bedeckt München 21°

Umweltthriller:Was du willst, dass man dir tu ...

Eine Schulklasse nimmt an dem Wettbwerb um die beste Umweltbilianz teil.

Von Fritz Göttler

Müssen Kavaliere fair sein? Da steht zum Beispiel Isobel vor dem Elternhaus, das Fahrrad neben sich. Es regnet, sie muss zur Schule. Leonard, auf dem Weg zum Bus, der ihn ebenfalls in die Schule bringen soll, kommt vorbei. "Fahrrad bei dem Wetter? Respekt, Isobel." Sie klärt ihn auf: "Ganz ehrlich. Ich habe gar keine Lust. Aber ich bin seit gestern rot ..."

Isobel macht mit beim Fair Play Projekt ihrer Klasse, beim Förderwettbewerb zum Umweltschutz für die gymnasiale Oberstufe Berlins, angeregt von Bildungssenator Christoph Eichner, Stichwort "Dürresommer und Mikroplastik - sind wir noch zu retten?" "Fridays for Future" nicht mit Demo, sondern ganz praktisch, Einübung in umweltbewusstes Leben. Für das Projekt von Isobels Klasse verpflichten die Schüler sich, ein gewisses Quantum Energie pro Tag nicht zu überschreiten. Eine App, die sich die Mitspieler runterladen, kontrolliert und zeigt Grün auf den Social-Media-Accounts der Kids, solang die Grenze nicht überschritten wird. Der Enthusiasmus für das Projekt greift auf die Schule über.

Eine Klasse als Experimentierraum, das erinnert an "Die Welle" von Morton Rhue, 1981, da wurden Verhaltensweisen zum Nationalsozialismus und totalitären Gruppenverhalten durchgespielt. Auch in "Fair Play" wird aus dem Spiel schnell realer Ernst, es gibt böse Konflikte und Intrigen.

Isobel ist im roten Bereich, sie muss Energie sparen. Kein Bus also, Radeln im Regen. Leonard ist grün, und er mag Isobel. "Lass dein Fahrrad stehen! ... Ich nehme das Ticket auf mein Konto. Die Rückfahrt auch." Leonard ist der nerdige Außenseiter der Klasse, computerverliebt und -versiert, er hat die App programmiert und angepasst,sie kann nun die Bilanzen der Kids ausgleichen zu einer Gesamtbilanz.

Fair Play heißt die Aktion, ein Quartett von Schülern wird bestimmt, sie zu organisieren, die Fair Play Four. Leonard natürlich, die dynamische Kera, die Jung-Influencerin Elodie - "Mein Internet-Leben bildet eine fiktive Wirklichkeit ab" - und Max, der unabhängige, angehimmelte Typ der Klasse. Obwohl er nicht mitmacht, außen vor bleibt. Ein foul player. Die vier erzählen den Verlauf des Projekts.

Die App deckt schonungslos jeden in den Objekten und Aktivitäten versteckten Energieverbrauch auf, in Nahrungsmitteln und Einwegbechern, Kleidung und Gewohnheiten. Sie fragt nach, rechnet vor, nörgelt ... mit wie viel Leuten bist du grade im Auto unterwegs!? Die geplante Englandfahrt würde ein Riesenloch in die Energiebilanz reißen, sie wird abgesagt. Auch die jährliche Sommerparty ist in Gefahr.

Gemeinschaft statt Egoismus, das ist der große Test, Transparenz statt Show, Gerechtigkeit statt Manipulation. Souverän lässt Kerstin Gulden in das große Projekt alles hineinspielen, was zu einem echten Jugendroman gehört, Liebe, Kampf um Anerkennung, Eifersucht, Einsamkeit, Mobbing, soziale Deklassierung. Am Ende auch kriminelle Manipulation, die bis ins Silicon Valley reicht, und Gewalt.

Die App baut auf Solidarität und Aufrichtigkeit. Leonard weiß um ihr totalitäres Potenzial, die Kontrolle, die sie im Namen der Umweltgerechtigkeit ausüben kann, ausüben muss? Auch der Bildungssenator spielt nicht mit offenen Karten. Das Motto: "Was du willst, das man dir tu, da bringst du einen andern zu." Egoismus first. "So funktioniert Politik. So funktioniert Erfolg. So funktioniert das Leben."

Was ist fair ... das ist die erste Frage. Am Ende aber, wenn die drei Monate Spielzeit um sind, weiß man, dass die eigentliche Frage ist, was ist Play. Dass unser Leben mittlerweile von unzähligen Apps kontrolliert wird, mutet immer noch spielerisch an. Was wäre, wenn nun Leonards Umwelt-App dazukäme?

Kerstin Gulden: Fair Play. Spiel mit, sonst verlierst du alles. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2021. 335 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 23.04.2021
Zur SZ-Startseite