Süddeutsche Zeitung

Umbaumaßnahmen:Zu viele und zu große Kirchen

Bayerns Protestanten wollen sich von 1000 Immobilien trennen

Die Evangelisch-lutherische Kirche hat das Katastrophenmanagement längst eingeleitet. Es nennt sich "Immobiliensicherungsprozess" und bedeutet, dass die Landeskirche Zuschüsse nur mehr für Gebäude gewährt, die als unverzichtbar eingestuft sind: denkmalgeschützte und ortsbildprägende Kirchen und Bauwerke, die auch dann erhalten werden sollen, wenn die Gemeinde sie nicht mehr benötigt. Von fast 1000 Gebäuden (insgesamt gibt es 6197) wird sie sich in den nächsten Jahren trennen, darunter auch Kirchen.

"Wir haben zu viele und zu große Kirchen in den Städten", bilanziert Harald Hein vom Landeskirchlichen Baureferat nüchtern. 735 von 1768 Kirchen und Sakralräumen sind erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden, als der Zustrom an Gläubigen groß war. Doch die Zeiten sind vorbei, wie Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner belegt: 2,3 Millionen Mitglieder (18 Prozent der Bevölkerung Bayerns) zählt die Landeskirche derzeit, bis zur Jahrtausendwende waren es noch 2,8 Millionen. Die meisten verliert die Kirche durch Austritt. Das Steuereinkommen habe sich dank guter Konjunktur und Vollbeschäftigung zwar bislang noch nicht verringert. "Aber ein ,Weiter so' ist nicht zu erwarten", sagt Hübner.

Was also tun mit den zu großen Kirchen? Umnutzen, sagt Hein. Das habe man schließlich immer schon gemacht, sei also sozusagen ein völlig normaler Vorgang. Als die Mitgliederzahlen in den Fünfzigerjahren stiegen, funktionierte man etwa die leer stehende Werkhalle einer früheren Orgelbaufirma in Hirschaid bei Bamberg in eine Kirche um; inzwischen ist sie denkmalgeschützt. Ein anderes Beispiel ist die Himmelfahrtskirche in Sendling, die bis 1919 das Vergnügungsetablissement "Elysium" war. Die Bierhalle wurde zur Kirche und niemanden störte es, dass bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg über dem niedrigen Chorbogen Hirschlein sprangen.

Inzwischen geht es aber nur mehr um Rückbau und Verkleinerung. Bereits geschrumpft ist die Christuskirche in Steinbühl (Nürnberg). Der Bau aus den Fünfzigerjahren wurde von etwa tausend Sitzplätzen auf ein Drittel verringert. Dafür entstand im Kirchenschiff ein zweigeschossiger Baukörper aus Glas und Beton mit viel Raum für die Gemeindearbeit und einem Café im Erdgeschoss.

Eine aktuelle Herausforderung ist die Evangeliumskirche im Münchner Viertel Hasenbergl. 1962 erbaut hat sich die Zahl der Gemeindemitglieder von 7000 auf 2000 reduziert. Dafür ist der Bedarf an diakonischer Arbeit gestiegen, die Kirche liegt in einem sozialen Brennpunkt. Geplant ist, den Kirchenraum zu verkürzen und eine Rückwand einzuziehen. Den dreistöckigen Einbau im hinteren Teil nutzt dann die Diakonie. Die Nürnberger Dreieinigkeitskirche in Gostenhof dagegen, die einen Mitgliederschwund von 20 000 auf 3700 zu verkraften hat, wartet auf ihre Umwandlung in ein Kulturzentrum, soll aber als sakraler Raum erkennbar bleiben und auch so genutzt werden.

"Patentlösungen gibt es nicht", sagt Hein. Angesagt seien Kooperationen mit anderen Nutzern, notwendig eine "stärkere Verankerung im Ort". Damit nicht noch andere Kirchen das Schicksal der Nürnberger Kreuzkirche ereilt: Seit 2007 wegen Einsturzgefahr geschlossen, wartet sie nun auf ihren Abbruch.

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SZ vom 17.11.2018 / srh
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