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"Und morgen die ganze Welt" im Kino:Sirenen werden schrillen

Szene aus dem Film "Und morgen die ganze Welt"

Lachen, klatschen, "Nazis raus" rufen - bringt das was? In Luisa (Mala Emde, vorn) wächst die Bereitschaft zu härteren Aktionen.

(Foto: Alamode Film)

Julia von Heinz' starker Antifa-Film über Straßenkämpfe und die neuen Zwanzigerjahre fragt: Kann Gewalt gerechtfertigt sein? Der deutsche Kandidat für den Auslands-Oscar.

Von Philipp Bovermann

Raus. Einfach nur raus. Luisa wischt sich mit der Hand über das Gesicht, Zwiebelstückchen kleben daran - endlich kann sie weinen. Sie legt das Messer hin, ihre Mitbewohner in der Küche des linken Wohnprojekts schnibbeln weiter Gemüse - in einer Harmonie, die Luisa nicht mehr erträgt.

Es sind Menschen, die, wie sie, etwas verändern wollen, die Julia von Heinz in ihrem Film "Und morgen die ganze Welt" ins Zentrum rückt. Aber vielleicht ist es zu wenig, bei veganem Eintopf Kommunenidyll zu spielen und friedliche Demos zu organisieren. Hält man dadurch Nazis ab von dem, was Nazis tun? Weiter hinten im Raum klimpern zwei zottelige junge Männer "Bella Ciao" auf der Gitarre. Luisa nimmt ihre Jacke vom Sofa.

Die Kälte der Welt scheint das Gesicht der jungen Aktivistin zu verhärten, als sie auf die Straße tritt. Raus aus dem Geklimper, raus aus dem Konsens der Gruppe. Und hin zu den beiden Jungs, die gerade einen Transporter beladen, weil sie Nazis jagen gehen wollen. Bella ciao, bella ciao.

Es ist dieser Gesichtsausdruck der 24-jährigen Schauspielerin Mala Emde, der einem beim Zuschauen bis in die Knochen fährt. Immer wieder blitzt er auf in ihrer Figur Luisa, hinter einem unschuldigem Mädchenstaunen, das verlischt, einem kleinen Auflachen, das verhallt. Eine Totenmaske.

Das Drehbuch liefert keine klaren Antworten, woher das kommt, was sich darin spiegelt, ob es etwas mit dem adligen Elternhaus auf dem Land zu tun hat, wo die Jurastudentin am Wochenende dem Papa nach der Jagd hilft, das Wild auszuweiden. Der Film scheint vorauszusetzen, dass der Zuschauer schon weiß, was auf dem Spiel steht: die neue Normalität des Hasses. Die neuen Rechten, über deren Aufstieg vor ein paar Jahren viel zu lesen war, deren Abstieg einfach nicht einsetzen will, gegen die kein demokratisches Kraut gewachsen zu sein scheint. Die früher nur von Linksextremen gestellte Frage, ob Polizei und Bundeswehr von rechten Netzwerken unterwandert sind. Margarete Stokowski, die ein Antifa-T-Shirt trägt. Die Jury-Sprecherin des Deutschen Buchpreises, die ein Antifa-T-Shirt trägt. Greta Thunberg, die ein Antifa-T-Shirt trägt. Vielleicht brennt die Lunte schon, die alles in die Luft jagt.

Und morgen die ganze Welt

Regisseurin Julia von Heinz, die auf eigene Erfahrungen in der Antifa zurückblicken kann - sie trat im Alter von 15 Jahren einer Gruppe bei.

(Foto: Sebastian Wells/Agentur Ostkreuz)

Die von Daniela Knapp geführte Kamera folgt Luisa wie ein Fluch, zittrig und nervös, immer nah dran. Keine Einstellung, in der Raum wäre, um Luft zu holen. Es sind ruppig geschnittene, melancholische Bilder. Da fliegen Pollen, als einer der beiden Nazijäger-Jungs auf dem Weg durch das hohe Gras aus Lust an der eigenen Kraft gegen eine Blüte boxt - seinem persönlichen summer of hate entgegen, Luisa hinterher. Da rauscht plötzlich ein Zug vorbei, wie Adrenalin, als sie am Bahndamm die Sturmhauben überziehen.

