DebatteIst der Ruf erst ruiniert

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Viktor Orbán, die vergangenen 16 Jahre Ungarns Premier, gesteht am Wahlabend vor Anhängern seine Niederlage ein. Er war bereits von 1998 bis 2002 ungarischer Ministerpräsident, galt damals aber als relativ moderat.
Viktor Orbán, die vergangenen 16 Jahre Ungarns Premier, gesteht am Wahlabend vor Anhängern seine Niederlage ein. Er war bereits von 1998 bis 2002 ungarischer Ministerpräsident, galt damals aber als relativ moderat. Petr David Josek/AP

Viktor Orbán hat die Wahl in Ungarn zwar verloren – aber sein Wahlkampf war eine Warnung für die Zukunft: Seine Truppe versuchte nicht einmal mehr, so zu tun, als spiele sie nach den Regeln.

Von Cathrin Kahlweit

Zwei Tage vor seiner krachenden Niederlage versuchte sich Viktor Orbán noch einmal in einer Kunst, die er in den vergangenen 16 Jahren an der Macht zunehmend perfektioniert hat: Angstmache, Einschüchterung, Lügen. „Der Gegner“ – den Namen seines Herausforderers Péter Magyar hatte er in einem zunehmend aggressiven Wahlkampf kaum ausgesprochen und tat es auch diesmal nicht –, der Gegner also kollaboriere mit ausländischen Geheimdiensten, rede von Wahlbetrug, organisiere Chaos und versuche, das Wahlergebnis durch eine „internationale Dämonisierung“ von Fidesz infrage zu stellen.

Das war kühn. Schließlich hatten monatelange und gut belegte Recherchen der wenigen unabhängigen Medien in Ungarn sowie der internationalen Presse da längst bewiesen, dass dies in Wahrheit die Taktik von Orbáns Fidesz und seiner Regierung war: Sie schickten, vor allem auf dem Land, Parteifreunde los, um Stimmenkauf zu organisieren, sie stellten Péter Magyar und seine Tisza-Partei als käufliche EU-Büttel und Komplizen des vermeintlichen Kriegstreibers Ukraine hin, sie behaupteten, Magyar wolle Ungarn in den Krieg gegen Russland hineinziehen, sie kollaborierten mit russischen Geheimdiensten, reichten dem Kreml Informationen aus Brüssel weiter und paradierten mit Regierungsmitgliedern aus den USA, die als Wahlhelfer auftraten.

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Man konnte die Manipulationsversuche und die Interventionen teils in Echtzeit verfolgen, weil, anders als in China oder Russland, der Zugang zum Netz in Europa frei ist – und weil Zivilcourage nicht automatisch eine Gefängnisstrafe beschert: in epischen Dokumentationen auf Youtube (etwa „A szavazat ára“, „Der Preis der Stimme“), in Interviews mit Whistleblowern (bei VSquare.org oder Direkt36.hu), beim Minisender Partizan – oder auch in der Washington Post. Angesichts von mehr als 80 Prozent regierungskontrollierten Medien hat sich in Ungarn aus der Not eine lebendige Grassroot-Szene entwickelt, die mittlerweile nicht nur von der Gen Z frequentiert wird. Orbáns Leute verhinderten in staatsnahen Medien jegliche positive oder auch nur neutrale Erwähnung des „Gegners“; liberale Zeitungen wurden geschlossen, Sender übernommen. Kritische Medien sind daher fast ausschließlich im Netz zu finden.

Das role model der neuen Autoritären hat, das zeigte sich in den vergangenen Monaten, seine vielleicht größte Fähigkeit verlernt: sein Publikum zu lesen, die Atmosphäre in einer Menge aufzusaugen, im Notfall zu drehen. Der müde gewordene Mann hatte in einer Welt voller Krisen, die ihm das Geschäft mit den Mächtigen und den Oligarchen dieser Welt erschwerte, erkennbar nicht mehr die Kraft, sich gegen einen 45-Jährigen zu wehren, der sechs Veranstaltungen am Tag absolvierte – und praktisch keinen Fehler machte. Weil Péter Magyar sich, anders als Orbán, in diesem als historisch zu wertenden Wahlkampf nie auf die Metaebene begab, nicht über Werte und Ideologie, über Geopolitik und internationale Krisen sprach. Sondern über Toilettenpapier und den Preis von Brot.

