Ulrich Wickert als Krimiautor Junge Mädchen und alter Käse

Vom Anchorman der "Tagesthemen" zum Krimi-Onkel: Ulrich Wickert hat einen neuen Roman geschrieben - über die Affäre Leuna, Landschaftsgärtner und den "Kansler".

Von Hans Leyendecker

Die Journalistin Margaux steht im Ruf, eine harte Rechercheurin mit Stil und ziemlich unerschrocken zu sein.

Er hat's schon wieder getan: Ulrich Wickert liefert einen neuen Krimi ab.

(Foto: Foto: dpa)

Eine gute Schreiberin, die "manche riskante Geschichte vor allen anderen erfahren, recherchiert und veröffentlicht" hat.

Jedenfalls arbeitet sie seriöser als viele ihrer wichtigtuerischen Kollegen in Paris, die gern "den Konjunktiv benutzen, um Spekulationen und Mutmaßungen als Tatsachen erscheinen" zu lassen.

Als Killer einen der Informanten von Frau Margaux, einen Ex-Geheimdienstler, aus dem Weg räumen sollen, fragen sie ihren Auftraggeber, ob die Journalistin, die bei ihm sei, auch umgebracht werden solle: Besser nicht. "Zu bekannt. Würde zu viele Fragen nach sich ziehen."

Lakonisch versucht der TV-Journalist Ulrich Wickert in seinem neuen Kriminalroman "Der nützliche Freund" die komplexe Wirklichkeit einer etwas unübersichtlichen Affären-Geschichte in den Griff zu bekommen. Der 65-Jährige hat schon viel gesehen und erlebt - er war Korrespondent in Paris, Washington und New York und ist dann fünfzehn lange Jahre bis August 2006 jede zweite Woche als Anchorman der Tagesthemen aufgetreten.

Bei jener Institution, die es seit 1978 gibt und die trotz aller Vorbehalte von Medienleuten beim Publikum immer noch als quasi amtlich gilt. Moderatorin oder Moderator sind folglich für die Gemeinde so etwas wie Amtsträger. Aber für die Tagesthemen wäre die Materie dieses neuen Krimis zu wüst.

Schauplätze sind neben den diversen Steueroasen die französische Hauptstadt sowie die sächsische Metropole Leipzig, und es stinken nicht nur die Raffinerien. Von überallher stinkt's. Und keiner ist's gewesen, keiner hat's bekommen. Wie es eben so ist.

Hunderte Millionen dreckiger Euro wurden verschoben. Aber ein paar der Landschaftsgärtner haben sich verkalkuliert, und der tapfere Richter Ricou steigt in die Kanäle und will die Deckel heben. Auf Seite 133 wird über den Verdacht berichtet, "dass der damalige deutsche Bundeskanzler und dessen Partei auf Bitten des französischen Staatspräsidenten ein paar Millionen als Wahlkampfhilfe erhalten hätten". Da kann doch niemals Helmut Kohl gemeint sein?

Ein realer deutsch-französischer Fall, die Privatisierung der Leuna-Werke durch den Konzern Elf Aquitaine, wird milieugemäß stark koloriert. Neben der Journalistin Margaux, ihrem Liebhaber, dem Untersuchungsrichter und Filou Jacques Ricou, der junge Frauen und alten Käse mag, treten in Hauptrollen auf: Der frühere Staatssekretär im Verteidigungsministerium Ludwig-Holger Pfahls (alias Holm Mormann), der Lobbyist und Fachmann für alles Geheime, Dieter Holzer (alias Marc Leroc), und eine wichtige Akte ist merkwürdigerweise falsch beschriftet: "Kansler - Bonn". Wer hat denn das falsch geschrieben?

Schon in Wickerts erstem, vor fünf Jahren erschienenem Krimi "Der Richter aus Paris" ragte der Schmiergeldprozess um den einstigen Staatskonzern Elf etwas erratisch in die Handlung. Ricou löste damals, nach einigen Anlaufschwierigkeiten, eine Parteispendenaffäre auf Martinique.

Im zweiten Politthriller riskierte Monsieur le juge Kopf und Kragen bei einer veritablen Korruptionsaffäre, die nach Angola führte. Und jetzt vagabundieren schwere Helden, undurchsichtige Diplomaten, die üblichen Bonvivants zwischen Ostdeutschland und Paris.

Der lange Lulatsch als Werte-Onkel

Wickert ist ein Schreib-Junkie, was für einen Fernsehjournalisten eigentlich eine ungewöhnliche Sucht ist. 22 Bände umfasst das Werk des notorischen Bestseller-Autors inzwischen. Vorbild des Vielschreibers ist sein jüngst verstorbener Vater Erwin gewesen, der ein Wanderer zwischen Diplomatie und Schriftstellerei war.

"Lesen und schreiben gehören zu unserem Leben wie bei anderen Leuten essen und trinken", hat Wickert mal gesagt: "Wenn ich mittags nach Hause kam, saß der Vater im Sessel und schrieb auf einer schicken Olivetti."

Der normale Fernsehmensch hat keinen solchen Vater. Auch deshalb verschont er die Welt mit Ergüssen oder berichtet nur über Länder, in denen er mal Korrespondent war.

Dass andererseits einer wie Peter Hahne, ZDF-Vize im Hauptstadtstudio, mit einem sanft öligen Opus wie Schluss mit lustig jahrelang in den Bestsellerlisten stand, darf als Beleg für die alte These dienen, dass Bücher von Fernsehleuten einen besonderen Kaufanreiz bieten. "Das hat der Hahne aus dem Fernsehen" geschrieben, gilt nicht in der Branche, aber draußen als Empfehlung.

Grundsätzlicher als Hahne geht Wickert vor. Seit 1981 (Freiheit, die ich fürchte. Der Staat entmachtet seine Bürger) veröffentlichte er eine Reihe gesellschaftskritischer Bücher. Diverse Male trat er als eine Art Werte-Onkel auf - zuletzt "Gauner muss man Gauner nennen", was so ähnlich wie "Der Ehrliche ist der Dumme" klang.

Nach und nach droht(e) er zum Recyclingprodukt seiner eigenen Textfabrik zu werden. Das Schreibtempo des 1,96 Meter langen Lulatsch ist enorm: Im Schnitt hat er im vergangenen Vierteljahrhundert fast jedes Jahr ein neues Buch abgeliefert.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum auch Wickert selbst irgendwie im Buch vorkommt.