Als 2015 Burhan Qurbanis Film "Wir sind jung. Wir sind stark" erschien, der die Geschichte einer Gruppe junger Rechter erzählte, war das ein historischer Stoff. Er endete mit dem brennenden "Sonnenblumenhaus" für Geflüchtete in Rostock-Lichtenhagen 1992. Als damals die Molotowcocktails flogen, war die Regisseurin Julia von Heinz schon selbst bei der Antifa. Sie sei 1991, an ihrem 15. Geburtstag, von Rechtsradikalen angegriffen worden, hat sie in einem Interview erzählt (SZ vom 2. 9.) - so wie Luisa, deren Radikalisierung einsetzt, als sie nach einer zunächst friedlichen Protestaktion mit dem Gesicht auf dem Beton liegt, die Hand eines Glatzennazis zwischen den Beinen, sein Knie auf dem Hals. Der Angreifer im Film wirkt, als sei er aus der Bomberjackenzeit der Neunzigerjahre herangesprintet, um Schmerz zu verbreiten, aber die Protestaktion richtete sich gegen eine gänzlich aktuelle bürgerliche Hasspartei, deren Logo sich aus den Farben Blau und Rot zusammensetzt.

Solche historischen Unschärfen finden sich an mehreren Stellen des Films, aber sie schaden ihm nicht. Vielmehr vermitteln sie das Gefühl von etwas, das zugleich nicht mehr und noch nicht real ist, die Ahnung eines sirenenschrillenden Ausnahmezustands hinter einer dünner werdenden Schicht aus Gegenwart. Die jetzt schon fertige Totenmaske der 2020er-Jahre.

Der ehemalige Kämpfer hat gelernt, seine kleinbürgerliche Armseligkeit zu ertragen

Seine stärksten Szenen bezieht der Film aus der Begegnung mit einer Art Antifa-Gespenst. Dietmar war in den Neunzigern mal eine große Nummer in der Szene und dann im Knast, weil er "Siemens angegriffen" hat. Jetzt bietet er dem Trio aus Luisa und den beiden Nazijäger-Jungs Zuflucht vor der Polizei im miefigen Einfamilienhaus seines verstorbenen Vaters, wo er allein lebt, zwischen nicht gespültem Geschirr und abgelaufenen Chipspackungen. Er genieße die Ruhe, sagt er, nach all der Zeit in WGs und der Doppelzelle, aber die Einsamkeit, die er ausstrahlt, ist erdrückend. Er habe beweisen wollen, dass er "ein ganz ein Harter" sei, sagt er. Seine Genossen hätten Karriere gemacht, während er im Knast war, seien ja auch alle nicht dumm gewesen. "Letztlich hatten wir auch nur ein paar einfache Antworten auf eine komplexe Welt." Luisa hört die Botschaft, aber ihr Gesicht ist wie ein Brunnen, in den man einen Stein wirft, und dann kommt einfach kein Plumps-Geräusch. So driften die beiden wahren Idealisten des Films aneinander vorbei: eine junge Juristin, die zu ahnen beginnt, dass der demokratische Rechtsstaat auf Bedingungen fußt, für die er selbst nicht garantieren kann; und ein älterer Mann, der die Größe hat, seine kleinbürgerliche Armseligkeit endlich mit Würde zu tragen. "Der Knall, der die Welt verändert", wie Dietmar sagt, "der wird nicht kommen." Oder etwa doch?

Und morgen die ganze Welt

Wie gewaltbereit bist du? Bei dieser Frage überwirft sich Luisa (Mala Emde) mit ihrer besten Freundin.

(Foto: Alamode Film)

Julia von Heinz' Film lief - bevor er nun zum deutschen Kandidaten für den Auslands-Oscar gekürt wurde - im Wettbewerb des Filmfestivals Venedig, auf der größten denkbaren Bühne in einem Jahr ohne Cannes. Dort wurden Vergleiche angestellt. Mit dem Neuen Deutschen Kino etwa, mit Margarethe von Trottas Film "Die bleierne Zeit", in dem sich die Regisseurin menschlich den Verbrechen der RAF-Generation annäherte und dafür mit dem Goldenen Venedig-Löwen ausgezeichnet wurde. "Und morgen die ganze Welt" entfaltet eine ähnliche geschichtliche Wucht, leidet aber unter gelegentlichen Schwächen im Drehbuch. Der machomännlichste der Nazijäger-Jungs etwa stolziert als ein überdeutlicher Lebendbeweis durch den Film, dass auch manche Linke gern jung und stark sein wollen. Im Zentrum aber steht eine Frage, ein Abgrund, in den man Luisa schaudernd und ohne zu zögern folgt. Bella ciao, bella ciao.

Und morgen die ganze Welt, D 2020 - Regie: Julia von Heinz. Buch: J. v. Heinz, J. Quester. Kamera: Daniela Knapp. Mit: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider. Verleih: Alamode, 111 Minuten.

© SZ vom 28.10.2020
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