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Gedichte von Ulla Hahn: "stille trommeln":Das Handwerk des Entmauerns

Ulla Hahn

Die Dichterin Ulla Hahn, 1945 im Sauerland geboren.

(Foto: Julia Braun)

Wenn das Zauberwort die Dichterin trifft: Ulla Hahn hat einen Band mit neuen Gedichten aus zwanzig Jahren veröffentlicht.

Von Martin Ebel

Begeistert hat das Lesepublikum die Aufstiegs- und Entfremdungsautobiografien von Annie Ernaux und Tove Ditlevsen (wieder-)entdeckt. In der ebenfalls enthusiastischen literaturkritischen Rezeption wurde indes selten darauf hingewiesen, dass es ein Äquivalent im deutschen Sprachraum gibt: die "Hilla-Palm-Saga", Ulla Hahns vier autobiografische Romane, die zwischen 2001 und 2017 erschienen und auf 2500 Seiten den Weg eines katholischen Arbeiterkindes aus einer rheinischen Kleinstadt nachzeichnen. Aus dem "Kenk vun nem Prolete" wird eine Germanistin, Redakteurin und Dichterin.

Die vier Romane durchweht ein breiterer epischer Atem als die Bücher von Ernaux und Ditlevsen, sie schreiben auch eine Sozial- und Gesellschaftsgeschichte der jungen Bundesrepublik. Ihr Erfolg knüpfte an den der Bestseller-Lyrikerin Ulla Hahn an. Denn das war sie bis dahin vor allem, seit dem Debüt "Herz über Kopf" 1981 eine vielgeliebte, aber auch gern geschmähte Dichterin.

Die massive Protektion durch den "Entdecker" Marcel Reich-Ranicki hatte ihr so genützt wie geschadet. Und die Kritik gespalten: Wo die einen sich am spielerischen Temperament, an der lockeren Formensprache erfreuten, nahmen die anderen gerade an Leichtigkeit und Zugänglichkeit Anstoß und schalten sie banal. Zehn Bände Gedichte liegen inzwischen vor, gesammelt in einem 880 Seiten starken Band, der 2013 erschienen ist.

In den Siebzigern agitierte Ulla Hahn noch für die DKP

Gedichte finden sich immer wieder auch in den autobiografischen Romanen. Im letzten, "Wir werden erwartet", schildert die Autorin die Geburt der Lyrik aus dem Ungeist germanistischer und Polit-Prosa. Auf der Rückseite von Entwurfsblättern ihrer Dissertation oder Pamphleten gegen "Mietpreiswucher und Bodenspekulation" fanden sich, im Zuge der autobiografischen Spurensuche, mit Kuli hingekritzelte Verse. Einer dieser Versuche, "dieser herrliche Traum/ Trakl Traum", ein geradezu minimalistischer Text, steht auch in dem neuen Band "stille trommeln", der "Neue Gedichte aus zwanzig Jahren" versammelt, aber eben auch Fundstücke aus den Siebzigerjahren, als die Autorin für die DKP agitierte.

Die neuen Gedichte begleiten die Erinnerungsarbeit, gehen aber auch neue Wege. Einer führt zur Naturwissenschaft, mit der sich die Autorin lesend, staunend, nachdenkend und -dichtend seit einiger Zeit beschäftigt. Vertrauter fühlt sich die Lyrikerin bei den Themen Liebe, Alter, Vergänglichkeit und in der poetischen Reflexion des eigenen Tuns. In den Liebesgedichten erscheint der Tod am Horizont: Zeigt ihr der Geliebte den Sonnenstrahl auf einer Rose, fällt ihr zugleich dessen "dünner werdender Finger" auf. "Im Nacken / sitzt der Tod und kitzelt / die Wörter aus mir raus", schreibt sie und über den unverminderten Lebenshunger, "je schäbiger dieser seidene Faden / mit dem wir am Leben hängen".

Das Dichten war Ulla Hahn schon immer dichterisches Sujet, die Verwunderung über das, was da unter ihren Händen entsteht, wenn Verse "die Mauer einreißen / zwischen Ding und Wort". Auch im neuen Band mustert sie immer wieder erstaunt dieses Handwerk des Entmauerns. Ihre Werkzeuge: sich ebenso vom Klang wie vom Sinn leiten zu lassen. Ein Verb auf zwei Substantive zu beziehen und so mehrdeutig zu machen - "Zeit rinnt Sand" . Neue anstelle der gewohnten syntaktischen Bezüge zwischen den Wörtern zu spannen. Binnenreime in den Zeilen oder diskrete Reime weit über die Zeilen hinweg. Produktive Kontraste zwischen strenger Formvorgabe und lockerem Ton (in den "Liederlichen Sonetten"). Überhaupt das Spiel mit Tradition und Vorbildern: Hölderlin spendet das Motto, an Inger Christensen ergeht ein Gruß, Trakl, Erich Fried, ja sogar Ernst Jandl geistern umher. Benns "Reisen"-Gedicht wird parodiert und sein Dichter gleich mit: "Lesen Sie lieber vom alten / Benni nochn Gedicht / Der sagt Ihnen was zu allen / Zeiten immer besticht".

Der romantische Dichter traf, wie Eichendorff formulierte, das Zauberwort, und die Welt hob an zu klingen. Bei der manchmal neoromantischen Ulla Hahn ist es das Zauberwort, das den Dichter trifft, er ist passiv, ein Verrückter, der zu lallen beginnt. Die sanfte Respektlosigkeit, mit der die heute 75-jährige der Welt, dem Leben und dem Tod gegenübertritt - bei allen gelegentlichen hymnischen Aufschwüngen -, die spart auch die eigene Position nicht aus.

Ulla Hahn: stille trommeln. Neue Gedichte aus zwanzig Jahren. Penguin, München 2021. 208 Seiten, 20 Euro.

© SZ/fxs
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