bedeckt München 17°

Druck auf US-Universitäten:Trumps politische Anwesenheitsliste

FILE PHOTO: U.S. President Donald Trump holds a campaign rally in Charlotte, North Carolina

Faustpfand Bildung: Donald Trump macht Druck auf amerikanische Hochschulen.

(Foto: REUTERS)

Ausländische Studenten, die nur Onlinekurse belegen, müssen die USA im Herbst verlassen. Vermutlich will man die Unis so zwingen, ihre Corona-Sicherheitsvorkehrungen aufzugeben.

Von Nicolas Freund

Es ist etwas in Vergessenheit geraten, aber Donald Trump hat auch einmal eine Art Universität betrieben. Die Trump University in New York war zwar nie offiziell als Hochschule anerkannt, bot aber für Tausende Dollar Kurse zu solchen Dingen wie Immobilienhandel und "Vermögensvermehrung" an. Wie so vieles, was Trump anpackt, scheiterte die Trump-Uni. Mehrere ehemalige Studenten klagten, sie seien betrogen worden, und Mitarbeiter der Uni seien in illegale Geschäftspraktiken verwickelt. 2010 stellte die "Universität" den Betrieb ein, 2011 nahm die New Yorker Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf, die 2016 durch eine Millionenzahlung beigelegt wurden. Wie es nun scheint, war diese Episode nur ein Vorspiel zu dem Umgang Trumps mit Hochschulen, oder was er darunter versteht. Als Präsident der Vereinigten Staaten kann er auf die Belange der mehr als 4000 amerikanischen Hochschulen Einfluss nehmen, nicht nur auf seine eigene.

Diese Woche wurden nun die Visa-Regelungen für Studenten in den USA zwar nicht wirklich verschärft, aber unter den Bedingungen der Corona-Pandemie so modifiziert, dass sie für die mehr als eine Million internationalen Studenten in Amerika große Unsicherheit bedeuten. Die meisten Studenten leben in den USA mit einem sogenannten F-1-Visum, das den Aufenthalt an einer spezifischen Hochschule für den Zeitraum des Studiums erlaubt.

Ausreisen? Heimlich einreisen? Für viele Studenten geht hier ein Lebensweg und -traum kaputt

Die amerikanische Einwanderungsbehörde U.S. Immigrations and Customs Enforcement - passend ICE abgekürzt - hat nun diese Woche neue Regelungen für internationale Studenten im Wintersemester erlassen. Studenten mit F-1-Visa, deren Hochschule nur Onlinekurse anbietet, müssen die USA im Herbst verlassen. Unklar ist derzeit, ob das auch das Ende des F-1-Status bedeutet, oder ob die Studenten zu einem späteren Zeitpunkt mit demselben Visum wieder einreisen dürfen. Studenten, die ein Studium an einer solchen Hochschule antreten oder fortsetzen wollten, dürfen gar nicht erst einreisen. Für Studenten, an deren Uni nicht online unterrichtet wird, ändert sich nichts. Wenn die Universität sowohl Onlineseminare, als auch Präsenzveranstaltungen anbietet, dürfen die Studenten nicht mehr als einen Kurs online belegen. Ursprünglich hatte die Behörde eine Ausnahme für das Belegen von Onlineveranstaltungen im Frühjahrs- und Sommersemester erlassen.

ICE rät nun, um den F-1-Status zu erhalten, im Notfall an eine andere Hochschule zu wechseln, was völlig weltfremd ist. Die Bewerbungen an den Universitäten müssen mehrere Monate, oft mehr als ein halbes Jahr oder noch länger vor Studienantritt eingereicht werden. Viele Studenten bereiten sich teilweise jahrelang auf eine Bewerbung vor. Spontane Wechsel zwischen Hochschulen sind nicht möglich.

In den letzten Jahren kam es in Einzelfällen immer wieder vor, dass Studenten und Dozenten ohne Angabe von Gründen das Visum verweigert wurde, was viele auf die Trump-Regierung zurückführten. Schon 2016 drohte Trump, die Einreise für internationale Studenten erschweren zu wollen und alle Migranten, die sich ohne gültige Papiere in den USA aufhielten, ausweisen zu wollen, selbst wenn sie an einer Hochschule eingeschrieben waren und zum Beispiel als Flüchtlinge auf eine Aufenthaltsgenehmigung warteten.