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Orbán und seine Unterstützer haben stattdessen – im Internet wie im wirklichen Leben – einen fast surrealen, einen postrealistischen Wahlkampf geführt, in dem nicht mal der Versuch gemacht wurde, plausibel zu wirken oder glaubwürdig zu sein. Das wichtigste und absurdeste Narrativ: Die Ukraine wolle in Ungarn einmarschieren. Es gab mutmaßliche False-Flag-Operationen wie einen umgehend der Ukraine zugeschriebenen Sprengstoff-Fund an einer Pipeline in Serbien. Russische Bots waren im Großeinsatz, die ungarische Netze fluteten. Gefälschte Webseiten im – vom russischen FSB perfektionierten – „Matrjoschka-Stil“ kopierten seriöse Medien täuschend echt und füllten die gefälschten Webseiten mit Fake News. Cyberattacken auf die IT der Opposition wurden ausgeführt.

Hunderte Deepfakes zeigten Gruselvideos: Ungarische Soldaten wurden von Ukrainern ermordet. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij hockte Kokain schnupfend auf einer goldenen Toilette. Péter Magyar telefonierte mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und wies sie an, ihm Geld zu schicken. Magyar brachte einen Hundewelpen in der Mikrowelle um. Magyar beschimpfte ungarische Kinder. Magyar plante einen Putsch.

Es war eine Flut kruder Fantasien, von Gewalt, von Sex, Lügen und Videotapes. Was der siegesgewohnte Ministerpräsident in seiner in vier Legislaturen ausgebauten Wahlautokratie längst nicht mehr wollte, vielleicht nicht mehr nötig zu haben glaubte: um Vertrauen zu werben. Was er offenbar wollte: Vertrauen zerstören. Und damit erkennbar das zur Anwendung bringen, was die Forschung als ultimative Desinformation bezeichnet: die Verbreitung einer manipulierten und manipulativen Botschaft, die das Ziel hat, zu beweisen, dass man niemandem mehr trauen kann, dass die Eliten lügen, dass demokratische Kräfte dysfunktional sind. Es ging nicht mehr darum, von einer bestimmten Wahrheit zu überzeugen. Sondern darum, „durch multiple Krisen schon vorherrschende Konflikte in der Gesellschaft zu verstärken“, wie es bei der Bundeszentrale für politische Bildung in einem soliden Erklärstück über „politische Manipulation“ heißt. Der Autor nennt das „Anleitung zum selbst legitimierten Staatsstreich“.

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Orbán hat am Sonntagabend seine Wahlniederlage eingestanden. Die schlimmsten Befürchtungen seiner Gegner, dass er das Ergebnis negieren, die Wahl anfechten oder die Regeln im Nachhinein ändern, also einen echten Staatsstreich anordnen könnte, haben sich – bisher – nicht bewahrheitet. Er hat bisher nicht Donald Trump kopiert und behauptet, die Wahl sei gefälscht, auch wenn der ungarische Regierungssprecher noch während der Auszählung von massiver Wahlfälschung durch Magyars Partei Tisza schwafelte. Orbán der Spieler, Orbán der Sportler, Orbán der Langzeitregent ist nach einem so deutlichen Sieg der Gegenseite wie diesem, mit dem Magyar aus dem Stand eine Zweidrittelmehrheit der Sitze errang, vermutlich nicht der Typ, selbst jetzt noch von einem Erdrutschsieg zu schwadronieren. Und er hätte auch, eingebunden in die EU und konfrontiert mit einer empörten Bevölkerung, langfristig nicht die Machtmittel, um, wie der Narzisst Trump, eine Wahlniederlage in einen Pyrrhussieg zu drehen.

