bedeckt München 17°

Umstrittene Kunstaktion:Sie behaupten, sie würden echte Leichen einsetzen

Dabei speist sich das Skandalpotenzial vor allem aus einer scheinbar unerträglichen, aber dann doch wieder nicht so eindeutigen Regelverletzung: Die Menschenrechtsaktivisten behaupten, sie würden echte Leichen einsetzen. Nur: Ob es sich wirklich um Leichname oder nur um eine theatralische Aktion mit leeren Särgen handelt, lassen sie bewusst offen. Die Grenzüberschreitung, die Mehrdeutigkeit verstärken die Aufmerksamkeit. "Reicht es, die Bilder der Toten zu sehen, oder müssen wir mehr sehen?", fragt Philipp Ruch bewusst vage.

Für ihn ist der Tabubruch nur die Antwort auf die allgemeine Abstumpfung. "Geschmacklos ist nicht, dass wir die Toten nach Berlin holen. Geschmacklos ist, was die EU mit diesen Menschen gemacht hat", so Ruch. Der Aktionskünstler versteht sich als "glühender Verfechter der offenen Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit" - zum Beispiel zwischen der Fiktion, in den Särgen seien wirklich Tote, und der Wirklichkeit vor den Küsten Italiens und Griechenlands.

Die Rituale der Realpolitik virtuos in Frage gestellt

Schön früher haben sie die Rituale der Realpolitik mit spektakulären Regelverstößen virtuos in Frage gestellt. Im vergangenen Jahr schockierten sie Berlin, als sie die Kreuze der Mauertoten abmontierten. Auch damit - 25 Jahre nach dem Mauerfall - wollten sie an neue tödliche Grenzanlagen erinnern, für die auch Deutschland die Verantwortung trägt.

Vor drei Jahren riefen sie eine Belohnung von 25 000 Euro für Informationen aus, die Aktionäre des Panzerherstellers Krauss Maffei Wegman wegen Waffenhandel und Menschenrechtsverletzungen ins Gefängnis bringen. Sie recherchierten, wem das Familienunternehmen gehört und plakatierten gefälschte Fahndungsplakate der Großaktionäre - auch an deren Wohnorten.

Einer der Aktionäre, ein Kunstmaler mit bewegt linker Vergangenheit, der seine Firmenanteile geerbt hatte, distanzierte sich daraufhin in einem Fernsehinterview von der Geschäftspolitik des Unternehmens. Und er forderte den Bundespräsidenten öffentlich auf, eine Exportgenehmigung nicht zu unterschreiben, die die Ausfuhr optimierter Leopard-Panzer nach Saudi-Arabien zum Zwecke der Aufstandsbekämpfung erlauben würde. Der Panzerexport kam nicht zustande.

Wie es mit ihrer Aktion "Die Toten kommen" weiter geht, will Philipp Ruch vorerst nicht verraten: "Polizei, Innenministerium und Staatsschutz sollen nicht zu viel wissen."

© SZ vom 16.06.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite