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Ulrich Peltzers Roman "Das bist du":Vom Glück, außer sich zu sein

Blixa Bargeld 1983 German musician Blixa Bargeld at the birthday party of television producer and

Im Nachtleben des Westberlin der Achtzigerjahre, seinem Post-Achtundsechzigermilieu, kommt es für Ulrich Peltzers Erzähler zum Coup de foudre. Hier eine Party mit Blixa Bargeld (Mitte) im Jahr 1983.

(Foto: Ilse Ruppert/Imago)

Ulrich Peltzer schreibt in seinen Romanen gegen das Festlegen tieferer Bedeutung an. In "Das bist du" kommt seinem coolen Erzähler eins in die Quere: die Liebe auf den ersten Blick.

Von Hubert Winkels

Das O ist es. Oh ja. Oh weh. Leonore. Leonore ist die über alles Geliebte eines Erzählers, der lieber ein Niemand wäre, nur beobachten würde, auch sich selbst beim Beobachten. Ein plausibles Arbeitsprinzip für einen urbanen Schriftsteller, der die anonymen Kräfte im Dschungel der Großstadt sichtbar machen möchte. Nur nicht sich selbst auffallen: Sieh dich um, das bist du!

Tatsächlich spielt die Schlüsselszene des Romans im "Dschungel", jenem legendären Club im alten Westberlin, erst am Winterfeldtplatz, später in der Nürnberger Straße. Eine Heterotopie, einer jener Orte, an denen Helden für einen Tag geboren werden. Wir sind ganz am Anfang der Achtzigerjahre, aus den prekären Verhältnissen folgen nicht mehr Revolution oder lange Märsche, sondern ein Aufbegehren im Hier und Jetzt. Lust und Glück im permanenten Ausnahmezustand, Schlagartigkeit als Lebensprinzip.

Der Erzähler ist mit einer Freundin namens Karla ausgegangen. Sie trägt "einen ultrakurzen Rock mit schwarzen Strumpfhosen, zu allem bereit", aber über ihre Schulter blickend, entdeckt der Erzähler eine andere Frau. Rauchend, mal in einem Buch lesend, ein halb volles Glas Bier vor sich, nichts weiter - und es ist um ihn geschehen. Ein Coup de foudre, wie er im Buche steht. Der Erzähler brennt mit seiner Zigarette ein Loch in Karlas schwarze Strumpfhose und bewegt sich wie hypnotisiert auf die junge Frau zu, deren Reize den ganzen Roman über nicht benannt werden. Ein Zufall eben, ein Blitzschlag, reine Kontingenz, ganz Gegenwart: das Glück, außer sich zu sein. Man verlässt den Dschungel, und schon auf der Treppe zu seiner Wohnung lässt Leonore ihre Kleidung fallen, Stufe für Stufe, bis das Verhängnis des Glücks fest installiert ist. Leonore - ein magisches Namensgeschehen wie einst in Gottfried August Bürgers düsterer Ballade "Lenore".

"Repräsentation ist Terror", denkt es im Helden. Sie muss destruiert werden

Diese Liebesgeschichte ist so wunderbar heftig, weil sie dem Selbstbild des Erzählers in die Quere kommt. Peltzer liebt es in fast allen seinen Romanen, den Helden eigenschaftslos zu entwerfen und ihn mit der ständigen Arbeit der Negation zu beschäftigen. Er soll nichts wollen, sich an nichts hängen, er ist weder von seinen Zielen her noch genealogisch zu fassen. Herkunft, Eltern zumal, spielen keine große Rolle, neurotische Familiarität ist tabu. Immer wieder wird der "Anti-Ödipus" von Gilles Deleuze und Félix Guattari zitiert, mit seiner berühmtesten Stelle: "Es funktioniert überall, bald rastlos, dann wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, wärmt, ißt. Es scheißt, es fickt. Das Es ..."

