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Unesco:Das Leben als Folklorefest

Die Liste des immateriellen Kulturerbes wird wieder länger. Aber ist die institutionalisierte Fürsorge für Bräuche sinnvoll? Sollte sich "lebendiges Kulturgut" nicht immerzu weiterentwickeln dürfen?

Es ist November, und wie jedes Jahr darf jetzt wieder geschmunzelt werden über die neuesten Einträge in der Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco. Dazugekommen ist bisher das Ringen in Nord- und Südkorea. Ob auch jamaikanischer Reggae, Krakauer Krippenkunst, die französische Parfümherstellung oder das Blaudruck-Handwerk (Ungarn, Slowakei, Tschechien, Österreich, Deutschland) aufgenommen werden, das soll demnächst entschieden werden.

2006 trat das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes in Kraft. Inzwischen ist die Liste bereits 471 Posten lang. Geschützt werden so unterschiedliche Dinge wie die Kunst des Pizzabäckers in Italien, belgische Bierkultur, indisches Yoga, mongolische Kalligrafie, die Peking-Oper und Karnevalsbräuche in diversen Ländern.

Nicht nur Baudenkmäler und Naturschönheiten, für die es bekanntlich längst eigene Schutzlisten gibt, sind von Zerstörung bedroht, so die Idee, auch Techniken, Rituale, Feste. Nachdem wir mit Industrialisierung, Globalisierung und Kapitalismus bereits indigene Kulturen überall auf der Welt ausgelöscht haben, droht nun unseren eigenen Kulturen die Verarmung.

Sollte "lebendiges Kulturgut" sich nicht immerzu weiterentwickeln dürfen?

Die Sorge ist natürlich berechtigt. Und viele wenig beachtete kulturelle Nischen profitieren sicher von der Aufmerksamkeit und Förderung, die sie dank ihres Status erhalten. Dennoch bleiben gemischte Gefühle. Das beginnt schon bei der Auswahl des schützenswerten Kulturguts: Deutschland etwa ist mit drei Posten vertreten: der Genossenschaftsidee und -praxis, Orgelbau und Orgelmusik und Falknerei. Warum diese drei geschützt wurden und nicht hundert andere, weniger abseitige, das leuchtet nicht recht ein. (Für alle immateriellen Kulturgüter, die es nicht auf die Welt-Liste geschafft haben, gibt es eigene bundesweite und länderweite Listen).

Die Frage ist auch, ob es sinnvoll ist, die Liste ad infinitum zu verlängern, statt bedrohte Kultur vorübergehend zu fördern. Geht es so weiter, wird irgendwann auch der Adventskranz, Hygge oder die deutsche Konsenskultur unter Schutz gestellt sein - und in 100 Jahren das gesamte Leben, ein einziges Folklorefest.

Zwei so rührige wie merkwürdige Ideen stecken hinter dem Programm: Zum einen scheint die Unesco daran zu zweifeln, dass die Menschen willens und in der Lage sind, Kulturformen und Bräuche selbst weiterzugeben und am Leben zu erhalten, weshalb nun die Kulturorganisation nachhelfen muss. Die Frage ist, ob durch diese Einmischung dem Tradieren selbst, dieser weltweit praktizierten Meta-Kulturform, wirklich geholfen oder nicht eher geschadet wird.

Die andere Frage betrifft den Schutz der Bräuche und Praktiken selbst: Lässt sich deren Vitalität wirklich durch institutionelle Fürsorge erhalten? Ist die wichtigste Daseinsberechtigung des "lebendigen Kulturguts", wie es auch genannt wird, nicht dessen Lebendigkeit? Was macht es mit ihm, wenn es nicht mehr sterben darf? Und ist nicht weniger das Erhalten, sondern das Neuerfinden, Weiterentwickeln, Vergessen und Wiederentdecken von kulturellen Praktiken der Kern der menschlichen Kultur?