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Ungarn:Nationale Kunst

Viktor Orbán versucht, eine Universität in Budapest auf rechtsnationale Parteilinie zu bringen. Studierende und Lehrende protestieren.

Von Tobias Zick

Für Viktor Orbán ist es ein überfälliger "Modellwechsel", für die bisherige Hochschulleitung ist es das "Ende der Autonomie". Die Budapester Universität für Theater- und Filmkunst, die SZFE, wird künftig von einer staatlichen "Stiftung für Theater- und Filmkunst" geführt, womit sich dem Namen nach wenig ändert, inhaltlich und künstlerisch aber so ziemlich alles. Der Vorsitzende des neuen Kuratoriums, Nationaltheater-Intendant Attila Vidnyánszky, ist ein Vertrauter Orbáns und hat sich als solcher die Schaffung einer neuen, "nationalen" Kunst auf die Fahnen geschrieben, der die bisherige Führung der Universität sich verweigert habe.

Die ist am Montag geschlossen zurückgetreten, kurz bevor am Folgetag sämtliche Leitungsbefugnisse auf das neue, von der rechtsnationalen Regierung handverlesene Kuratorium übergingen. Dieses habe "jeglichen Dialog mit uns verweigert ", sagte der scheidende Rektor László Upor auf einer Pressekonferenz; deshalb "blieb uns nichts anderes übrig".

Studenten der SZFE begannen daraufhin, das Gebäude zu besetzen und den Eingang mit zahllosen Lagen rot-weißen Absperrbands zu verbarrikadieren. Passanten brachten den Protestierenden am Dienstag Getränke und Essen. "Unsere Universität ist nicht die erste, die an eine Stiftung übergeben wird", sagt Janka Veszelovszki, eine der Organisatorinnen des Protests, der Nachrichtenagentur Bloomberg: "Wir sind nur die Ersten, die sich dagegen auflehnen." Am selben Tag reichte eine Reihe renommierter Lehrkräfte der Universität ihre Kündigung ein, darunter Ildikó Enyedi, Gewinnerin des Goldenen Bären 2017, sowie die Theaterregisseure Tamás Ascher und Viktor Bodó.

Das neue Kuratorium reagierte auf die Proteste mit Vorwürfen an die bisherigen Senatoren und Dekane: Deren kollektiver Rücktritt sei "inakzeptabel und unverantwortlich"; sie hätten "ihre Studenten und Kollegen im Stich gelassen". Man sei gewillt, heißt es in einer schriftlichen Erklärung, "die 155 Jahre alte Universität aufzufrischen und ihre Arbeit besser, transparenter und moderner zu machen".

Der linksliberale Bürgermeister von Budapest, Gergely Karácsony, stellte sich auf die Seite der Protestierenden: Die renommierte Universität falle der "zerstörerischen Gier des Systems" zum Opfer, schrieb er auf Facebook; die Regierung betreibe einen "schäbigen und dummen Kulturkrieg".

© SZ vom 03.09.2020/cat

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