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Ungarn:Abschalten und gleichschalten!

Proteste in Ungarn für Erhalt der  Universitätsautonomie

Die Proteste gegen die Gleichschaltung der Universität für Theater- und Filmkunst (SZFE) in Budapest reißen nicht ab - hier eine Szene von den Demonstrationen im September.

(Foto: dpa)

Der Kampf um die Budapester Theater-Universität eskaliert: Der Verwaltungschef, ein Oberst, lässt das Internet abschalten und Kabel rausreißen, die Studenten rufen zum Protestmarsch auf.

Von Tobias Zick

Der Kampf um die Universität für Theater und Filmkunst (SZFE) in Budapest nimmt immer aggressivere Züge an. Aus Sicht des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán dürfte es sich jetzt als goldrichtig erweisen, einen gestandenen Offizier zum Verwaltungschef der international bislang angesehenen Hochschule gemacht zu haben. Gábor Szarka, ehemals Stabschef im Verteidigungsministerium, hat die seit nunmehr eineinhalb Monaten andauernde Besatzung der SZFE schriftlich für "beendet" erklärt. Da die Mehrzahl der Studenten, die mit dieser Besatzung gegen die aus ihrer Sicht feindliche Übernahme protestieren, das erwartungsgemäß anders sehen, ist Szarka vom Wort zur Tat übergegangen, hat in zwei Gebäuden des Campus das Internet abschalten lassen und sich anschließend in einem Fernsehinterview dieses persönlichen Durchgreifens gerühmt. Damit nicht irgendwer auf die Idee kommt, das Internet wieder anzuschalten, ließ er auch gleich Datenkabel abmontieren, zudem wurden Schlösser ausgewechselt. Er werde "so weit gehen wie möglich", verkündete Szarka in die Kamera, um "diese Art von innerer Anarchie" zu beenden.

Nach klassischer Lehre könnte man argumentieren, dass eine gewisse innere Anarchie, wie sie der zum Hochschul-Kanzler beförderte Oberst jetzt ganz physisch bekämpft, zum Wesenskern einer Hochschule gehört, einer der Künste schon mal sowieso, aber genau damit soll es nach Orbáns Willen im Land grundsätzlich vorbei sein. Zu der von ihm angestrebten "illiberalen Demokratie" gehört eine "nationale Kunst", und insofern hat die Regierung der Hochschule, die bis vor kurzem als Hort des freien Denkens und Schaffens galt, einen Kuratoriumsvorsitzenden verpasst bekommen, der sich selbst als "Kulturnationalist" bezeichnet und den entsprechenden Geist schon seit längerem durchs Budapester Nationaltheater wehen lässt. Dort ist der gelernte Regisseur Attila Vidnyánszky seit 2013 Intendant. Der 115 Jahre alten Theater- und Filmhochschule will er jetzt ihren, wie er sagt, "Elitismus" austreiben und die Lehre künftig auf "die Nation, die Heimat und das Christentum" konzentrieren.

Nachdem die Regierung Ende August die bisherige Hochschulleitung weitgehend entmachtet hatte, trat diese aus Protest zurück, ebensomehrere renommierte Dozenten. Es gab Demonstrationen, Menschenketten in Budapest, eine Fackel wurde symbolisch in andere Städte getragen. Nicht nur im eigenen Land ruft Viktor Orbáns mit seinem Kulturkampf gegen die akademische Freiheit Widerstand hervor. Vorletzte Woche hat der Europäische Gerichtshof geurteilt, dass ein ungarisches Gesetz, das eigens auf die Vertreibung der Central European University (CEU) aus dem Land zugeschnitten war, gegen europäisches Recht verstößt.

Der Demonstrationsort erinnert an die Proteste von '56. Damals kamen die Panzer

Die Studenten der SZFE sollen jetzt, das hat Oberst Gábor Szarka verkündet, eine Erklärung unterschreiben, in der sie sich zur Zusammenarbeit mit der neuen Führung willens erklären. Am kommenden Freitag wollen sie einen Protestmarsch am Donauufer veranstalten, ausgehend von dem Ort, wo am selben Tag vor 64 Jahren, dem 23. Oktober 1956, Studenten gegen die kommunistische Einparteidiktatur demonstrierten - bis eineinhalb Wochen später sowjetische Panzer den Volksaufstand niederschlugen.

© SZ vom 17.10.2020

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