Ukrainisches Tagebuch (LII):Ein Schaf für einen Mobilisierten

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Ukrainisches Tagebuch (LII): Oxana Matiychuk ist Germanistin und arbeitet am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie an der Universität Czernowitz im Westen der Ukraine.

Oxana Matiychuk ist Germanistin und arbeitet am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie an der Universität Czernowitz im Westen der Ukraine.

(Foto: Universität Augsburg/Imago/Bearbeitung:SZ)

Eine Sozialpädagogin wird zur Militärfriseurin, eine Katze wird nach einer Haubitze benannt, und dazwischen die Nachricht, in Sibirien erhielten Familien mobilisierter Männer ein Schaf. Notizen aus dem Krieg.

Gastbeitrag von Oxana Matiychuk

Am Freitagmorgen sitze ich im Zug nach Frankfurt und chatte mit meinen Bekannten aus Saporischschja und Mykolajiw, nachdem ich die bedrückenden Nacht- und Morgennachrichten gelesen habe. O. aus Saporischschja schreibt: "Angeblich 28 Tote im Konvoi, aber es werden noch viel mehr. Dort ist eine Menschenmaische." Ich frage, warum die Menschen ins besetzte Gebiet fahren. Es geht eigentlich nach Wassyliwka, in den Heimatort von O. "Viele haben dort Verwandte. Für andere ist es ein kleines Geschäft, sie transportieren Waren, man kann gegen Bezahlung Pakete schicken, ich selbst schicke ab und an Futter für meine Katzen. Was ich allerdings nicht verstehen kann: Warum riskiert man Fahrten mit Kindern. Anscheinend kann man mit den Russen an den Checkpoints verhandeln, dennoch werden einige Pendler schon vermisst."

O. selbst wartet sehnsüchtig auf die Befreiung ihres Heimatortes und lebt nach einem Zwischenaufenthalt in Czernowitz in Saporischschja. Inzwischen absolvierte die ausgebildete Sozialpädagogin einen Kurs als Männerfriseurin, den ihr ein Unternehmer aus Czernowitz spendierte. Nun frisiert sie regelmäßig "unsere Jungs" im Militärkrankenhaus, manchmal bekomme ich Fotos von ihren Instrumenten oder auch "Jungs", von hinten fotografiert. Nebenbei führt sie mit ihren "Kunden" Gespräche, psychotherapeutisch quasi. Meine persönliche kleine Teilhabe an ihrer Arbeit besteht darin, dass ich bei meinen Deutschlandaufenthalten Herrenparfums kaufe und O. zuschicke. Laut ihrer Aussage freuen sich die Jungs darüber, angeblich erkennen sie sogar, dass es "Originalduft" ist.

Meine O. aus Mykolajiw berichtet über den Zuwachs in ihrer dreiköpfigen Katzenfamilie, ein herrenloses kleines Kätzchen nahm sie mit nach Hause. Genannt wurde es "Elka-119" - zu Ehren der Haubitze L-119, die von ihrem Mann M. bedient wird. M. wurde vor einigen Monaten eingezogen, vor Kurzem durfte er zwei Tage nach Hause. "Er hat sich sehr stark verändert, äußerlich und innerlich", schreibt O. und schickt ein Foto. Ich hätte M., der bei uns einige Male Hilfsgüter abholte, als er mit O. und ihrer Schwester im Frühjahr in der Nähe von Czernowitz wohnte, wirklich nicht erkannt. Ich frage, ob sie etwas brauchen.

Die Familien der mobilisierten Männer in der russischen Republik Tuwa bekommen ein Schaf geschenkt

O. sucht gerade militärische Tourniquets und taktische Westen. Mit den Westen können wir nicht aushelfen, aber Tourniquets aus der Spende unserer Kolleginnen und Kollegen aus Amberg-Weiden sollten noch da sein. Ich schreibe S. und segne in Gedanken die Erfinder des Internets, das die Kommunikation in Sekundentempo ermöglicht. Tatsächlich haben wir noch einige, S. verspricht, sie schnell zur Post zu bringen. Er müsste sowieso dahin, weil er noch Sachen, die wir für ein Feldspital in Druschkiwka gesammelt haben, verschicken will: Um gebrauchte Hosen und Jacken für Verwundete, die kurzzeitig im Spital bleiben, bat unser bekannter Sanitäter R. Dazu noch ein paar Packungen guten Kaffee, dafür gebührt unser Dank der Künstlerin aus Berlin Helga von L., die es für unsere "bewundernswerte Armee" regelmäßig schickt. Und etwas Trockenbrennstoff, von dem eine größere Lieferung ein weiterer Freund von Czernowitz und der Ukraine Christian H. aus Heilbronn brachte. Von den nicht zweckgebundenen privaten Sachspenden geht vieles zu denjenigen, dank derer wir im Hinterland leben und agieren können.

Anschließend lese ich wieder Nachrichten. Bei einer Meldung muss ich auflachen: "Die Familien der mobilisierten Männer in der Volksrepublik Tuwa bekommen ein Schaf geschenkt." Ukrajinksa Pravda ist ein absolut seriöses Nachrichtenportal, dennoch google ich nach und finde die Information tatsächlich auf mehreren russischen Nachrichtenseiten. Es ist vorteilhaft, die Sprache des Feindes zu können. Die Ortsverwaltungen wurden angewiesen, den betroffenen Familien Sachhilfe zu leisten. Auch Gemüse, Holz und Kohle sind im "Hilfspaket" vorgesehen.

Letzteres, weil ja längst nicht alle Haushalte in Russland einen Gasanschluss haben, wie so mancher im westlichen Europa annehmen würde. Laut dem kremlnahen Ria Nowosti waren 72 Prozent der privaten Haushalte bis zum Jahresende 2021 gasifiziert (Stand 12. Januar 2022). Nun hat, wie es scheint, der Rest, der Jahrzehnte darauf wartet, eine gute Chance, dass der Prozess deutlich beschleunigt wird. Wir drücken ihnen jedenfalls die Daumen. Die Volksrepublik Tuwa liegt in Sibirien und grenzt an die Mongolei. Die Mehrheit der Bevölkerung ist buddhistisch und schamanistisch, Schaffleisch ist ein wichtiges Nahrungsmittel.

"Ein Schaf für einen Mobilisierten", steht in der Nachricht. Der Kurs ist also 1:1, ein Menschenleben und ein Schafsleben scheinen gleichgestellt zu sein. Aber natürlich besteht auch die Chance, eine große Karriere zu machen: Der aus Tuwa stammende Verteidigungsminister Sergej Schojgu hat es immerhin geschafft.

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