Orbán tat seit Monaten nicht mal so, als habe er, als brauche er keine Hilfe. Das ist neu. Selbst Trump verfolgt bis heute jeden, der zu behaupten wagt, er habe in seinen Wahlkämpfen Hilfe aus dem Kreml gehabt. In Rumänien wurde der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2024 wegen massiver Manipulationen und russischer Interventionen im Hintergrund annulliert. In der Republik Moldau schleppten Mittelsmänner des Kreml 2025 bei der Parlamentswahl teils noch Taschen voller Geld zum Stimmenkauf physisch ins Land und fluteten russischsprachige Sender mit Anti-EU-Propaganda; Präsidentin Maia Sandu und ihre Regierung gewannen mit einem hauchdünnen Vorsprung. In Bulgarien, wo im Windschatten internationaler Krisen am kommenden Sonntag mal wieder das Parlament gewählt wird, tritt Ex-Präsident Rumen Radew mit hohen Siegchancen an und vermeidet es, über das zu sprechen, was ihn bislang auszeichnete: seine Sympathien für Russland. All das geschieht im Halbdunkel, mit verdeckten Operationen, schleichender Unterwanderung.

Deshalb ist dieser Wahlkampf in Ungarn im Frühjahr 2026 ein Wendepunkt und ein Testfall. Er fand in einem EU-Land statt, das wie kein anderes im Westen den Aktionsraum politischer Gegner beschränkte und bedrohte, dessen Wahlsystem massiv zugunsten der regierenden Partei umgebaut war. Die meisten Oppositionsparteien traten nicht mehr an, um die Chancen eines einzigen Kandidaten nicht zu gefährden; im nächsten Parlament wird daher keine einzige liberale oder linke Partei sitzen. Das ist nur eine Konsequenz eines präzedenzlosen Wahl- und Machtkampfes.

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Als wäre es nicht mehr wichtig, den Schein zu wahren. Als ginge es nur noch um Sieg oder Untergang

Vor allem stellte die Kampagne von Fidesz eine neue Qualität dar: Orbáns Truppe versuchte nicht einmal mehr, so zu tun, als spiele sie nach den Regeln. Als sei dies eine faire Wahl. Die Finanzierung des Wahlkampfes aus dem Staatshaushalt, die Drohung mit Sexvideos des Oppositionskandidaten, Hacks der gegnerischen IT, Bestechung, Kartoffelsäcke und Geldscheine für Minderheiten, teure Steuergeschenke für die eigenen Leute, Wahlkampfeinmischung mächtiger Freunde – alles ist nun, am Ende, out in the open, manches selbst öffentlich gemacht, anderes nach der Veröffentlichung zum Schluss kaum noch bestritten. Als wäre es nicht mehr wichtig, den Schein zu wahren. Als ginge es nur noch um alles oder nichts, um Sieg oder Untergang.

„The Hungarian Candidate“ – so hieß ein Text zur Ungarn-Wahl des vielleicht berühmtesten, sicher aber umtriebigsten US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder. Der Titel spielt nicht von ungefähr auf einen Roman aus dem Jahr 1959 und die spätere Hollywood-Verfilmung von Jonathan Demme an: „The Manchurian Candidate“. Auch darin geht es um Krieg, Manipulation und Wahlbetrug. Snyder nennt Orbán in seinem Essay nicht nur den Erfinder des „postmodernen Autoritarismus“, sondern auch einen „Pionier der Unrealität“, der sich in den Dienst eines „oligarcho-faschistischen Netzwerkes“ gestellt habe. Auch Anne Applebaum, die andere berühmte US-Historikerin, die sich vergangene Woche im Atlantic an Orbán abarbeitete, schreibt, dieser habe gerade nicht über die Realität geredet, sondern über Feinde von außen. Über virtuelle Feinde, die es nicht gebe, anstelle von Fehlern, die jeder sehe.

Das war wahrscheinlich der entscheidende Fehler eines Wahlkampfes, der die Möglichkeiten der Lüge im Netz exzessiv ausnutzte und die Psychologie der Angst extensiv bewirtschaftete: Wenn die Wähler den Feind nicht sehen können, aber stattdessen sehen können, dass im Krankenhaus das Toilettenpapier und in der Apotheke das Penicillin fehlt, wenn Ärzte und Lehrer emigrieren, weil sie wie Tagelöhner bezahlt werden, wenn die Jugend flüchtet, weil sie keine Zukunft mehr sieht, dann helfen alle Kreml-Bots wenig. Dann siegt die Angst vor der Realität.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes haben wir den ehemaligen bulgarischen Präsidenten Rumen Radew fälschlicherweise Rumen Ramen genannt.

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