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Umweltpolitik:Gropius und der Green Deal

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

Ursula von der Leyen will mit ihrem neuen kulturellen Projekt „Design und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang bringen“.

(Foto: Etienne Ansotte/dpa)

Die 75-Watt-Idee der EU: Die europäische Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wünscht sich für Architektur und Städtebau der Zukunft eine Art Europa-Bauhaus 2.0.

Von Gerhard Matzig

Die Bauhausleuchte, es ist eigentlich die Wagenfeld Tischleuchte WG 24, Opalglas, mundgeblasen, Textilkabel, kennt fast jeder Mensch. Bei Manufaktum, wo es sie noch gibt, die guten Dinge, kostet sie aktuell 489 Euro. Und somit 479,26 Euro mehr als beispielsweise die Tischleuchte "Fado" aus Polypropylen von Ikea (9,74 Euro).

Da der Fado ein portugiesisches Musikgenre ist, das meist von unglücklicher Liebe handelt, könnte man auch fragen, warum Fado Fado heißt. Aber der Punkt ist: Erstens hätte es Fado, im Wesentlichen: eine unten nicht sehr elegant abgesägte Glaskugel, ohne die Bauhausleuchte als Blaupause der Reduktion nie gegeben. Und zweitens hätte es ohne die Leuchte auch Ursula von der Leyens in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dokumentierte Idee nie gegeben, ihren "Green Deal" der Klimaneutralität mit dem Ruf nach einem neuen Bauhaus als Marketingmaßnahme in Verbindung zu bringen.

So stellt sich die Frage: Ist die Verfasserin des Textes "Wir brauchen ein neues Europäisches Bauhaus" die erste Politikerin von Rang, die ansatzweise der Baukultur zuneigt? Oder ist das Ganze ein Missverständnis? Ja und ja, muss man sagen.

Ursula von der Leyen schreibt: "Der Green Deal muss auch ein neues kulturelles Projekt für Europa sein! Jede Bewegung hat ihr eigenes Aussehen und ihre eigene Anziehungskraft. Wir müssen Design und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang bringen." Das bezweifelt niemand. Und weil das Bauhaus, eine geniale Kunst-, Design- und Architekturschule, die 1919 in Weimar gegründet wurde, die aber schon 1933 von den Nazis in ihrem pathologischen Hass auf die Moderne geschlossen wurde (und deshalb in der Diaspora weltberühmt wurde), weil das Bauhaus bis heute eine solche Strahlkraft besitzt - wünscht sich die Präsidentin der Europäischen Kommission nun eine Art Bauhaus 2.0. Wie seinerzeit das Bauhaus den Weg in die Moderne der Industriegesellschaft wies, soll das neueste Bauhaus am Beginn einer postindustriellen Ära stehen, da Architektur, Design und Städtebau "klimaneutrale und lebenswerte Städte" hervorbringen. Doch, das hätte man gerne.

Das Bauhaus war elitär. Eine grüne Zukunft muss genau das Gegenteil sein

Schon hier ließe sich einwenden, dass die postindustrielle Ära vor langer Zeit begonnen hat; und dass es seit langer Zeit Architekten, Designer und Stadtplaner gibt, überall auf der Welt, in großer Zahl, die sich genau damit befassen: mit der Nachhaltigkeit. Den Green Deal für das Bauen muss die EU nun wirklich nicht mehr erfinden. Eher könnte sie baurechtlich dafür sorgen, dass man Häuser nicht mehr mit ziegelsteindickem Polystyrolschaum verkleiden darf. Es ist nämlich so, dass wir fossile Energieträger zum Dämmen verwenden, um fossile Energieträger zum Heizen einzusparen.

Dennoch ist es interessant, was die CDU-Politikerin plant. Denn zum einen will sie in den kommenden zwei Jahren fünf europäische Bauhaus-Projekte in verschiedenen Ländern der EU als interdisziplinäre Vorzeigeaktionen anstoßen. Dagegen kann niemand etwas haben. Und zum anderen zeigt somit endlich mal eine Spitzenpolitikerin, dass sie die tatsächlich kaum zu überschätzende Bedeutung von Architektur und Stadtplanung für Klimawandel und Verstädterung begriffen hat.