Selbst das Psychologiestudium des Erzählers besteht in einer einzigen Auflehnung gegen die individualitätstheoretischen Grundbedingungen des Fachs. Individualitäten ergründen heißt sie formen, um zu herrschen. Das Einzige, was hilft, ist eine Genealogisierung der Machtverhältnisse. "Repräsentation ist Terror", denkt es im Helden. Und sie muss destruiert werden mit Theorie und Drogen, Musik und Kollektivität, mit ständiger Bewegung ohne Ziel außer der Vernichtung von Zielen - damals hätte man noch Annihilierung gesagt, auch die ist Arbeit.

Es liegt auf der Hand, dass diese sozialpsychologische Konstellation für einen formbewussten Autor wie Ulrich Peltzer eine Herausforderung ist. Denn Schreiben heißt Repräsentieren, Begriffe, Metaphern, Namen sind bereits Agenten des Allgemeinen. So wird der Romantitel eingeführt, an einer eher unscheinbaren Stelle im Roman: "Aber vielleicht dachte ich das auch nur, dachte mir das so aus. Etwas, das man zu einem Bild dazuerfindet, um es sich zu erklären. Logik oder Psychologie. Dabei sich selbst ein unauflösliches Rätsel, eine Folge von Buchstaben, die kein sinnvolles Wort bilden. Das bist du. Vor Leonore, nach Leonore. Ins eigene Leben nicht mehr zurückfinden. Als hörte man sich mit einer winzigen Verzögerung beim Sprechen zu, immer ein anderer."

Der Schriftsteller Ulrich Peltzer, 1956 in Krefeld geboren.

(Foto: Astrid Busch/Astrid Busch)

Eine winzige Verzögerung liegt in der phonetischen Folge der zwei starken, sich graphisch und artikulatorisch öffnenden Vokale ihres Namens. Durch das eine O gehst du rein, durch das andere gehst du raus - es geht nicht gut aus mit Leonore. Einen Aufschub kann man auch handfester am Anfang und Ende des Romans in der materiellen Schreibsituation des Erzählers erkennen. Er ist Filmvorführer mit guten Kenntnissen der diversen Projektionsapparaturen, wartet im Kino auf den Wechsel der Filmrolle und notiert dabei in sein Schreibheft, was er beim Rückblick auf seine zwei, drei prägenden Jahre im Berlin der Achtziger erkennen kann. Aufblitzende Einzelheiten, gleitende und ruckelnde Bilder, mit schnellen Cuts, grob montiert, manchmal gerissen. Rolf Dieter Brinkmanns Buchtitel "Der Film in Worten" wird zitiert. Der Film läuft, der Autor schreibt mit. Statt uns von Begehren und Leidenschaft zu erzählen, versucht er sich zu einem aufzeichnenden Auge zu machen, wie es schon die Neue Sachlichkeit, der Nouveau Roman versucht haben. Es ist verführerisch, sich herauszunehmen aus der Welt, doch wem gelingt das schon? Ulrich Peltzer jedenfalls nicht. Unter seinen kühl-urbanen Oberflächen brodelt es heftig. Ein mühsam gezügeltes Wollen, hier in den Rausch, dort in Kinobilder abgeleitet. Und als hintergründig leitende Idee die des richtigen Lebens.

In dieser Spannung zwischen Straßenpragmatismus und verstecktem Ethos, zwischen Coolness und Empfindlichkeit wird dann doch eine profilierte Person und eine tragische Liebesgeschichte erkennbar. Woher kommt der Erzähler, und was wird aus ihm? Als Schriftsteller? Als Liebender? Als Freund?

