Universalgeschichte 14 Milliarden Jahre auf 400 Seiten

„Ein Stern unter Sternen“ sei die Erde, schrieb Johann Gottfried Herder: Die Welt, aus dem All betrachtet.

(Foto: dpa)

Big History erklärt die Geschichte vom Urknall bis zum Anthropozän. Ihr Begründer David Christian hat diesen irren Zeitraum gerade in einem faszinierenden Buch zusammengefasst.

Von Gustav Seibt

Chroniken begannen früher üblicherweise mit der Erschaffung der Welt. Auch die Bibel ist zunächst ein Geschichtsbuch. Später legte die verwissenschaftlichte Historie einen Graben zwischen Natur und Geschichte, dann sogar zwischen Geschichte und Vorgeschichte. Vorgeschichte, das war das schriftlose, überlieferungsarme Leben des Menschen, mehr Anthropologie als Historie. Die Kolonisierung fremder Kulturen wurde als deren "Eintritt in die Geschichte" gefeiert. Die Geschichte von Erde und Weltall fand ohnehin in anderen Dimensionen statt.

Allerdings sind diese Trennungen erst jungen Datums. Noch im 18. Jahrhundert konnten Naturgeschichte und Historie organisch ineinander übergehen. Johann Gottfried Herder beginnt seine "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" mit einer Prosa, die an Joseph Haydns Schöpfungsmusik erinnert. "Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen" lautet das erste Kapitel: "Mit unsichtbaren, ewigen Banden ist sie an ihren Mittelpunkt, die Sonne, gebunden, von der sie Licht, Wärme, Leben und Gedeihen erhält."

Es wirkt wie eine der vielen Reprisen der Ideengeschichte, wenn seit anderthalb Jahrzehnten mit dem Konzept der "Big History" diese Einheit von Weltall und Geschichte wieder auf den Plan tritt. Denn "Big History", das ist die Disziplin, die die Geschichte von "allem" erzählen will, vom Urknall bis zum Anthropozän, und zwar wirklich als Geschichte.

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Sie verfährt in zeitlicher Reihenfolge, beginnt vor 13,8 Milliarden Jahren mit der urplötzlichen Ausdehnung eines Energiepunkts, womit das bis heute andauernde Auseinandertreiben des Weltalls einsetzt. Sie verfolgt danach die Energieumschichtungen und Teilchenmetamorphosen, die vor 13,2 Milliarden Jahren erste Sterne glühen lassen, begleitet die seither andauernde Entstehung neuer Elemente auf sterbenden Sternen und gelangt bei unserer Sonne vor 4,5 Milliarden Jahren zu einer ersten Form von Anschaulichkeit für uns Erdenbewohner. Die Sonne, das war Herders Ausgangspunkt.

Auf einem ihrer Trabanten kann sich bei ebenso zufälligen wie instabilen Atmosphäreverhältnissen vor 3,8 Milliarden Jahren erstes Leben bilden, das sich vor 600 Millionen Jahren in größeren Organismen aus arbeitsteiligen Zellverbänden entwickelt. Irgendwann schaffen es diese komplexen Lebewesen vom Wasser aufs Land, in einer Operation, die der Kolonisierung eines neuen Planeten gleicht, so mühsam, langwierig und riskant war sie. Da sind wir bei 600 Millionen Jahren vor unserer Zeit. Der schöne Vergleich von Landnahme mit Planetenbesiedelung stammt von David Christian, dem eigentlichen Begründer und wichtigsten Vertreter der "Big History". Soeben hat er eine neue Synthese seines Fachs vorgelegt: "Big History. Die Geschichte der Welt - vom Urknall bis zur Zukunft der Menschheit" (Hanser-Verlag).

Wo es Milliarden Galaxien mit Abermilliarden Planetensystemen gibt, könnte es auch anderswo Leben geben.

Ein Prinzip dieser Geschichte ist die rasende Beschleunigung. Denn schon 65 Millionen Jahre vor unserer Zeit kann ein Asteroideneinschlag höchstentwickelte Riesentiere wie die Dinosaurier innerhalb weniger Stunden vernichten. Gemessen an den Gesamtdimensionen fand das erst vor drei Wochen statt, wenn man nämlich die Zeitleiste durch den Faktor 1 Milliarde teilt. Geradezu intim nah ist die Trennung von Schimpansen und Hominiden, menschenähnlichen Affen also, vor etwa sieben Millionen Jahren - was 2,5 Tagen entspräche.

Den Homo erectus, einen aufrecht gehenden Menschen, soll es vor 200 000 Jahren gegeben haben, und damit sind wir schon fast bei dem Zeitmaß, über das der Mensch sich traditionell Rechenschaft geben soll: Vor 10 000 Jahren endete die letzte Eiszeit, eine von mehreren: Immer wieder vergletscherte der Erdball und wurde wieder überschwemmt.

Der Rest ist vergleichsweise bekannt: Vor 5000 Jahren begannen jene Agrarzivilisationen, die vom Überschuss des Landanbaus große Städte und Staaten ernähren, die schriftkundig sind, Wissen akkumulieren, Traditionen weitergeben und übers Menschsein überhaupt nachdenken können. Der aus fernster Tiefe stammende Kosmos schlägt im Menschen das Auge auf und wird sich an einem winzigen Punkt seiner selbst bewusst - wer aber will wissen, an wie viel anderen noch? Wo es Milliarden Galaxien mit Abermilliarden Planetensystemen gibt, können auch anderswo die Bedingungen für Leben und Bewusstsein entstehen. Die Weltchronik wird lokal.

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Aber bigger geht es doch nicht. Zumal wenn diese Geschichte nur einen mittellangen Band von knapp 400 Seiten umfasst, und dabei nicht einfach Zeitspannen durchmisst, sondern ganze Wissensgebiete aufschlüsselt, Sternenkunde, Erdkunde, Klimakunde, Biologie. Der kosmische Vorlauf mündet in die Fotosynthese, die raffinierte Verwandlung von Sonnenlichtenergie in Pflanzenwachstum, für Organismen also, die der Schwerkraft mit stabilen hochhausartigen Strukturen entgegenarbeiten, um sich zur Sonne zu recken: Gräser, Blumen und Bäume. Erde und Sonne, das ist unser Link zum Kosmos. Denn mit der Fotosynthese beginnt die terrestrische Nahrungskette, weil Pflanzen und ihre Früchte von Tieren gefressen werden können, die sich wiederum gegenseitig verspeisen. Aus dem Roman des Weltalls wird der Roman der Evolution.