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Fehlendes Vertrauen in Institutionen:Der kulturelle Zeitgeist könnte die Rebellion inzwischen bevorzugen

Es wäre falsch, diese Ergebnisse auf abgelenkte oder uninteressierte Wähler zu schieben, denn es gibt eine bessere Erklärung: Warum sollte man wählen gehen, wenn man nicht glaubt, dass der US Kongress oder das Europaparlament fähig ist, die Welt sinnvoll zu gestalten?

In seinem 2012 erschienenen Buch "Twilight of the Elites" schreibt der Autor Christopher Hayes, dass die politischen Spannungen heutzutage nicht zwischen Links und Rechts bestünden, sondern zwischen Menschen, die Institutionen vertrauen, und solchen, die das nicht tun.

Auf der einen Seite stehen Menschen, die glauben daran, dass wir die Probleme der Welt lösen, indem wir die bestehenden Institutionen stärken. Institutionsverweigerer sind dagegen überzeugt, dass wir kaputte Organisationen los werden müssen, um sie durch bessere zu ersetzen - oder um sie ganz abzuschaffen.

Die Befürworter von Institutionen gehen wählen, aber sie werden von den Institutionsverweigerern übermannt, die auf die Straße gehen oder sich - noch beunruhigender - ganz vom bürgerlichen Leben abkapseln.

Bislang zeigt die Erfahrung, dass Institutionsverweigerer irgendwann erwachsen werden, mit dem Protestieren aufhören und mit dem Wählen anfangen. Aber wir könnten einen Wendepunkt erreicht haben, an dem der kulturelle Zeitgeist die Rebellion bevorzugt. Meine Studenten am Massachusetts Institute of Technology wollen nicht für Banken arbeiten, nicht für Google oder für Universitäten - sie wollen Start-Ups gründen, die Banken, Google und Universitäten durcheinanderbringen.

Neue Verfahren, um der Verdichtung von Macht zu widerstehen

Die Zukunft der Demokratie hängt davon ab, dass Menschen, die den Institutionen misstrauen, wirksame Wege finden, um in ihren Gemeinschaften, in ihren Ländern und in der Welt als Ganzes etwas zu ändern. Die wahre Gefahr ist nicht, dass unsere kaputten Institutionen von einer Welle des digitalen Dissenses weggespült werden, sondern dass eine Generation von Politik und Öffentlichkeit nichts mehr von ihnen wissen will.

Es ist an der Zeit, die Jugend nicht mehr dafür zu kritisieren, dass sie nicht wählen geht; es ist vielmehr Zeit zu feiern, wie Institutionsverweigerer tatsächlich versuchen die Welt zu verändern. Diejenigen, die den Institutionen nicht mehr trauen, ignorieren sie nicht einfach. Einige bauen Systeme, die darauf ausgelegt sind, bestehende Institutionen überflüssig zu machen. Andere werden zu den schärfsten Kritikern unserer Institutionen, während die Radikalsten neue Verfahren entwickeln, die der Zentralisierung und Verdichtung von Macht widerstehen.

Wer sich über die Komplizenschaft von Regierung und Wirtschaft bei der Internetüberwachung empört, hat die Möglichkeit, sich bei seiner Regierung dafür einzusetzen, dass diese Verletzungen der Privatsphäre verboten werden, oder er programmiert und verbreitet Tools, die es den amerikanischen und europäischen Regierungen erheblich schwerer machen, unsere Mails zu lesen und unser Verhalten online zu verfolgen.