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Unter Bekannten:Wo die milden Kerle wohnen

Weshalb nur ist die amerikanische Literaturkritik so freundlich geworden? Weshalb geht es im Rezensionsgeschäft so überaus freundlich zu? Eine kultursoziologische Studie liefert erste Erklärungen.

Von Carlos Spoerhase

Es gab eine Zeit, da lebten amerikanische Literaturkritiker gefährlich. Gore Vidal kritisierte im Sommer 1971 in seiner im New York Review of Books abgedruckten Rezension einen frauenfeindlichen Text seines Schriftstellerkollegen Norman Mailer scharf. Die Misogynie Mailers stehe in "einer logischen Abfolge von Henry Miller über Norman Mailer zu Charles Manson". In der restlichen Rezension spricht Vidal dann nur noch vom "Miller-Mailer-Manson-Mann" oder abgekürzt "M3".

Im Dezember 1971 reagiert Mailer auf die harsche Kritik auf seine Weise: Kurz vor einem gemeinsamen Auftritt in einer Talkshow verpasst der angetrunkene Autor seinem Rezensenten einen Kopfstoß. Beide treten anschließend vor die Kamera und führen eine denkwürdige Auseinandersetzung darüber, wie polemisch Literaturkritik sein darf.

Das klingt nach einer sehr fernen Zeit. Schläge werden in der Literaturkritik schon lange nicht mehr angedroht oder gar ausgeteilt. Heute scheint das literaturkritische Geschäft sehr viel freundlicher. Weshalb das amerikanische Rezensionswesen nun so mild gestimmt ist, erkundet die Kultursoziologin Phillipa Chong in ihrem lesenswerten ersten Buch (Phillipa K. Chong: Inside the Critic's Circle. Book Reviewing in Uncertain Times. Princeton 2020).

In den USA gibt es gegenwärtig nur noch ein Dutzend hauptberuflicher Literaturkritiker, vielleicht sogar weniger. Der typische Literaturkritiker ist heute nicht hauptberuflich als solcher angestellt, sondern geht einem anderen Beruf nach - ist vielleicht Schriftstellerin oder Journalist, Dozentin an der Universität oder Kurator in einer Kulturinstitution.

Nur berühmte Schriftsteller dürfen auch hart angegangen werden

Chong erkundet das Selbstverständnis dieser heterogenen Gruppe und untersucht auf der Grundlage von umfassenden Interviews, wie Literaturkritiker heute arbeiten. Dafür hat sie insgesamt vierzig Redakteure und Kritiker befragt, die für so renommierte Organe wie die New York Times, die Washington Post, den Guardian, das Times Literary Supplement oder den New Yorker schreiben.

Die intensiven Gespräche kommen zu einem überraschenden Ergebnis: Die Qualitätsurteile in den gedruckten Buchrezensionen der befragten Kritiker waren viel positiver als die Urteile, die Chong in den mündlichen Befragungen über die besprochenen Bücher mitgeteilt wurden. Die veröffentlichte Literaturkritik scheint die Qualität der Literatur damit systematisch besser zu bewerten als die privaten Qualitätsurteile der befragten Literaturkritiker eigentlich rechtfertigen. Wie kommt es dazu?

Einerseits motiviert die unvermeidliche Unsicherheit des ästhetischen Urteils manche Rezensenten, negative Urteile rhetorisch abzufedern - doch lieber freundlich sein, wenn man sich seines Urteils nicht ganz sicher sein kann. Andererseits meinen manche Rezensenten, letztlich seien nur positive Urteile für die Leserschaft interessant - weil sie sich mit einer Leseempfehlung verknüpfen lassen. Noch relevanter für das Übermaß an freundlicher Kritik ist aber die soziale Struktur der literarischen Rezensionskultur.

