Unbekanntes Arzt-Portrait sorgt für Wirbel Noch ein van Gogh?

In Athen ist möglicherweise das letzte Bild aufgetaucht, das Vincent van Gogh jemals malte. Es zeigt den Arzt, der ihn zuletzt betreute. Drumherum rankt sich eine wilde Beutekunst-Geschichte.

Ein Gemälde aus Athen sorgt für Aufruhr in der Kunstwelt: Das Porträt, das van Goghs Arzt Dr. Gachet darstellt, entstand möglicherweise wenige Tage vor dem Selbstmord des Malers.

Die Besitzerin des Gemäldes, Doretta Peppa, ist zuversichtlich, dass die Echtheit des Bildes von hoher Stelle bestätigt werden soll: "Eine bekannte Institution wird schon bald eine Stellungnahme über die Geschichte des Bildes abgeben, die keine Zweifel daran lassen wird, dass es sich um einen echten van Gogh handelt", sagte sie der englischen Zeitung The Guardian.

Peppa hat auch eine Erklärung dafür, wie das Gemälde in ihrem Athener Banksafe landen konnte: Die Nazis hätten es einer jüdischen Familie in Frankreich während des zweiten Weltkriegs geraubt. Nach dem deutschen Einmarsch in Griechenland im April 1941 sei der van Gogh daraufhin nach Athen gebracht worden - dem damaligen Ausstellungszentrum der Nazis für Raubkunst. In den letzten Tagen der deutschen Besatzung im Jahr 1944 habe schließlich ihr Vater Meletis das Bild aus den Händen der Nazis befreit, indem er als Widerstandskämpfer einen deutschen Zug überfallen habe.

Jahrelang an einem sicheren Ort gelagert

"Da mein Vater den hohen Wert des Bildes sofort erkannte, verwahrte er es jahrelang an einem sicheren Ort", so Peppa. Nach Meletis' Tod habe sie die Griechische Nationalgalerie um eine Begutachtung der Echtheit des Bildes gebeten. Eine Überprüfung des Pinselstrichs und der Signatur hätten schließlich keinen Zweifel daran gelassen, dass es sich um einen echten van Gogh handele, so die Athener Schriftstellerin.

Diese Einschätzung hätten auch andere Tests bestätigt. "Das Bild hat so viele Laboranalysen hinter sich, dass ich hundertprozentig davon überzeugt bin, dass es ein Vincent van Gogh ist, sagte Athanasios Celia, ein Pariser Maler und Kunsthistoriker zum Guardian.

Bislang gingen Experten davon aus, dass es nur zwei Porträts des Arztes Dr. Gachet gibt, der sich um van Gogh in dessen letzten Lebensmonaten kümmerte. Das nun in Athen zum Vorschein gekommene Bild ist weniger detailreich als die beiden anderen Exponate, die van Gogh gegen Ende seines Lebens zeichnete. Experten halten es daher für möglich, dass das Athener Fundstück das letzte Bild ist, das van Gogh jemals malte. Die Forschung hält es im Übrigen auch für möglich, dass sein Arzt nicht, wie es in der Literatur hieß, der "beste Therapeut" für ihn war, sondern dass er ihn womöglich durch falsche Diagnose in den Tod trieb.

Von den beiden anderen Bildern gehört eines dem Musée d'Orsay in Paris, das andere dem japanischen Industriellen Ryoei Sato. Dieser kaufte das Bild bei einer Auktion von Christie's im Jahr 1990 für 48 Millionen Pfund (60,2 Millionen Euro). Damit war das Gachet-Porträt vierzehn Jahre lang das teuerste Gemälde der Welt.

Zweifel an der Echtheit

Allerdings bestehen nach wie vor auch Zweifel an der Echtheit der Athen-Funde. So schockierte etwa 1990 das englische Branchenblatt The Art Newspaper die Fachwelt mit der Mitteilung, dass der Gachet im Musée d'Orsay eine Fälschung sei. Die Vermutung erhärtete sich, als Wissenschaftler die Auffassung vertraten, dass der Arzt Gegenstand weiterer Fälschungen gewesen sein könnte.

Neben dem Gachet-Gemälde ist Peppa außerdem im Besitz eines Skizzenblocks, der van Gogh zugerechnet wird. Nachdem die ursprünglichen jüdischen Eigentümer noch nicht ermittelt werden konnten und bislang auch noch niemand Besitzansprüche auf die Athener Funde geltend gemacht hat, gehören sie nach griechischem Gesetz Peppa. Experten taxieren den Wert des Kunstwerks auf bis zu 100 Millionen Dollar (64 Millionen Euro).