bedeckt München
vgwortpixel

Ungarische Literatur:Konformitätsdruck

Gábor Schein konfrontiert in "Der Schwede" das gegenwärtige Ungarn mit der gescheiterten Revolution von 1956.

In den Neunzigerjahren konnte man sich kurzzeitig der schönen Illusion hingeben, das 20. Jahrhundert sei doch noch friedlich zu einem Ende gekommen. Doch die Gesinnungsenkel totalitärer Machthaber sind heute, ausgestattet mit eindrucksvollen Fähigkeiten zur Geschichtsklitterung, politische Akteure mit zunehmendem Gewicht. Die Literatur vermag vielleicht besser als jedes andere Medium, jede andere Kunstform die inzwischen oftmals verleugneten Linien nachzuzeichnen, die von der Vergangenheit in die Gegenwart führen, von der Sehnsucht nach Vergessen zum pathetischen Retrokitsch. Und immer auch zurück.

Gábor Schein, geboren 1969 in Budapest, ist Dichter, Autor, Kritiker und Übersetzer deutscher Lyrik; er lehrt ungarische Literatur an der Eötvös-Loránd-Universität von Budapest. In seiner Heimat hat er etliche Gedichtbände und Theaterstücke veröffentlicht, hierzulande wurde sein Werk bisher kaum wahrgenommen. Auf Deutsch erschien 2004 im Verlag Merz und Solitude ein schmaler Roman mit dem Titel "Lazarus".

Nun, 15 Jahre später, versucht die wiederauferstandene Friedenauer Presse den Autor mit seinem jüngsten Roman, übersetzt von Lacy Kornitzer, dem deutschsprachigen Publikum näherzubringen. "Der Schwede", 2015 im Original erschienen, spannt einen Bogen von 1956 bis ins Jahr 2006, einer Zeit, wie Schein schreibt, "die schon vom baldigen Rückfall Ungarns in seine Vergangenheit kündet". Das Buch handelt von jenen Gespenstern, die aus dem 20. Jahrhundert hinübergreifen ins Jetzt. Davon, wie sich das System der Lebenswelt der Individuen zu bemächtigen sucht.

Drei Figuren des Romans sind in den unaufhaltsamen Lauf der Geschichte zwischen dem neutralen Schweden und dem ehemals kommunistischen Ungarn verstrickt. Da ist zunächst Grönewald, der seine unheilbare Krankheit schon in sich trägt. Er hat zeit seines Lebens eine Sammelleidenschaft gehegt und sich mit "toten" Gegenständen umgeben, die seiner "Fantasie Flügel" verleihen sollten. Diese Beziehung zu den Dingen hat es ihm ermöglicht, menschlicher Nähe aus dem Weg zu gehen. Zu seinem Sohn Ervin hat er ein äußerst distanziertes Verhältnis. Der Kontakt ist längst abgebrochen.

Gabor Schein

Der Autor Gábor Schein.

(Foto: Gabor Schein)

Nach dem Tod seiner Frau interessiert Grönewald sich endlich für seinen Sohn, genauer: für die Leerstelle, die dessen Leben mitbestimmt. Ervin ist ein adoptiertes Kind. 1957 nahm das schwedische Paar Grönewald, den Flüchtlingsjungen aus Ungarn, zu sich in Obhut. Drei oder vier Jahre alt war er da, und das ist auch schon alles, was die beiden damals über das Kind wussten. Ervin wuchs in einer Umgebung auf, von der er wohl spürte, dass sie ihm etwas vorenthielt - aber die Pflegeeltern wollten den Jungen vor der Vergangenheit abschirmen, und sich selbst wohl auch. "Das bedeutete, Ervin nicht mit der dünnen Schicht seiner Geschichte, soweit sie ihnen bekannt war, vertraut zu machen.