Ein Vergleich mit der Gastronomiekritik kann das vor Augen führen. Der professionelle Restaurantkritiker und der Restaurantbetreiber gehören meist unterschiedlichen sozialen Gruppen an. Sie werden sich in ihrem Arbeitsalltag normalerweise nicht persönlich begegnen (nicht selten ist der Restaurantkritiker sogar anonym). Auch besteht nicht die Aussicht, dass beide ihre Rollen tauschen, dass also der Betreiber eines negativ besprochenen Restaurants bei nächster Gelegenheit einen vom Restaurantkritiker geleiteten Gourmettempel attackiert.

Das ist in der Literaturkritik ganz anders. Die literarische Welt ist klein. Kritiker und Kritisierte gehören meist der gleichen sozialen Gruppe an; früher oder später laufen sie sich wieder über den Weg. Nicht ungewöhnlich ist ein Rollentausch: Kritiker schreiben häufig selbst Bücher; Buchautoren schreiben auch Rezensionen oder sitzen in Jurys für Literaturpreise. Wenn der Autor eines Buches, das man gerne negativ besprechen würde, bei nächster Gelegenheit darüber befinden kann, ob man selbst ein preiswürdiger Autor ist, verhält man sich doch lieber freundlich. Die grundsätzliche Verhaltensmaxime lautet dann play nice.

Von diesem institutionalisierten Wohlwollen gibt es nur eine Ausnahme. Chong hat herausgefunden, dass die Kritiker die Maxime "You can punch up, but never down" beherzigen. Nach unten buckeln, nach oben treten. Wer sich gerade erst im Literaturbetrieb etabliert hat, darf allenfalls sachte kritisiert werden; Debüts sind immer zu begrüßen.

Erst ab dem zweiten oder dritten Buch darf die Kritik robuster werden. Nur berühmte Schriftsteller, die schon viel Aufmerksamkeit und überbordendes Lob erfahren haben, dürfen auch harsch angegangen werden. Denn die Maxime, nicht nach unten austeilen zu dürfen, schützt zugleich die Kritiker vor dem Mailer'schen Kopfstoß.

Polemischer Schlagabtausch hilft, die Angegriffenen auf ein Podest zu hieven

Aus der Perspektive der Literaturkritiker ist der Verriss von Starautoren ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Die Kritik kürzt die überschätzten Großautoren, deren globale Erfolgstitel den weniger etablierten Autoren noch das letzte Quäntchen Aufmerksamkeit stehlen, auf ein Normalmaß zurück.

Für die Kritiker müssen Starautoren selbst polemische Rezensionen klaglos erdulden, weil diese letztlich weder den Einnahmen noch dem Renommee des Autors abträglich sind. Diese Selbsteinschätzung läuft, genau besehen, auf die paradoxale Haltung hinaus, genau dort die Macht der Kritik am freiesten auszuüben, wo bereits vorab feststeht, dass sie keinen langfristigen Einfluss haben wird.

Die ausnahmsweise kampfeslustige Kritik führt zudem auch nicht, wie die von Chong befragten Literaturkritiker meinen, zu einer Subversion der bestehenden kulturellen Hierarchie, sondern vielmehr zu deren Festigung. Die polemischen Debatten, die sich um Starautoren entspinnen, fokussieren die verfügbare Aufmerksamkeit des Kulturbetriebs nur noch nachdrücklicher auf eine kleine Autorenelite. Der polemische Schlagabtausch trägt häufig sogar erheblich dazu bei, angegriffene Autoren auf ein Podest zu hieven.

1971 wird Norman Mailer in der Talkshow deshalb auch nicht von dem polemisch agierenden Kritiker Gore Vidal von seinem hohen Podest gestoßen, sondern von der ebenfalls eingeladenen Janet Flanner, der fast achtzigjährigen Paris-Korrespondentin des New Yorker. Mit ihrer weiß behandschuhten Hand wirft die Grande Dame dem erbosten Mailer elegant ein Küsschen zu und tadelt ihn: "Mir wird gerade sehr, sehr langweilig".

© SZ vom 15.07.2020

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