Auch der neue Erlass wird von den Betroffenen als politisch motiviert wahrgenommen, nicht nur um Migration einzuschränken, sondern auch um die Hochschulen zu zwingen, ihre Sicherheitsvorkehrungen zur Eindämmung des Coronavirus aufzugeben. Parallel dazu drohte Trumps Bildungsministerin Betsy DeVos allen öffentlichen Schulen, ihnen die Gelder zu streichen, wenn sie im Herbst nicht wieder aufmachen.

Es geht den Hochschulen, die nun gegen den Erlass vorgehen, also sowohl um den Migrationsstatus ihrer Studenten als auch um deren Gesundheit. Was diese neuen Regeln für Studenten und Universitäten im Detail bedeuten, ist noch völlig unklar. Die Harvard University und das benachbarte Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben schon Klage gegen die neuen Regelungen eingereicht. Harvard plant, im Herbst ausschließlich online zu unterrichten, MIT und viele andere Universitäten streben derzeit ein Mischmodell an.

Viele internationale Studenten sind in den letzten Monaten ohnehin schon in ihre Heimatländer zurückgekehrt und haben von dort aus an den Onlinekursen teilgenommen. Andere ausländische Studenten haben Partner oder Familien in den USA. Im schlimmsten Fall müssten sie wegen dieser Regelung ihren Partner zurücklassen. Selbst wenn die Universitäten dem Druck nachgeben und auf Präsenzveranstaltungen umschwenken, könnten viele Studenten, die sich gerade in ihren Heimatländern aufhalten, gar nicht einreisen, um im Herbst Präsenzveranstaltungen zu besuchen. Denn derzeit ist es nicht erlaubt, aus China, Iran, dem Schengenraum sowie Irland, dem Vereinigten Königreich und Brasilien in die Vereinigten Staaten einzureisen. Unter Studenten kursieren schon Pläne, die Reiseeinschränkungen zu umgehen. So soll es möglich sein, über einen Drittstaat nach zwei Wochen in die USA einzureisen. Andererseits ist es in Visa-Angelegenheiten nicht ratsam, sich mit amerikanischen Behörden anzulegen.

Eine deutsche Doktorandin an der Princeton University, deren Name hier nicht genannt wird, beklagt im Gespräch mit der SZ, der Erlass würde Studenten gegeneinander ausspielen. Für amerikanische Studenten ist es natürlich kein Problem, wenn die Kurse nur online angeboten werden, ihre ausländischen Kommilitonen sind aber nun darauf angewiesen, dass die Unis im besten Fall Hybridmodelle anbieten, also Seminare und Vorlesungen, die als Präsenzveranstaltungen abgehalten werden, aber auch online stattfinden. Das würde aber bedeuten, dass sie zurück in die USA müssten, was gerade verboten ist. Werden nur Onlineveranstaltungen angeboten, ist das für die Studenten im Ausland kein Problem, aber ihre ausländischen Kommilitonen in den USA müssten dann ausreisen. Das setzt die Universitäten unter Druck, die entscheiden müssen, wie sie mit den unterschiedlichen Interessen ihrer Studenten umgehen und wie viel Gefahr einer Corona-Infektion sie Studenten und Dozenten zumuten wollen.

Nicht zuletzt ist der Erlass für viele auch eine finanzielle Frage: Studenten, die sich gerade im Ausland aufhalten, wissen nicht, ob ihr Stipendium weiterbezahlt wird, wenn sie ihr Visum verlieren. Auch für die Unis selbst bedeuten die ausbleibenden Studenten einen großen Verlust. Nicht nur weil sie oft noch höhere Studiengebühren zahlen als amerikanische Studenten, sondern auch weil die Universitäten in ihren Seminaren großen Wert auf internationalen Austausch legen. Amerikanische Unis sind Unternehmen, die Bildung als ein Gesamtpaket anbieten, bei dem nicht nur Unterricht, sondern auch ein Leben auf einem vielseitigen, internationalen Campus, besonders für jüngere Studenten, ein nicht unwesentlicher Teil der Ausbildung ist. Für Forschung ist der internationale Austausch ohnehin unerlässlich. Der Visa-Erlass trifft die Studenten, wie auch die Universitäten hart. Er schädigt die gesamte Wissenschaft, nicht nur in den USA.

© SZ vom 10.07.2020/tmh

SZ Plus
Mary Trump
:Mein Onkel, der Präsident

Über Donald Trump wurden schon reichlich Bücher geschrieben. Seit bekannt wurde, dass seine Nichte bald eines veröffentlichen wird, stellt sich die Frage: Wer ist Mary Trump - und was hat sie zu erzählen, dass Donald Trump sie fürchtet?

Von Christian Zaschke

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite