Ukrainisches Tagebuch (LV):Hilfe als Selbsthilfe

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Oxana Matiychuk ist Germanistin und arbeitet am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie an der Universität von Tscherniwzi (Czernowitz) im Westen der Ukraine. (Foto: Universität Augsburg/Imago/Bearbeitung:SZ)

In der Ukraine gibt es einen Mangel an vielem. Manchmal rettet mich genau das.

Gastbeitrag von Oxana Matiychuk

Manchmal kommt es mir vor, dass die humanitäre Arbeit eine gewisse Abhängigkeit schafft. Man kann nicht mehr ohne. Oder ich zumindest kann nicht mehr ohne. Oder sie ist ein Therapieersatz. Sonst würden mich all die Geschichten, die ich höre und lese - von der Front, aus den befreiten Gebieten, direkt von Geflüchteten - zermalmen, zersetzen, psychisch zerstören. Die Sklaven des Zaren kamen, um die Ukraine zu versklaven. Die Sklaven sind die schlimmsten, wenn sie plötzlich Waffen in der Hand haben, die ihnen ein Machtgefühl verleihen. Aus dem minderwertigen "Ich entscheide nichts" wird auf einmal "Ich bestimme über Leben und Tod". Dabei habe ich selbst den Krieg, die Brutalität und die Zerstörungswut der "Nation von Tolstoi und Dostojewski" nicht erlebt. Mir blieb das tage- und wochenlange Ausharren im Keller erspart.

Ich frage mich, wie Menschen, die gefoltert, verstümmelt, erniedrigt wurden, ihre Familienangehörigen und Freunde verloren und überlebten, mit ihren Traumata weiterleben werden. Vielleicht haben Tote ja sogar mehr Glück. Und uns, mir bleibt das Schuldgefühl. Es wird zeitweise abgelöst durch die pragmatische Erkenntnis, dass es gut ist, wenn nicht die ganze Nation gleich traumatisiert ist. Mein Handeln ist ein kompensatorisches Verhalten.

Das Dach ist fertig, aber wann die Handwerker bezahlt werden, weiß niemand

Zum Glück gibt die andere Seite des Krieges. Die Solidarität, die Hilfsbereitschaft, die Selbstaufopferung. Kleine Geschichten, die beflügeln. Wie die abgeschlossene Dachsanierung im Dorf Bila, die dank der Spenden an das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas möglich wurde. Der Ort gehört seit der Gemeindereform zur Gemeinde Mamajiwzi. Das ehemalige Kulturhaus wird in eine Unterkunft für Geflüchtete umgewandelt, zehn Zimmer werden zur Verfügung stehen. Am Donnerstagmorgen ist die Besichtigung des neuen Dachs geplant, die Sanierung ging schnell, unklar bleibt nur, wann die Handwerker dafür ihr Geld bekommen. Wir konnten zwar das Material finanzieren, aber für die Löhne muss die Gemeinde aufkommen. Ein Teil der Gelder aller staatlichen und kommunalen Einrichtungen wird aber schon seit Langem gesperrt, die Mittel werden prioritär für die Verteidigungszwecke eingesetzt.

Das alles jedoch wissen der Unternehmer und die Handwerker und sind bereit zu warten, hoffentlich wird das Geld bis zum Jahresende freigegeben, erzählt die Gemeindevorsteherin N., die ins nur wenige Kilometer vom Stadtrand entfernte Dorf mitfährt. Pünktlich wenn wir vor dem Gebäude aus dem Auto steigen, ertönt Luftalarm. Niemand reagiert, auch drei ältere Frauen, die am Postmobil stehen, nicht. Das Postmobil gehört der Ukrainischen Post, die unter anderem für die Rentenauszahlung an Menschen in der ländlichen Gegend zuständig ist. Mit einem Bankkonto können viele nichts anfangen, in manchen kleinen Dörfern gibt es auch keine Bankfilialen. Das neue Dach muss ein wenig gefeiert werden. Es gibt einen kleinen, aber fein gedeckten Tisch im Zimmer, das zurzeit noch als Büro des Dorfvorstehers dient, später aber geräumt werden soll. Darauf, dass das Dach dicht bleibt, muss geprostet werden, dafür gibt es Cognac. Kurz nach zehn Uhr morgens ist es zwar noch früh, außerdem habe ich noch vier Stunden Unterricht am Nachmittag, aber die Menge ist harmlos. Mir wird ein Blumenkorb überreicht, die Gemeindevorsteherin bedankt sich wortreich, ich fühle mich fast peinlich, denn es ist alles andere als mein persönlicher Verdienst.

Es gibt einiges Konfliktpotenzial wegen der Position der orthodoxen Kirche

Wir sitzen eine Weile am Tisch, es wird viel aus dem Leben der Gemeinde erzählt, ich bewundere N., eine Frau Mitte fünfzig. Ihre Gemeinde zählt zu den größten und wohlhabendsten in der Region, seit dem Kriegsbeginn wird viel für die Binnenflüchtlinge gemacht, in einem ehemaligen Betriebshotel wurde mit der Unterstützung von ELEOS Ukraine der "Shelter der Heiligen Olha" eröffnet, gemeinsam mit dem Hilfswerk Bukowina-Schwaben e. V. wird das Zentrum "Träume der besonderen Kinder" für Kinder mit Behinderung ausgebaut. Viele Kleinbetriebe, viel Eigeninitiative, einiges Konfliktpotenzial wegen der Position der orthodoxen Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht. Es passieren - wie auch anderenorts - die Auseinandersetzungen mit den Pfarrern, wenn gefallene Soldaten begraben werden. "Das Geld, das man dieser Kirche spendet, ist praktisch eine Investition in die russischen Raketen, die auf uns fliegen." Es bleiben jedoch viele, die weiterhin in diese Kirche gehen. Mit allen muss N. als Hauptmanagerin umgehen können. Und es melden sich schon wieder Flüchtlinge aus der Hauptstadt und aus Saporischschja, die nach einem Aufenthalt hier zurückgingen und jetzt die Rückkehr in die sicherere Region erwägen. Ich lausche ihren Geschichten gespannt, es ist nicht der geringste Anflug der Arroganz oder der Selbstbeweihräucherung an ihrem Auftreten.

Für mich ist es ein Einblick in die neuen Lebenswelten und -realitäten. Auch deswegen mochte ich meine Managementtätigkeit auch zuvor schon lieber als den etwas abgehobenen und nicht selten realitätsfernen akademischen Bereich. Nach dem Essen steht noch ein Punkt auf dem Programm: Die Besichtigung eines anderen Gebäudes im Nachbarort Strilezkyj Kut, das theoretisch auch in eine Unterkunft für Binnenflüchtlinge umgewandelt werden könnte. Doch die Theorie in die Praxis in diesem Fall umzusetzen, ist viel schwieriger: Das Haus ist größer und bedarf viel mehr Investitionen. Versprechen kann ich nichts, nur sagen: "Wir nehmen zur Kenntnis, dass es den Bedarf gibt."

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