Ukrainisches Tagebuch (XXI):Der kleine graue Parkplatz als wichtigster Begegnungsort

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Ukrainisches Tagebuch (XXI): Die Literaturwissenschaftlerin Oxana Matiychuk machte einer Dame eine große Freude mit einer neuen Tasche.

Die Literaturwissenschaftlerin Oxana Matiychuk machte einer Dame eine große Freude mit einer neuen Tasche.

(Foto: Universität Augsburg/Imago/Bearbeitung:SZ)

Der Lkw aus Lübeck steckt in Rumänien fest, in einem Wohnheim werden Flüchtende aufgenommen. All das kostet Kraft, physisch und psychisch. Das Tagebuch aus der Ukraine.

Gastbeitrag von Oxana Matiychuk

Am Freitagvormittag, dem 8. April, komme ich endlich zum Schreiben. Ich schaue auf eine volle und anstrengende Woche zurück - an vier Tagen kamen Hilfslieferungen. Zwei davon später als geplant: Der Transport der TH Lübeck und des Architekturforums Lübeck steckt in Satu Mare fest, erfahren wir am Samstag von den Fahrern, die Lichtmaschine ist kaputt. Wir versuchen, unser Netzwerk in Rumänien zu aktivieren. Letztendlich bekommen die beiden Hilfe von der Feuerwehr. Es dauert allerdings, bis das Auto repariert werden kann - und so begrüßen wir uns an der Grenze erst zwei Tage später, am Montagmorgen. T. und M. sind aber nordisch-gelassen und gut drauf. Lübeck und Czernowitz verbindet eine langjährige Zusammenarbeit - vor allem in Architektur und Stadtplanung, darüber hinaus sind gute Freundschaften entstanden. Wir machen die Übergabe im sogenannten "neutralen Bereich" zwischen den Ländern. Der kleine graue Parkplatz wurde für unser Team zum wichtigsten Begegnungsort, wer hätte das gedacht. Dort wird so viel geredet, gelacht und umarmt wie in all den Jahren seines Bestehens nicht.

Unter den Medikamenten des Universitätsklinikums Halle ist Morphin dabei, ein Opiat und dringend benötigtes Mittel in der Schmerztherapie. Wir lernen eine Menge dazu: Die Übergabe kann nur an zwei Krankenhäuser in Czernowitz erfolgen, und sie ist ein komplexer bürokratischer Vorgang. Einige Dokumente sind nachzureichen, wir müssen auch noch die Kollegen in Deutschland um ein Zertifikat bitten. Aber alles ist machbar, keiner ist genervt, es wird schon.

Darüber hinaus empfangen wir noch eine große Hilfslieferung von den Johannitern und eine Lebensmittellieferung, bezahlt aus den Spenden des Netzwerks Gedankendach. Die Abläufe - ob im großen Hof der Fakultät für Mathematik, wo sich ein Lager befindet, oder in den Büroräumen des "studentischen Parlaments" im Studentendorf - sind inzwischen Routine: Es wird sortiert und eingeteilt, Kisten oder Paletten bekommen Zettel angehängt - darauf stehen Orts- oder Institutionsnamen, wohin die Hilfsgüter gehen. Ein Teil bleibt für den Bedarf der "einheimischen" Flüchtlinge. Dann kommen Autos oder Busse, alles wird wieder verladen und geht auf den Weg. Es sind kurze Kommunikationswege und kurze Bekanntschaften, man fragt nicht nach Ausweisen, es reicht, wenn jemand aus unserem Kreis sagt, "da ist ein Bekannter / Freund, der fährt nach Tschernihiw / Charkiw / Kiew / Winnyzja ..." Und nein, wir sind nicht naiv, wir wissen, dass es in unserem Land auch in der Kriegszeit Missbrauch und Unfairness gibt, mit den Risiken müssen wir leben, so wie wir aktuell mit vielen Risiken leben müssen.

Ich stelle es mir schrecklich vor: Gestern noch in einer eigenen Wohnung und heute in einem heruntergekommenen Wohnheim

Am Dienstag im Studentendorf gehen S. und ich mit dem Direktor in zwei Wohnheime, wir wollen die aus den Spenden vom Netzwerk Gedankendach angeschafften Geräte fotografieren und sie mit den Aufklebern versehen: 16 Kochplatten, zwei Waschmaschinen und ein Trockner sind das. Bei diesem Gang fühle ich mich in die Zeit der binationalen Seminare mit der Katholischen Hochschule Freiburg versetzt. Seit mehr als zehn Jahren durfte ich den Austausch zwischen unseren Hochschulen als Dolmetscherin begleiten, es wurden viele Themen aus der sozialen Arbeit behandelt. Theoretische Seminare wurden stets mit Besuchen in den Sozialen Diensten kombiniert, ich persönlich lernte dabei auch viel und fühle mich davon sehr geprägt. Das Thema der Migration hatten wir auch, Flüchtlingsheime in Freiburg durften wir besuchen, wir trafen uns mit Menschen, die aus Syrien oder Afghanistan geflüchtet sind. Das Ganze schien so weit weg, von der Empathie abgesehen. Ein Studienmaterial eben.

Nun bin ich in einer anderen Funktion in einer solchen Einrichtung unterwegs und erkenne einiges wieder - Erzählungen, Bilder, sogar Gerüche. Ich stelle es mir schrecklich vor: Gestern noch in einer eigenen Wohnung zu sein und heute in einem Mehrbettzimmer eines ziemlich heruntergekommenen Wohnheims. Aber es ist wohl besser als wochenlang im Keller unter Dauerbeschuss. Der Direktor erzählt ein wenig. Einige kommen, richten sich ein und fragen, wie sie helfen können. Andere klagen über schlechte Bedingungen, zu Recht. Es kam auch schon mehrfach vor, dass Menschen wieder abgereist sind, ohne sich abgemeldet zu haben, ihre Zimmerschlüssel waren unauffindbar. Wenn man sich telefonisch erreichte, waren sie bereits im Ausland und meinten, die Schlüssel nahmen sie sicherheitshalber mit, für den Fall, wenn es an der Grenze nicht geklappt hätte. Unterschiedliche menschliche Verhaltensmuster, es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Die vielen Aufgaben kosten mich zwar viel physische Kraft, aber es ist nicht mit dem zu vergleichen, wie viel psychische Kraft es mich kostet, die auf Ria Novosti veröffentlichte "Lizenz zum Morden" zu lesen: Der Artikel (obwohl ich dafür eigentlich kein Gattungswort kenne) "Was Russland mit der Ukraine tun sollte" wurde von dem russischen, aus der Ukraine stammenden Polittechnologen Timofej Sergejzew verfasst. Hoffentlich ist der Text auch für die internationalen Gerichte interessant. Für die deutschen Leserinnen und Leser sollte er das erst recht sein. Die deutsche Übersetzung davon dürfte es inzwischen geben, ansonsten sollte man russischsprachige Bekannte oder Freunde um die Übersetzung bitten. Eine absolut unvergessliche Lektüre ist Ihnen garantiert.

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