"Uncle Frank" von Alan Ball:Verachtung bis ins Grab

Uncle Frank

Selbstfindung in den Siebzigerjahren: Onkel Frank (Paul Bettany, links) lebt mit Wally (Peter Macdissi) zusammen, aber seine Familie weiß es nicht.

(Foto: Amazon Prime)

Paul Bettany ist ganz herzzerreißend in Alan Balls "Uncle Frank" auf Amazon Prime. Die Familie verweigert dem schwulen Helden jeden Rückhalt - bis zu einem großen Moment.

Von Susan Vahabzadeh

Wenn es so aussieht, als ginge es mit dem moralischen Allgemeinzustand der Menschheit deutlich bergab, kommt das Kino daher und erinnert daran, dass der bösartige Blödsinn keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist. Die Familie von Betty Bledsoe (Sophia Lillis) ist im Garten zusammengekommen, Ende der Sechzigerjahre in den Südstaaten der USA, aber für ein sommerliches Idyll reicht das nicht. Denn man merkt sehr bald, dass der Patriarch des Bledsoe-Clans sich nicht zuständig fühlt für das Glück seiner Nachkommen.

Betty mag es nicht, dass man sie Betty nennt, und selbst bei diesem Problem ist ihr nur einer in der Familie eine Stütze - ihr Onkel Frank (Paul Bettany), der zu Besuch gekommen ist aus New York, ihr tatsächlich zuhört und ihr dazu rät, den Spitznamen Beth durchzusetzen, wenn er ihr denn besser gefällt. Frank ist in New York Professor - und doch wird ihm daheim in South Carolina leise Verachtung zuteil. Er nimmt das hin. Betty/Beth wird erst später verstehen, dass er glaubt, es nicht besser zu verdienen, obwohl er doch der einzige ist, der sie ermutigt, zu sich selbst zu stehen.

Beth studiert dann selbst an der New York University, wo Frank arbeitet, und findet bald heraus, was daheim in South Carolina keiner ausspricht: Die Freundin, die er Beths Eltern vorgestellt hat, ist nicht seine Freundin. Frank liebt einen Mann. Er lebt in New York mit Wally (Peter Macdissi) zusammen. Die beiden eint seit einem Jahrzehnt vieles, vor allem sind sich ihre fiesen Väter ähnlich, die sie zurückstoßen - allerdings heißt Wally eigentlich Walid und stammt aus Saudi-Arabien.

Beth fährt zur Beerdigung, und der idealisierte Onkel zerbröselt vor ihren Augen

Alan Ball hat diese Geschichte geschrieben und inszeniert, mit leichten biografischen Anleihen - und vielleicht liegt es daran, dass sein Familienporträt keinen Schrecken ausstrahlt, sondern einen melancholischen Zauber: Die Dinge sind traurig, wie sie sind, aber aber man kann sie ändern. Sein South Carolina erscheint in jeder Szene in einem spätsommerlichen Licht, die Siebzigerjahre-Accessoires sind nicht schrill, wie sie das im Kino so oft sind, sondern sanft und gedämpft.

"Uncle Frank" ist wie so viele Filme in diesem Jahr auf Umwegen bei Amazon gelandet - Balls Film wurde auf dem Sundance-Filmfestival vorgestellt, zu einem Kinostart kam es dann nicht mehr. Man könnte vielleicht auf einer Leinwand das Licht besser auskosten, in das Ball diese Familie taucht - aber Paul Bettany ist auch im kleinen Format herzzerreißend, wie er Frank als einen Mann spielt, der weiß, was richtig ist, und doch seinen eigenen Schmerz und seine Schuldgefühle nicht überwinden kann.

Beth und ihr Onkel treten bald eine Reise zurück zur Familie an. Der Patriarch ist gestorben, und die beiden setzen sich ins Auto, um zur Beerdigung zu fahren. So mischt sich dann noch das Genre des Roadmovies in das, was als Coming-of-Age-Geschichte begann. Und Wally, dem Frank verboten hat mitzukommen, taucht bald hinter ihnen auf dem Highway auf. Beth kommt den beiden auf dieser Reise näher als je zuvor, der idealisierte Onkel zerbröselt vor ihren Augen zu einem versehrten Menschen, den nur Wally vor der Selbstzerstörung bewahrt. Und dann erst die Beerdigung - sie gerät zum großen Familien-Showdown, der Patriarch stiftet aus dem Grab heraus noch einmal zur Verachtung an.

Und doch ist das Bild, das Alan Ball hier von der Vergangenheit zeichnet, auch rührend. Schrecklich, weil man sieht, was es heißt, wenn einem Menschen jeder Rückhalt verweigert wird, weil er nicht den Erwartungen entspricht; aber doch tröstlich, wenn es eine Auflösung gibt, ein paar Menschen die Chance ergreifen, sich zu ändern. Als könnte nur dort das Glücksmoment der Erlösung entstehen, wo vorher ein Mensch gefangen war.

Uncle Frank, USA 2020 - Regie und Buch: Alan Ball. Kamera: Khalid Mohtaseb. Mit: Paul Bettany, Sophia Lillis, Peter Macdissi, Steve Zahn, Judy Greer. Mehr Credits auf imdb. Amazon Prime, 95 Minuten.

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