichte integrierte, die besagte, dass jede Kultur sich zunächst entwickele, dann aufblühe, schließlich dem Niedergang verfalle. Solche Spekulationen faszinierten nicht nur das kulturpessimistische Bürgertum, sondern auch junge Altertumswissenschaftler, die durch die offene Konkurrenz wissenschaftlicher und politischer Leitsysteme verunsichert waren und die Antike als sinnstiftende historische Größe rehabilitieren wollten. Oswald Spengler erlebt bezeichnenderweise heute wieder eine Renaissance.

In den wissenschaftlichen Diskussionen dieser Jahrzehnte wurden zahllose Erklärungen für den vermeintlichen Untergang des Imperium Romanum vorgeschlagen. Nicht selten sagen die einzelnen Modelle mehr über die weltanschauliche und politische Position ihrer Urheber als über die historische Formation, die zu verstehen sie vorgeben. Zu den inneren und äußeren Faktoren, auf die häufig verwiesen wurde, zählen der Aufstieg des Christentums, der Gegensatz zwischen Arm und Reich, die Ausbreitung der Germanen, erschöpfte Lebensgrundlagen, Klimaverschlechterung, Verkarstung und Entvölkerung. Aber auch Bleivergiftung und Hypothermie, Rassenmischung und biologische Degenerationen sind genannt worden. Einander diametral entgegenstehende Wertungen finden sich: Den einen sind die Germanen Zerstörer, den anderen Bewahrer und Erneuerer der antiken Kultur; hier wird der Ausgang des griechisch-römischen Heidentums beklagt, dort die Geburt des christlichen Europa, die Synthese von Antike und Christentum und der Aufgang des Abendlandes gefeiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichneten vor allem angelsächsische und französische Wissenschaftler das Bild einer langen Spätantike, die sich vom dritten bis ins siebte Jahrhundert und über die westlichen Provinzen des Römischen Reiches bis in den sassanidischen Iran und das frühislamische Arabien erstreckte. Der damalige Paradigmenwechsel ist vor allem mit dem Namen des irischen, zunächst in Oxford und London, dann in Berkeley und Princeton lehrenden Historikers Peter Brown verbunden, der die Wahrnehmung der Spätantike einer ganzen Generation von Wissenschaftlern diesseits und jenseits des Atlantiks prägte. Von Niedergang war keine Rede mehr; vielmehr entwarf Brown das Panorama einer intellektuell, künstlerisch und religiös produktiven Epoche, die durch Wandel, Vielfalt und Kreativität charakterisiert war.

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. Verlag C.H. Beck, München 2019. 1523 Seiten, 58 Euro.

In den letzten Jahrzehnten ist diese Wahrnehmung der Spätantike allerdings auf Kritik gestoßen: Es wird die irreversible materielle und finanzielle Schwächung des Zentralstaates durch massive Gebietsverluste unterstrichen und auf massive Zerstörungen und gewalttätige Veränderungen hingewiesen, unter denen gerade der Westen durch die langen Kriege gegen die Invasoren gelitten habe.

Das Imperium Romanum war Voraussetzung für die Entstehung der neuen politischen Gebilde

Nicht minder einflussreich für die Erforschung der Spätantike erwies sich die Debatte um die ethnische Zugehörigkeit und interpersonale Identität von migrierenden Großgruppen, die der österreichische Mediävist Herwig Wolfram 1979 mit seinem epochemachenden Buch über "Die Goten" angestoßen hat. Darin wischte er die diffuse Germanenideologie völkisch bewegter Historiker beiseite und entfaltete unter dem Begriff der "Ethnogenese" eine neue Theorie zur Entstehung der Kultur- und Lebensgemeinschaft der Goten und anderer "barbarischer" Verbände. Deren Identität war nicht länger biologisch determiniert, sondern historisch konditioniert. Aber Wolframs Konzept wird inzwischen von einigen Historikern widersprochen, die in den wandernden Gruppen letztlich nur Schöpfungen Roms erkennen wollen. In letzter Konsequenz ist das Ende des Römischen Reiches dann keine Folge der "Völkerwanderung", sondern deren Voraussetzung.

Es überrascht denn nicht, dass die Spätantike heute ein bevorzugter Gegenstand unterschiedlicher Wissenschaften ist. Verschiedene Methoden werden angewandt, interdisziplinäre Ansätze realisiert und internationale Kooperationen gepflegt. Die große Zahl der Einzelstudien ist für den Einzelnen kaum noch zu überschauen. Sicheres Geleit durch die weit verzweigte Forschung bietet das jüngste Buch von Mischa Meier.

Der Tübinger Althistoriker nimmt sechs Jahrhunderte in den Blick und führt den Leser durch drei Kontinente. Zwar betont er am Ende, "ganz bewusst" würden "keine Vergleiche oder gar Parallelen zu gegenwärtigem Geschehen gezogen". Dennoch ist auch dieses Standardwerk ein Kind seiner Zeit, wie schon der Hinweis auf eine "multipolare Verflechtungsgeschichte" zeigt; und auf über tausend Seiten wird immer wieder der Zusammenhang von Migration und Wandel thematisiert. Aber Meier widersteht im Gegensatz zu anderen der Versuchung, die Vergangenheit für die Diagnose der politischen Gegenwart zu missbrauchen. Seine zeitlich und geografisch weitgefasste Spätantike ist eine Epoche sui generis, die durch einen dynamischen Prozess permanenter Veränderungen und allgegenwärtiger Wechselwirkungen gekennzeichnet ist. Sowohl im schriftlichen wie im materiellen Befund beobachtet er manifeste Kontinuitäten ebenso wie harte Brüche. Der durch das Römische Reich über Jahrhunderte hindurch integrierte und stabilisierte Mittelmeerraum wurde durch die "Völkerwanderung" nicht in ein Konglomerat poströmischer Staaten zerschlagen, sondern spaltete sich im Westen und Osten in zwei Großräume, die sich in den folgenden Jahrhunderten unterschiedlich entwickelten, aber gemeinsam die Grundlagen des heutigen Europa bildeten.

Eindrücklich beschreibt Meier die Existenz des Imperium Romanum als unabdingbare Voraussetzung für die Entstehung neuer politischer Gebilde auf seinem Boden und an seiner Peripherie.

Dabei rekonstruiert er weitere Faktoren der historischen Entwicklung, so die exzessive Gewalt, die das für die Vormoderne singuläre Sicherheitsgefühl, das die Bewohner des Imperium Romanum über Generationen hinweg besaßen, zerstörte. Vor allem unterstreicht er die herausragende Bedeutung der christlichen Religion, die seit Mitte des 6. Jahrhunderts im Osten den Alltag des Herrschers wie seiner Untergegebenen tief greifend veränderte und der Bevölkerung half, schwerste Umweltkatastrophen, furchtbare Kriegstraumata und apokalyptische Seuchen zu ertragen, aber zugleich auch die Entstehung des Islams begünstigte.

Mischa Meier hat eine neue Geschichte der Spätantike vorgelegt, die souverän die Pluralität und Komplexität der aktuellen Forschung abbildet, aber zugleich eigene Akzente in der Interpretation der historischen Überlieferung setzt. Diese große Darstellung wird die internationale Diskussion über Jahrzehnte beeinflussen.

Stefan Rebenich lehrt Alte Geschichte an der Universität Bern.

© SZ vom 10.01.2020
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