Die Hauptfiguren des Romans sind miteinander verbunden, aber sie können sich nicht annähern

Daran hielt sich Grönewald selbst nach seiner Pensionierung und dem Tod seiner Frau und auch, nachdem er der fehlenden Vorgeschichte schrittweise auf die Spur gekommen war, den Umständen, unter denen dem Kind zur Flucht verholfen worden war. Weshalb hatte sich die Person, die bei der Flucht bei ihm war, von ihm getrennt und ihm gewissermaßen zum zweiten Mal die Nabelschnur durchgeschnitten? Zu dieser Zeit war der Kontakt zwischen Frau Dr. Bíró und Herrn Grönewald entstanden. Sie verstand den Grund seines Schweigens, dachte sie, und auch, dass er sich Jahre später und nach dem Tod seiner Frau mehr und mehr, sozusagen ausschließlich mit Ervins Schicksal beschäftigte."

Biró ist neben Vater und Sohn die Dritte im Bunde. Sie arbeitet in der größten Nervenheilanstalt Budapests, die im Jahr 2006 kurz vor der Schließung steht. Im Archiv dieser Klinik finden sich Dokumente über Anna Stiller, die Mutter Ervins. Sie war überzeugte Kommunistin, als Jüdin aber zugleich verdächtig; in ihrem Versuch, sich den rasch wandelnden Gegebenheiten anzupassen, eine treue Streiterin für das neue Ungarn zu sein, geriet sie immer tiefer in Widersprüche zur Partei, zum System, zu ihrer eigenen Überzeugung.

Die äußeren Spannungen erzeugten innere, und ihre Vorstellungswelt wurde zusehends wahnhaft, zumal nach dem gescheiterten Ungarnaufstand 1956. Sie wurde mehrfach in die Heilanstalt eingewiesen, das Kind ihr weggenommen. Die Psychiatrie diente nicht der Fürsorge, sondern als Erziehungsanstalt - Überwachen und Strafen: Mit Elektroschocks wurden die Genossinnen und Genossen, die dem Konformitätsdruck nicht mehr standhielten, behandelt oder besser: vernichtet.

Gábor Schein: Der Schwede. Roman. Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer. Friedenauer Presse, Berlin 2019. 204 Seiten, 22 Euro.

Biró besorgt auf Bitte Grönewalds die Akte von Anna Stiller, und sie vertieft sich so sehr in diesen Fall, dass sie selbst aus dem Gleichgewicht gerät. Stillers Schicksal scheint ihr der Beweis dafür, "dass die Psychiatrie oder ein von der Psychiatrie unterstützter Zeitgeist jene als Kranke abstempelt, die sich den neuen gesellschaftlichen Erfordernissen nicht nahtlos anpassen können."

Die drei Biografien vernäht Schein zu einem komplexen Gewebe. Grönewald, Ervin und Biró sind miteinander über verschiedene Länder hinweg verwoben, und die einzelnen Fäden lassen sich aus dieser dichten, teils undurchschaubaren Textur kaum noch herauslösen. Denn das ist das Problem dieser drei ungleichen Figuren: dass sie ihre Identität nicht unabhängig von der Unheilsgeschichte des 20. Jahrhunderts und ihrem unfreiwilligen Verstricktsein in deren Absurdität definieren können. Deshalb ist, obwohl sie aufeinander bezogen sind, eine Annäherung zwischen ihnen kaum denkbar.

Ihnen ist eine Rolle zugedacht, aus der sie nur durch einen Akt des Vergessens oder wiederum durch wahnhafte Selbstverleugnung heraustreten können. Sie scheitern auf je eigene Weise. Ervins Ehe missglückt, Dr. Biró wird ihr Tun zunehmend suspekt, und der patriarchal auftretende Grönewald stirbt einen einsamen Tod.

Gábor Schein zeigt in seinem vielschichtigen, fast schon überdeterminierten Roman, dass die Modalitäten des Lebens und Überlebens von der Vergangenheit bestimmt werden. Die Zukunft droht angesichts dieser Last zur Überforderung zu werden. Erbaulich ist das nicht. Aber als literarische Krankenakte des unverdauten 20. Jahrhunderts äußerst imponierend.