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Ungarn:Keine Lust auf den Medienschlamm

Oft aber wirken diese ethnizistischen Muskelspiele nur wie pubertäre Provokationen. "Oder warum", so fragt György Bolgár, "warum stellen die Betreiber der Facebookseite der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft einen Song der nationalistischen Band Kárpátia auf die Seite, in dem es heißt: 'Mit unseren Stiefeln marschieren wir in Kolozsvár ein'?" Kolozsvar ist der ungarische Name der Stadt Cluj, die seit Trianon, also seit 92 Jahren, zu Rumänien gehört. Irgendjemand hatte sich sogar die Mühe gemacht, die englische Übersetzung des Songs auf die Seite zu stellen. "Ist das Dummheit? Subversion?", fragt Bolgár. "Jedenfalls ist es typisch für die Provokation gegen Europa. Wir haben kein Öl, keine Think Tanks, kaum Industrie, wir haben nur die EU. Und schimpfen permanent gegen sie, das ist politischer Selbstmord. Europa müsste da viel schärfer protestieren."

Bolgár und Heller haben den Mut zu reden, viele aber sagen, sie möchten nicht zitiert werden, weil sie um ihren Job fürchten oder keine Lust mehr haben auf den Medienschlamm. Der Philosoph G.M. Tamas, der selbst in den Zeitungen als "böses Genie" beschrieben wird, aber in seinem abgewetzten Ohrensessel, mit seiner Pfeife, inmitten seiner immensen Bücherstapel aussieht wie eine freundliche Kinderbuchfigur, sagt, er fürchte mittlerweile um das Leben des ehemaligen Premiers Ferenc Gyurcsány, "der Mann ist hochproblematisch, aber gegen den wird mit solch inbrünstigem Hass geschrieben, dass mich nicht wundern würde, wenn ihm etwas passiert. Das erinnert in der fanatischen Wucht an die Weimarer Hetze gegen Rathenau."

In einer Art absurdem Umkehrschluss griff der Staatssekretär Gergely Pröhle die deutschen Medien kürzlich für deren Berichterstattung an. Er verglich Ungarn mit der "schuldlos angeklagten" Katharina Blum, der Hauptfigur aus Heinrich Bölls Roman, für die ihr Autor "keinen anderen Ausweg findet als die Ermordung eines Reporters des auflagenstärksten Boulevardblattes". Wenn die deutsche Presse Ungarn als "Führerstaat" bezeichne, blieben "nur zwei Reaktionen übrig: das matte Achselzucken oder die Radikalisierung à la Katharina Blum."

Nun ist es tatsächlich platt, wenn in deutschen Zeitungen mit NS-Vergleichen hantiert wird. Orbán ist ein machtgieriger Ethnizist, ein Nazi ist er nicht. Aber Pröhles Vergleich ist doch derart bizarr, dass man ihn sich noch mal von ihm selbst erklären lassen muss.

Pröhle sitzt in seinem Büro im Außenministerium, draußen fließt die glitzernde Donau vorbei, er redet betont leise und ruhig, man hat aber permanent den Eindruck, dass da subkutan sehr viel Strom durch seine Leitungen fließt. Auf die Frage, wie er sich all den Protest gegen seine Regierung erkläre, sagt er etwas extrem Hässliches, Aggressives, was er später gestrichen haben will, also streichen wir es, wir wollen schließlich nicht schuld sein an der "Radikalisierung à la Blum".

Aber ist es nicht bizarr, den souveränen Staat Ungarn mit einer verzweifelten Frau zu vergleichen, gegen den eine Boulevardzeitung ein Kesseltreiben veranstaltet? "Das darf man doch nicht wörtlich nehmen. Wenn ich aber sehe, wie in euren Zeitungen Dinge vom Hörensagen zusammengebastelt werden, bin ich mit steigendem Blutdruck auf dem Weg der Radikalisierung. Das ist gefährlich, denn dann kann man eure Texte nicht mehr ernstnehmen." Auf die Frage, warum in Ungarn selbst nicht gegen die Medienhetze vorgegangen werde, sagt er: "Sehen Sie, wie gut, dass wir bald ein Mediengesetz haben. Da könnte man das unterbinden." Da ist Skepsis angebracht, schließlich sitzen in der Behörde, die die Umsetzung des Gesetzes überwachen soll, ausschließlich Fidesz-Leute. Für Pröhle liegt das nur daran, "dass die Sozialisten und anderen Oppositionsparteien sich geweigert haben, Kandidaten aufzustellen, selber schuld".

Auf den Einwand, die säßen da mit gutem Grund nicht drin, schließlich haben sie das Mediengesetz genau so kritisiert wie die UN und die EU, zuckt Pröhle die Achseln: "Wir sind auf den Protest eingegangen und haben Änderungen vorgenommen, die Kommission ist jetzt einverstanden. Wer immer noch Probleme hat mit dem Mediengesetz, hat Probleme mit der EU-Kommission." Damit einen ganz herzlichen Glückwunsch an die EU, die sich zum argumentativen Steigbügelhalter der Orbán-Regierung gemacht hat.

Neuen Umfragen zufolge ist der Zuspruch der Wähler zur Fidesz übrigens stark gesunken. Wirklich profitiert hat davon aber nur eine Partei: Die rechtsradikale Jobbik.

© SZ vom 14.05.2011

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