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"Undine" im Kino:Kinematografisches Leuchten

Udine by Christian Petzold

Ein tragischer Fluch verleiht dieser Liebesgeschichte erst ihre wahre Größe: Franz Rogowski und Paula Beer.

(Foto: Piffl Medien)

Christian Petzold war schon immer ein Mann für die Trancezustände des Kinos, für die Halbwesen und die Gespenster. Sein neues Werk "Undine" findet die Verzauberung im Hier und Jetzt.

Am besten beginnt man hier mit dem Alltag, mit der vertrautesten Normalität. Zum Beispiel mit dem Provinzbahnhof von Brügge/Westfalen. Zwei Gleise, Betonpflastersteine, sauber gefegte Ödnis, Sitzbänke aus diesem seltsamen grünen Drahtgeflecht. Dazu die immer gleichen Schilder der Bahn: Gleis eins führt Richtung Dortmund-Hagen, Gleis zwei Richtung Köln-Gummersbach.

Da sitzen die Liebenden also und warten auf den Zug. Er hat seinen Kopf an ihre Schulter gelehnt, die Augen geschlossen, Erschöpfung nach einer frisch verliebten Nacht. Dann schreckt er auf und murmelt, dass er gar nicht geschlafen habe. Sie muss lachen und schaut ihn mit einer Zärtlichkeit an, die unbezahlbar ist, und die man als Schauspielerin auch nicht spielen kann, wenn man sie nicht im Herzen trägt. Sie lässt ihn raten, wie lang er weg war, er liegt total daneben, sie lacht noch mehr, er kann es nicht fassen. Sie küssen sich.

In diesem großen kleinen Moment beglaubigt sich alles, was der Film "Undine" sein will, und der Plan seines Regisseurs Christian Petzold geht auf. Denn die Verliebtheit in den Augen von Franz Rogowski, sie überstrahlt jetzt den leeren Ort, und um Paula Beer und ihr Lachen und ihre rötlichen, perfekt zerzausten Haare ist ein kinematografisches Leuchten, das man kaum beschreiben kann. So wird der Bahnhof von Brügge magisch, wie die Orte dieses Films es eben sein müssen: Schauplätze für das Wirken von uralten Elementargeistern, für übergroße Liebe und Bestimmung und Tragik und Tod.

"Den Zauber an den Orten finden, die uns umgeben", das ist der Leitsatz hier, Petzolds Programm gegen die Realitätsflucht des deutschen Kinos. Was aber natürlich voraussetzt, dass der Mythos noch da ist, und zwar mitten unter uns, dass man ihn spüren kann. Wie der Satz, den Paula Beer als Undine ganz am Anfang wie selbstverständlich zu dem treulosen Schönling sagt, der in diesem Moment mit ihr Schluss macht: "Du kannst nicht gehen. Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten."

Wird ein Fluch niemals aufgehoben, sondern allenfalls umgelenkt?

Lass den Scheiß, sagt er noch, aber da ahnt man schon, dass Undine wirklich ein Elementargeist ist, ein Wasserwesen aus uralten Rittersagen und romantischen Zauberopern, das eine große Liebe braucht, um unter den Menschen zu leben, Untreue aber mit dem Tod vergelten wird. Dass diese Bestimmung bitter ernst ist, daran lässt Christian Petzold keinen Zweifel.

Er verwendet nun viel Liebe darauf, aus diesem Zauberwesen eine reale Frau mit Universitätsabschluss zu machen, die in ihrem Job eloquente Einführungen in die Berliner Stadtgeschichte gibt, ihre eigene Sprache und ihren eigenen Blick auf die Welt hat, manifestiert in den entsprechenden Kameraeinstellungen. Als Inspiration zitiert er unter anderem Ingeborg Bachmann, die mit ihrer Erzählung "Undine geht" Anfang der Sechzigerjahre schon eine ähnliche Emanzipation unternahm.

