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Umjubelte Premiere:Im Fummel dem Himmel so nah

Gil Mehmerts Inszenierung des Musicals "Priscilla - Königin der Wüste" am Münchner Gärtnerplatztheater hat eindeutig das Zeug, Kult zu werden

Von Klaus Kalchschmid

Schon bei der ersten Nummer kochte das Publikum im gerade erst wiedereröffneten Gärtnerplatztheater, brauste ein erstes Mal Beifall in Orkanstärke auf: Zu "It's Raining Men" fallen sieben Prachtkerle in langen Mänteln aus dem Schnürboden, legen einen Striptease im Zeitraffer hin, indem sie die Mäntel und dann ihr Ledergeschirr um die muskulöse Brust abwerfen. Halbnackt tanzen sie die erste von vielen flotten, mit gutem Timing auf den Punkt gebrachten Choreografien. Und auch als der berühmte klapprige alte Bus aus dem Kultfilm "Priscilla - Königin der Wüste" aus dem Jahr 1994 das erste Mal auf der Bühne erscheint, gibt es begeisterten Szenenapplaus.

2006 wurde aus dem ebenso schrägen wie liebenswerten und humorvollen Kino-film von Stephan Elliott über drei Drag-queens, die quer durch das australische Outback von Sydney nach Alice Springs reisen, ein Musical von Simon Philips in den Arrangements von Stephen "Spud" Murphy. Erst jetzt erlebte es nach der Uraufführung in Sydney, nach London, nach mehr als 500 Aufführungen am Broadway in New York und zahlreichen Gastspielen seine umjubelte deutsche Erstaufführung am Münchner Gärtnerplatztheater. Mit großartigen singenden und tanzenden Darstellern, als da in den Hauptrollen sind: Tick (alias Doris Gay alias Armin Kahl, der in seinem Zögern, aber auch dem Ringen um Selbstbewusstsein ungemein sympathisch ist), der junge, nie um eine Provokation verlegene, draufgängerische Adam (oder auch Felicita Jollygoodfellow in Gestalt des herrlich quirlig aufgedrehten Terry Alfaro) und die alternde Transsexuelle Bernadette (eine Grande Dame wie sie im Buche steht mit wunderbaren Macken: Erwin Windegger). Sie war einst Teil der legendären Truppe "Les Girls" und hat gerade ihren Lebensgefährten verloren. Die drei Männer werden bei ihrem Trip durch die Wüste für Wochen zu einer Schicksalsgemeinschaft und müssen schon als Trio eine Menge Spannungen und Sticheleien aushalten. Doch vor allem stehen die drei Travestie-Künstler vor der Herausforderung, allerhand Ablehnung zu trotzen, was die Akzeptanz von Männern im Fummel angeht, die auch noch mehr oder minder gut singen und tanzen. Das endet mal im Spott, mal im mit großen Lettern quer über den Bus geschmierten Spruch "Raus mit den Schwuchteln", oder gar in einer Beinahe-Vergewaltigung. Erst am Ziel der Reise, wenn die drei auf Wunsch von Ticks Ehefrau (Tanja Schön) ihren großen Auftritt haben und er endlich bang seinem Sohn Benji (Timothy Scannell) gegenüber steht, der erstaunlich gelassen auf den Beruf des Vaters und dessen Homosexualität reagiert, wendet sich alles zum Guten. Auch Bernadette bekommt mit dem alten, ebenso toleranten wie charmanten Mechaniker Bob (ein Mann zum Knuddeln: Frank Berg), der sich auf dem letzten Drittel der Reise liebevoll dem alten Bus widmet, die Chance auf eine neue Beziehung.

Regisseur Gil Mehmert gelingt mit seiner Choreografin Melissa King und in der fantastisch wandelbaren Ausstattung von Jens Kilian, der mit einfachen Mitteln die perfekte Illusion von einem Dutzend verschiedener Schauplätze erschafft, ein Abend, der nicht nur als große Show in einem "Jukebox-Musical" begeistert, das 30 im Programmheft aufgelistete bekannte (und nicht selten Kult-)Songs aneinanderreiht. Er vermag auch die Geschichte der drei so ungleichen Männer mit Empathie, Witz und Tempo zu erzählen. Allein das rabiate Spiel mit Bierbänken bereitet da unmissverständlich Gewalt vor, auf verschiedenen Ebenen wird getanzt und gesungen, während sich Intimes auf dem tief in den Orchestergraben ragenden Steg abspielt. Dort agiert unter Jeff Frohner eine großartige, raffiniert verstärkte Combo, der man kaum zutrauen würde, nur wenige Tage später spätromantische Oper wie "Hänsel und Gretel" zu spielen.

So gibt es in dem Musical also keinen Schauplatz, der nicht in Windeseile auf die Bühne gezaubert wäre: ob Garderobe oder Jungszimmer, Saloon oder Imbissbude, Bühne auf der Bühne, immer wieder der Bus mit seinem plüschigen Innenleben und dem riesigen, rosa schillernden Damenschuh auf dem Dach, in dem Adam lippensynchron die Traviata schmettert und in Mimik und Gestik parodiert, oder der Ayers Rock. Auf ihm erfüllt sich sein Traum, endlich einmal "im Fummel am Himmel mit 'nem Pimmel" singen zu dürfen. Das Gleiche gilt auch für die Kostüme. Ob Lack und Leder, fantasievolle schrille Perücken, Glitzer und Glamour für das Männer-Trio ebenso wie für "Die Diven" (Dorina Garuci, Jessica Kessler, Amber Schoop), Siebzigerjahre-Trash, Bergarbeiter-Kluft, Holzfäller-Hemden für singende Cowboys, weiße Feder-Tutus für Balletteusen oder eine Trauergemeinde in schwarzen Rüschen und radgroßen Hüten: Alfred Mayerhofer ist um keine elegante, poppig bunte oder betont hässliche Variante verlegen.

Nach exzellenten Aufführungen von "Cabaret" und "Der Mann von La Mancha" vor vier Jahren in der Reithalle sowie den "Gefährlichen Liebschaften" 2015 im Cuvilliés-Theater hat diese erste Musical-Produktion des Gärtnerplatztheaters in seinem neuen alten Stammhaus das Zeug dazu, selbst Kult zu werden.

© SZ vom 16.12.2017
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