Süddeutsche Zeitung

Ulrike Draesners "Doggerland":Land ohne Ärmelkanal

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Ein aufregendes Buch: Ulrike Draesners Steinzeitepos "Doggerland" erzählt von der Zeit, in der die Nordsee entstand.

Von Tobias Lehmkuhl

Man könnte meinen, Deutsch und Englisch seien einst im selben Suppentopf gebraut worden: Herde, Herz und Erde finden ihre Entsprechungen in herd, heart und earth, "craft" liegt auch semantisch nah an "Kraft", "force" wiederum klingt in der Forke an. Liest man Ulrike Draesner episches Langgedicht "Doggerland", so ist man bald überzeugt, dass dieser Suppentopf eben dort zu finden ist, im Doggerland, einem vor 10 000 Jahren versunkenen Gebiet zwischen England und Kontinentaleuropa. Von Flüssen durchzogen, mit einem Binnensee in der Mitte und dem abschmelzendem Eisschild im Norden, lebten hier die Menschen der mittleren Steinzeit. Und hier ist auch Draesners Epos angesiedelt.

Ein kühnes, geradezu waghalsiges Unterfangen ist die Dichterin eingegangen, denn um nichts anderes als um eine Schöpfungsgeschichte geht es ihr. Im "Doggerland", wo Gruppen von Homo sapiens und Neandertaler aufeinandertreffen, wo Mammuts stapfen und Säbelzahnkatzen schleichen, findet man so etwas wie die Ursuppe, aus der sich der moderne Mensch entwickelt, hier verfolgen wir mit Draesner, wie Sprache und Bewusstsein entstehen. Beides, so lautet die Prämisse dieses aufregenden Buches, geht aus Klang hervor, nicht aus Wohlklang allein, sondern auch aus krächzenden, reibenden Lauten: "bauten sie eine b-b-b-ox/ für alles was glitschte huschte/ haken schlug/ sagten : ch ch i - ist. büchse/ kiste/ i-ic-ich".

Sprache, Geschlecht, Identität, alles ist im Fluss in dieser sich auch klimatisch rapide verändernden Welt. Wir folgen einer Gruppe Menschen, die am "sound" lebt, also am Ufer eines Sunds und am Ufer von ungeformten, eben erst Gestalt annehmendem Lauten. Unter ihnen Cwen, ihre Queen, und mit ihnen die bald zahmen Wölfe. Die Jagd, die Entdeckung der Liebe und sogar die Erfindung des Rads werden von Draesner imaginiert, nie aber im Gestus des So-war-es, sondern immer als kontingente Ereignisse in einem weiten Möglichkeitsfeld.

Schon formal wird auf den ersten Blick deutlich, welch offenen, freien, zuweilen rätselhaften Raum "Doggerland" entwirft (ohne jemals ins esoterische Beschwören einer vermeintlich magischen Welt abzudriften): Der Haupttext in der Mitte der Seite wird als "Klangglocke" rechts und links an deutschen und englischen Wortschienen entlanggeführt. Da stehen Schlick und "licking" einander genauso gegenüber wie "fuck" und die Fackel. Dazwischen flackern die ersten Feuer: "im dunkel leuchten feuer die man tragen/ kann (fickle) vor ihnen her/ durchs holz/ verblühter rotdorn holunder flieder flüsternd (sus-/ suss) folgen sie dem zahn am himmel der abnimmt/ verschwindet wieder schwillt".

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