Und doch: Ist seine Versicherung, der ganze Film werde aus Undines Perspektive erzählt, nicht eher eine augenzwinkernde Schummelei für den Zeitgeist? Denn die Romantik und Tragik aus dem Konzept der Bestimmung, die Petzold hier sucht, verlangt ja zwangsläufig nach einer höheren Instanz, die den Lauf der Dinge kontrolliert. Und diese Instanz, da gibt es wenig Zweifel, blickt ebenfalls auf Undine und auf alles andere, aus eigenwillig mystischen Perspektiven: Aus dem Inneren eines sprudelnden Aquariums heraus, aus der Tiefe eines verwunschenen Stausees, von Ferne durch ein Ufergebüsch.

Und sie hat eine Stimme. "Undine" hallt es in zwei entscheidenden Momenten, ein Ruf aus dem Nirgendwo. Zum ersten Mal in dem Augenblick, in dem die verlassene Undine nun eigentlich den Fluch erfüllen müsste - und töten. Da aber kommt ein neuer Mann daher, gespielt von Franz Rogowski, der die Fackel der Liebe weiterträgt und das Schicksal in neue Bahnen lenkt. Er ist ganz verzaubert und behauptet, Undines Vortrag gehört zu haben, wofür der Film aber auf geradezu augenfällige Weise den Beleg verweigert.

Aber wie auch immer, er ist jetzt da, er heißt Christoph, die dramatische Wassertaufe eines zerberstenden Aquariums wird ihn fest mit Undine verbinden, und weil er von Beruf Industrietaucher ist, gibt es bald auch schöne Unterwasserszenen in einem Stausee im Bergischen Land. Dort hat auch ein riesiger und sehr hässlicher Wels namens Gunther seinen Auftritt. Vor allem gibt es wunderbare kleine Momente wie den anfangs beschriebenen, die ganz konkret den Zauber zeigen, der zwei Liebende umgeben kann.

Ein großer Romantiker war Christian Petzold in seinen Filmen schon immer, ein Mann für das Somnambule und die Trancezustände des Kinos, für die Halbwesen und die Gespenster. Nur war das bisher oft überlagert von seinen genauen Milieustudien, seinem analytischen Blick auf deutsche Geschichte und Befindlichkeiten, in Filmen wie "Die innere Sicherheit", "Wolfsburg" oder "Barbara". Liebe, Tragik und Tod waren auch immer da, zuletzt waren sie mächtig präsent in "Transit", da steckten Naziverfolgung und Holocaust in der DNA der Geschichte, auch wenn Petzold sie bereits ins Marseille der Gegenwart geholt hatte.

Jetzt mit "Undine" ist er ganz im Hier und Jetzt, aber zugleich bei den Elementargeistern, denen er eine ganze Trilogie widmen will, und also bei jahrhundertealten Erzähltraditionen. Da kennt die Romantik natürlich kein Halten mehr. Was aber nicht heißt, dass die neue Lust nicht auch intellektuell wäre. Einmal unterbricht Christoph fast energisch ein beginnendes Liebesspiel, um im Bett lieber einem historisch-kritischen Referat zu lauschen, das Undine gerade einstudiert.

Es geht um das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss, und da gibt es ja nun wirklich Menschen, die das in vielerlei Hinsicht erregend finden.

Bei alldem kann man zwischendrin leicht vergessen, dass die alten Märchen auch ganz schön grausam waren, und vielleicht ist das sogar Absicht. An ein Entkommen aber ist, trotz allem Sehnen nach Selbstbestimmung, auch hier nicht zu denken - das Unausweichliche macht ja die Romantik, und also auch die Tragik, erst komplett. Wird ein Fluch niemals aufgehoben, sondern allenfalls umgelenkt? Und welcher Opfer bedarf es, um am Ende die Unschuldigen zu schützen? Christian Petzold findet schöne und schlüssige Antworten darauf und lässt sie dann in der schwarzen Tiefe des Stausees versinken. Dort werden sie noch viele Hundert Jahre lang ihre Gültigkeit behalten.

Undine, D/F 2020 - Regie, Buch: Christian Petzold. Kamera: Hans Fromm. Mit Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaree. Piffl Medien, 90 Minuten.

© SZ vom 01.07.2020/tmh
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