Umberto Eco: "Die Geschichte der Häßlichkeit" Panorama des Widrigen

Das Hässliche hat keinen Kanon - sein Reich ist unabsehbar vielgestaltig. Umberto Eco hat eine überbordend reiche Geschichte des Unschönen zusammengestellt.

Von Jens Bisky

Physis ist Schicksal. Die Wölbung der Nase, die Farbe der Haare haben über viele Leben entschieden. Wenn kein Schönheitschirurg hilft, Kosmetik nicht ausreicht, bedarf es anderer Tricks, etwa des bekannten mit der "hässlichen Freundin", die so abstoßend wirkt, dass ihre Begleiterin allemal schön erscheint. In Emile Zolas Erzählung "Die Vogelscheuchen" wird daraus eine Geschäftsidee. Ein gewisser Durandeau beschließt, "aus der Hässlichkeit Kapital zu schlagen" und gründet eine Agentur, bei der vermögende Frauen eine hässliche Partnerin buchen können.

Umberto Eco (Hrsg.), Die Geschichte der Häßlichkeit. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Petra Kaiser und Sigrid Vagt. Carl Hanser Verlag, München 2007. 453 Seiten, 39,90 Euro.

(Foto: Foto: Hanser)

Leider klappt das nicht immer. Manchmal ist eine Kundin einfach hässlicher "als jede mögliche Begleiterin". Es bedarf nur wenig Empathie, um das Leiden derer zu mitzuempfinden, die sich ihrer Widerwärtigkeit auf diese Weise bewusst werden oder die an der Seite einer Schöneren den Tag verbrachten und abends allein vor dem Spiegel stehen. Hässlichkeit macht einsam, stößt aus dem Kreis der Menschen aus, und es ist wohl nur ein geringer Trost für die "unerlösten hässlichen Entlein", dass Alkibiades einst eine Lobrede auf Sokrates und dessen äußere Hässlichkeit hielt: unter dem Äußeren eines Silen verberge der Philosoph eine tiefe innere Schönheit.

Vor dem Spiegel hilft die Selbstgewissheit dem guten Menschen wenig, mag er sich noch so sehr bemühen, seine Souveränität zurückzugewinnen, er bleibt ins Ich gebannt. Jean-Paul Sartre hat den Moment unvergesslich geschildert, berichtet, wie er aus Selbstschutz Grimassen schnitt: "Der Spiegel war mir eine große Hilfe: ich zwang ihn, mich zu lehren, dass ich ein Monstrum war (. . .) ich war in schauerlicher Weise natürlich. Ich habe mich nie davon erholt."

Man erinnere sich daneben an Quasimodo, an Frankensteins Ungeheuer und an das Gegenbild des Dorian Gray - der Gegensatz von Innen und Außen ist eines der eindrucksvollsten literarischen Motive, das selten seine Wirkung verfehlt. Ihm korrespondiert der Glaube, dass körperliche Entstellungen moralische Hässlichkeit anzeigen - man denke an Cesare Lombrosos Zusammenstellung von Verbrecherphysiognomien oder die Stereotype antisemitischer Propaganda.

Beinahe adäquates Schattendasein

Die Frage, wie wir auf Hässliches reagieren, es darstellen, erklären, deuten, erkennen, leitet untergründig Umberto Ecos "Geschichte der Hässlichkeit", eine überbordend reiche, äußerst knapp kommentierte Zusammenstellung von Bildern und Texten. Äußerlich ähnelt sie seiner 2004 auf deutsch erschienenen "Geschichte der Schönheit", aber sie hat sich anderen, verwickelteren Problemen zu stellen.

Es gibt einen Kanon des Schönen, Proportions- und Harmonielehre, eine stolze Reihe philosophischer Bestimmungen der Schönheit in Natur und Kunst; aber wenn von Hässlichkeit die Rede ist, fehlen oft einlässliche und plausible Definitionen. Es gibt kein Ideal des Hässlichen, der Kulturhistoriker sieht sich einem unabsehbar vielgestaltigen Reich gegenüber, und es scheint angemessener, einen Katalog des Grässlichen, Entsetzlichen, Widerwärtigen zu erstellen, als es auf den Begriff zu bringen.

Hässlich ist, was Hass hervorruft, mag man aus der deutschen Wortgeschichte schließen. Das altgriechische aischrós bezeichnete Deformiertes, Untaugliches ebenso wie moralisch Verwerfliches, subsumierte das verpfuschte Handwerksprodukt wie die Missetat unter einen Titel. In der philosophischen Ästhetik führte das Hässliche lange Zeit ein ihm beinahe adäquates Schattendasein, bis 1853 Karl Rosenkranz seine "Ästhetik des Häßlichen" herausgab, eines der großen, scharfzüngigen, noch in seinen Beschränkungen hellsichtigen Bücher des 19. Jahrhunderts.

Es bot nahezu die gesamte abendländische Literatur-, Kunst- und Geistesgeschichte auf, um die eigene Gegenwart verstehen zu können. Rosenkranz sprach von "Unform und Mißform", "Gemeinheit und Scheußlichkeit" und "infernaler Bosheit". Das "häßlichste Häßliche" sei nicht "das, was aus der Natur in Sümpfen, in verkrüppelten Bäumen, in Krüten und Molchen, in glotzenden Fischungeheuern und massiven Dickhäutern, in Ratten und Affen" uns anwidere, sondern "die Selbstflucht, die ihren Wahnsinn in den tückischen und frivolen Gebärden, in den Furchen der Leidenschaft, in dem Scheelblick des Auges und - im Verbrechen" offenbare.

Die "wirkliche Hölle", in die der wortmächtige Stilist Rosenkranz seine Leser führte, war freilich nicht ohne Himmel. Er sprach dem Hässlichen jede Selbstständigkeit ab; es existiere nur in Bezug auf die Schönheit, als deren Negation. Wer sich mit ihm befasse, müsse niedersteigen in die "Hölle des Schönen".