Süddeutsche Zeitung

Unnormal nett:Eiffelturm mit Katzenbabys

Ihre Währung ist Hingabe: Vor 2000 handverlesenen Hardcore-Fans präsentiert Taylor Swift im Pariser Olympia erstmals ihr neues Album "Lover".

Die ersten Tränen fließen, noch bevor Taylor Swift am Montagabend die Bühne betreten hat. "Ja, ich bin jetzt drin!" Einer extra aus Deutschland angereisten Frau bricht die Stimme, als sie am Handy die frohe Kunde nach Hause übermittelt. Dreizehn Stunden Autofahrt, dann einen Tag lang auf dem Boulevard des Capucines Schlange stehen, bis sich die PR-Menschen schließlich erbarmen. Die vier Mitglieder des Swift-Fanklubs aus Norddeutschland kriegen gelbe Bändchen ums Handgelenk. Sie dürfen sich zu den 2000 Personen zählen, die an diesem Abend unter den Ersten sind, die das neue Album der Amerikanerin live hören.

Der Name des Popstars steht in riesigen roten Leuchtbuchstaben an der Fassade des Olympia. Hier haben sie alle gespielt: Edith Piaf, Louis Armstrong, David Bowie, die Rolling Stones. Mit ihren zehn Grammys kann sich Swift entspannt in diese Reihe einschreiben. Und sie tut es so swifthaft wie gewohnt. Die anderen vor ihr waren Legenden, sie ist zusätzlich noch beste Freundin. Tickets für das Konzert konnte man nicht kaufen, man besorgte sie sich mit der Swiftwährung: Liebe und Hingabe. Im Olympia sollen an diesem Abend nur Menschen stehen, die entweder sehr lange vor der Tür gebettelt oder unermüdlich an Radioverlosungen teilgenommen haben.

An den Armen der Besucher wechseln LED-Lichter zum Klang von Swifts Stimme die Farbe

"Ich würde für sie Dinge tun, die würde ich nicht mal für meine Familie tun", sagt ein 20-Jähriger, und seine Konzertpartnerin presst ihre Hände an den Brustkorb, um all ihre Gefühle in den Griff zu bekommen: "Sie ist einfach unnormal nett." Swift, sagen sie, sei "wie eine Droge", "wenn sie mal länger nichts postet auf Instagram, kriege ich Entzugserscheinungen". Ganz nah und unerreichbar: Im echten Leben führt diese Kombination zu bitterstem Liebeskummer, Swift hat mit diesem Rezept mehr als 50 Millionen Alben verkauft.

Als sie auf die Bühne tritt, beginnt nicht nur der ganze Saal zu schreien, die Fans leuchten sogar. Möglich macht es das Spezialarmband, das jeder am Einlass umgeschnallt bekommt und auf dem LED-Lichter zum Klang von Swifts Stimme die Farbe wechseln. So hat jeder ein kleines Stückchen blinkende Swift, ganz für sich allein. Dieses Armband ist auch deshalb eine gute Idee, weil ohnehin alle ständig die Hände in die Luft halten, um das Konzert von Anfang bis Ende zu filmen. Dank der Leuchtdeko neben den Displays sehen die Handys ein bisschen weniger profan aus.

"City of Lover" hat Swift diesen Pariser Abend genannt. Nicht die Stadt der Liebe also, sondern die Stadt von "Lover", ihrem neuen Album. Schließlich bekommt alles, was Swift anfasst, den Markenstempel des Taylor-Universums. Paris ist heute also ihre Stadt, und was das bedeutet, hat sie bereits im Musikvideo zu ihrer Single "ME!" klargemacht. Dort tanzt die Sängerin durch eine am Computer gebastelte Pariskulisse in Pastellfarben. Alles ist Liebe, Liebe, Liebe.

Wenn man in Paris lebt, wird man ja schnell zu einem Garstbold, der applaudierend daneben steht, wenn die Stadtreinigung mal wieder ein paar herzchenverzierte Vorhängeschlösser von den Brücken flext. Swift, ganz Amerikanerin, hält sich mit solchen Zynikern nicht auf. Ihr Paris ist voller Regenbögen, Schmetterlingen, Katzenbabys und Menschen, die mit Regenschirmen durch die Luft fliegen, weil sie so glücklich sind.

Das Überraschende an ihrem Konzert ist, dass all der Zuckerguss nach ziemlich harter Arbeit aussieht, wenn sie ihn live auf der Bühne vorführt. Jede ihrer Bewegungen ist exakt, kein Hüftschlenker überflüssig, jedes Lächeln kontrolliert gesetzt. Sie vereint den harmlosen Mädchencharme, der sie groß gemacht hat, mit dem Auftritt einer Frau, die so wirkt, als träfe sie alle Entscheidungen selbst.

Der Nachhauseweg auf dem Fahrrad führt am Eiffelturm vorbei. Schriftsteller Guy de Maupassant soll oft genau neben dem Bauwerk zu Mittag gegessen haben. Weil er den Turm so schrecklich fand. Er wird zitiert mit dem Satz: "Es ist die einzige Stelle, von wo aus ich ihn nicht sehe." Nach der einstündigen Popinfusion im Olympia ist der Blick auf den Turm ein anderer. Die Gedanken reichen gerade noch für ein "Oh, wie schön er glitzert", bevor man sich gezwungen sieht, weiter Taylor-Swift-Songs zu summen. Das Hirn will protestieren, doch die Füße strampeln zum Rhythmus des Rausschmeißerhits: "Haters gonna hate, hate, hate, hate, hate."

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Quelle:
SZ vom 11.09.2019
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