Peltzer sucht vergeblich, alle Linearitäten zu kaschieren, der zu früh gestorbene Vater geistert dennoch durch die Sätze, der Erzähler lebt von seiner Halbwaisenrente und einer kleinen Erbschaft. Auch die Mutter lässt ihm etwas zukommen. Die vermittelnden Institutionen werden zurückgewiesen, und dennoch arbeitet der Erzähler in einem psychiatrischen Institut in Dahlem. Utopien sind Altlasten aus den Siebzigern, und dennoch endet der Roman mit einer eher hippie- als kommunardenhaften Form des Zusammenlebens vieler Freunde auf Stromboli. So nah gerät der Roman ans verbotene Paradies, dass man sich auf den letzten von so viel winterlich kalten, kneipenharten Seiten förmlich herausgeschleudert fühlt an den antagonistischen Wärmepol. Doch auch das Paradies ist bereits bedacht, auf dem kurzen Glücksgipfel mit Leonore, mit Buch und Film und dem ganzen symbolischen Zauber der Kultur. Man war im Kino, hat Truffauts "Der Wolfsjunge" gesehen, den zugrundeliegenden Bericht Jean Itards über den sprachlosen jungen Wilden gelesen: "Weil der Junge auf den Buchstaben O mit großer Gemütsbewegung reagiert, nennt man ihn Viktor, dieser Name bist jetzt du."

Ulrich Peltzer: Das bist du. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 289 Seiten, 22 Euro.

Da ist der Titel wieder, jenes "Das bist du" eines Romans, der sich mit allen seinen Mitteln gegen die Identifizierung wehrt. Schon einen Sinn in den Buchstaben eines Namens zu verankern, ist ein Verstoß gegen das frei floatende Begehren. Und eine konventionelle Romandramaturgie wäre erst recht eine Zwangsveranstaltung. Peltzer bedient sich einiger avancierter Techniken der modernen Literatur, um ein frühes Einrasten von tieferer Bedeutung zu verhindern. Er springt in den Zeiten, zitiert, reißt Szenen an, flutet die Seiten mit immer neuen Namen, nimmt Reißaus nach Amsterdam und New York, Paris und immer wieder Neapel, weil hier die Gassen und die Stimmen sich verdichten, wie es sich der Autor für das eigene Schreiben erträumt.

Ulrich Peltzer hat sich diese so lockere wie komplexe Form in etlichen Romanen erarbeitet, sodass sie ihm gut von der Hand geht. Er macht es sich nicht sehr schwer. Fast immer sind es Berlin, die Achtzigerjahre, die postachtundsechziger Mentalität, das Postpunk-Milieu, die sein Romanhabitat bilden. Oft sind es links-utopische Momente, die als historische Sehnsuchtstrigger fungieren, wie die in Gewalt mündenden Demonstrationen im Baskenland in "Alle oder keiner" (1999), oder die anarchische Aktion gegen die elektronischen Überwachungssysteme am Potsdamer Platz in "Teil der Lösung" (2007). Und selbst ein Roman, der versucht, sich mit Sympathie in das Betriebssystem des globalen Kapitalismus einzuhacken, wie zuletzt "Das bessere Leben" (2015), spult immer wieder zurück zu den Szenen des Kent-State-Massakers 1970 bei der Antivietnamkriegsdemonstration. Und immer ist es eine Liebesgeschichte, die jede Wahrnehmung muss begleiten können: Christine, Nele, Angelika Volkhart, Leonore, und da Letztere auch eine Liebesbetrügerin ist, tritt zugleich mit ihr Nils auf, jung, lockig, schwul, muskulös, der mit nacktem Oberkörper Kino- und Konzertkarten abreißt, sich prügelt und dem Erzähler eine Lederhose aus Kuhfell zuschneidet, näht und anpasst. Eine neue Haut.

Immer sauber ausgeschnitten bleibt bei Peltzer auch der Mauerfall in Berlin, die sogenannte friedliche Revolution samt Folgen. Dafür zieht Leonore das politische Feld weiter. Sie betrügt ihren schreibenden Liebhaber nämlich auch mit einem EU-finanzierten opportunistischen Politikberater mit starkem O, Dolf ("ohne A", wie es heißt). Warum nur, das ist die Rätselfrage, ist der Erzähler dieser Frau verfallen? In ihr verbinden sich der Buchstabe, die Macht, das Begehren und der Betrug. Das Leben eben. Nach dieser x-ten Travestie einer, seiner Biografie könnte Ulrich Peltzer nun endlich das allzu vertraute Spielfeld verlassen. Wir wissen, was er kann. Aber sicher kann er auch noch ganz anderes.

© SZ/masc
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