Das ist eine gute Nachricht, denn es geht um die beiden größten Herausforderungen unserer Epoche. Um die Zukunft der Stadt und die des damit energetisch eng verbundenen Klimawandels. Zu nennen wäre noch die Mobilität, die ebenfalls damit einhergeht. An all diesen Punkten zeigt sich: Architektur und Stadtplanung spielen eine enorm bedeutsame Rolle. Es wird daher Zeit, dass die Politik dieser Sphäre einmal nicht mit der schon so oft demonstrierten Ignoranz begegnet.

Unvergessen, wie Konrad Adenauer den Architekten Hans Schwippert feuerte, weil der dem Kanzler in der Nachkriegsmoderne eine skandinavische Heiterkeit als Büro entwarf. Später saß Adenauer in etwas, was Ähnlichkeit mit dem Chaplin-Set aus "Der große Diktator" aufwies. Einschließlich Riesenglobus. Und Gerhard Schröder ätzte baukulturell banausenhaft über das von Charlotte Frank und Axel Schultes entworfene Bundeskanzleramt.

Von der Leyen weiß also um die Bedeutung des Bauhauses. Gut. Aber selbst wenn sie, was nicht unbedingt zu erwarten wäre, Peder Ankers Buch "From Bauhaus to Ecohouse" kennt, in dem der Norweger nachweist, wie sich Walter Gropius und László Moholy-Nagy im Exil nach 1935 mit Biologen und Ökologen auseinandersetzten, ist die Bauhaus-2.0-Idee auch etwas naiv. Zwar ist es richtig, dass sich das Bauhaus auch auf die Bewegung der Lebensreform bezog, weshalb eine gewisse Esoterik in der Lehre immer verankert war. Insofern war man auch einem Mutter-Natur-Denken gegenüber aufgeschlossen.

Manche Bauhaus-Villen waren so umweltbewusst wie 12-Zylinder-Motoren

Tatsächlich aber waren die Hervorbringungen, ob Häuser oder Möbel, alles andere als ökologisch. Die frühen Villen von Walter Gropius waren so umweltschonend wie die V12-Motoren der Automobilwelt.

Richtig ist, dass das Bauhaus auch eine Soziallehre war - dem Humanismus verpflichtet. Falsch wäre es trotzdem, sich für die dringend zu vertiefende Ökologisierung des Bauens, Wohnens, Arbeitens und Unterwegsseins ausgerechnet unter die Bauhausemblematik zu flüchten. Siehe die Bauhausleuchte, die eigentlich ein erschwingliches Massenprodukt werden sollte. Sogar Manufaktum muss jedoch zugeben: "Die Leuchte war kein Massenprodukt und konnte nie eines werden."

Das Bauhaus-Design - die Möbelproduktion am Bauhaus war nie erfolgreich, genauso wie die Fertigbau-Versuche von Gropius - ist heute etwas für total sympathische Leute mit einem seltenen Sinn für Bauhausschönes, die dafür viel Geld ausgeben. Das ist nicht falsch, aber kaum eine Regieanweisung für eine andere Art, die Umwelt zu gestalten. Es sei denn, man möchte sagen: Öko ist etwas, was sehr hübsch mit dem Sessel Wassily harmoniert. Etwas für den guten Geschmack.

Das Gegenteil muss die Ökologie endlich werden: massenwirksam, alltäglich, selbstverständlich, logisch. Etwas, was das Bauhaus nie war. Der Wunsch, von dessen Strahlkraft in kopistischer, bauhausuntypischer Weise zu profitieren, ist verständlich. Doch die Bauhausleuchte ist konstruktionsbedingt auf 75 Watt begrenzt. Da könnte uns was Erhellenderes einfallen.

© SZ vom 21.10.2020
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