Süddeutsche Zeitung

Ulrike Ottinger:Das Imaginäre filmen

Die Regisseurin Ulrike Ottinger wird mit der Berlinale Kamera ausgezeichnet, ihr neues Werk uraufgeführt.

Von Fritz Göttler

Natürlich hat auch die Chatrian-Rissenbeek-Berlinale ihren Glamour, ihre Stars, ihre großen Auftritte. Für deren star quality man einen etwas anderen Starbegriff braucht, nicht den primär an Hollywood ausgerichteten. Am Samstag war das Ulrike Ottinger, die mit der Berlinale-Kamera geehrt wurde, dabei ihren neuen Film "Paris Calligrammes" vorstellte, der gleich nach der Berlinale in die Kinos kommt.

Eine direkte Nachfahrin von Georges Méliès nannte Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter, sie, und das beschreibt sehr schön die großen Filme, die Ottinger in den Siebzigern und Achtzigern, nach ihrer Rückkehr aus Paris, in Deutschland machte, "Madame X - Eine absolute Herrscherin", 1977. "Freak Orlando", 1981. "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse", 1984. Jean-Luc Godard hatte schon frühzeitig die klassisch simple Einteilung der ganz frühen Kinogeschichte - hier die Brüder Lumiére, das Dokumentarische, dort Méliès, das Phantasmagorische - infrage und auf den Kopf gestellt. Und Ottinger hat, als sie später Filme dokumentarisch machte - "Taiga", 1992, "Unter Schnee", 2011, "Chamissos Schatten", 2016 -, das Imaginäre gefilmt, um mit ihm voll in die Realität vorzustoßen. Und einen Film gibt es von ihr, in dem spielen das Natürliche und das Monströse ganz wunderbar zusammen, in einer Realität, die ganz Phantasmagorie ist, der heißt "Prater", 2007.

Der neue Film erzählt von den Sechzigern, den Jahren, die Ulrike Ottinger in Paris verbrachte, er nimmt seinen Titel von der berühmten antiquarischen Librairie Calligrammes, in der Rue du Dragon, im Viertel Saint-Germain-des-Prés, die Treffpunkt vieler Intellektueller und Künstler war, von Paul Celan bis Max Ernst. Fritz Picard hat sie gegründet, er war einst vor den Nazis nach Paris gegangen, Paris war, in der Mitte des 20. Jahrhunderts zumal, ein Fluchtpunkt. Die Faszination der Stadt, ihrer Kultur, ihres Savoir-vivre hatte oft ein politisches Moment.

"Ich war zwanzig Jahre jung und mit dem festen Plan, eine große Künstlerin zu werden, nach Paris gekommen." Ein Statement, das schon ein wenig pompös klingt, aber nicht in Paris, wo der Begriff der Kunst und ihrer Schaffenden ein für alle Mal zerbröselt wurde. So lässt "Paris Calligrammes", sobald er mal die kleine Buchhandlung hinter sich gelassen hat, einen atemraubenden Wirbel großer Figuren los, Juliette Gréco und Simone de Beauvoir, André Malraux und Claude Lévi-Strauss, und Henri Langlois, der Leiter der Cinémathèque Française, wo auch Ottinger stundenlang in Filme eintauchen konnte. Man sieht die Linien, die Ottingers Werk markieren, Surrealismus und Pop, Dada und Marx Brothers, und die politischen Ereignisse, die sie bis in ihre kleine Dachkammer verfolgen, das Massaker von Paris gegen Ende des Algerienkriegs - "Die Präsenz des Kolonialen" heißt eins der Kapitel des Films - und die Straßenproteste der Studenten, der Generalstreik. Man weiß nicht, was faszinierender ist, die bekannten, mythisch gewordenen Bilder oder die überraschend neu aufblitzenden.

Ulrike Ottingers Filme waren in Berlin vorwiegend im Forum, nicht in den Hauptprogrammen zu sehen. Die diesjährige Berlinale-Kamera für sie signalisiert, dass die Grenze zwischen den Sektionen inzwischen durchlässig wurde. Sie hoffe, erklärte Ottinger bei der Übergabe, mithilfe der Ehrengabe ihren nächsten Film finanzieren zu können.

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SZ vom 25.02.2020
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