Süddeutsche Zeitung

Netzkolumne:Krieg ist Content

Lesezeit: 2 min

Der Krieg in der Ukraine hat viele Plattformen ins Chaos gestürzt, in dem Nachrichtenfälscher und Profiteure dominieren. Doch es gibt auch Nischen, die unverfälscht streamen.

Von Michael Moorstedt

Gerade Twitter wirkt in diesen Tagen besonders dystopisch. Es vermengen sich Updates von der Front in der Ukraine mit Nachrichten aus der Welt des Sports oder schlappen Memen. War der Kurznachrichtendienst mal als Dienst gedacht, um selbst in globalen Konversationen auf dem aktuellsten Stand zu bleiben, erscheint dort heutzutage auf seltsame Weise alles gleich wichtig.

Vielleicht sind die algorithmisch kuratierten Nachrichten-Feeds nicht für derartige Inhalte gedacht und beginnen zu versagen. Gleichzeitig hat jeder eine Meinung. In der vergangenen Woche haben die Social-Media-Nutzer ihre Expertise in Infektiologie offensichtlich gegen Fachwissen in Osteuropastudien eingetauscht und auch schnell noch einen Crashkurs auf der Offiziersschule absolviert.

Nie war der Nebel des Krieges dichter als in unserer heutigen Informationsumwelt. Die irreführenden Bilder müssen dabei nicht einmal Teil einer groß angelegten Desinformationskampagne des Kreml sein. Wie das Tech-Magazin Input berichtet, werden sie auch für ganz alltägliche Betrugsmaschen verwendet. So schwenkten große Instagram-Accounts plötzlich auf die Kriegsberichterstattung um. Laut Input werden die Accounts jedoch nicht von Journalisten vor Ort betrieben, sondern von einem jungen Mann aus dem mittleren Westen der USA, der ein Netzwerk viraler Inhalte im Internet verwaltet.

Im Stream vom Maidan gibt es keinen Algorithmus und kein Meinungsgefecht

Die gezeigten Bilder dienen nur der Monetarisierung, der postmoderne Kriegsgewinnler ist allein daran interessiert, seine Popularität zu vermarkten. So wird zwischen Kurzvideos von Bombenangriffen - seien sie nun echt oder nicht - auch mal Werbung für die verkappte Privatpornoplattform Onlyfans geschaltet. Man scheut auch nicht davor zurück, um Spenden zu bitten. Die Sortieralgorithmen der Tech-Portale belohnen freilich nicht die Wahrheit, sondern denjenigen, der ihre Mechanismen am besten kennt und zu seinem eigenen Vorteil ausnutzt. Krieg ist Content.

Dem Publikum reichen bereits martialische Account-Namen wie livefromukraine, povwarfare oder militaryfootage, um die gezeigten Inhalte ernst zu nehmen. Hier treffen die Bilder auf ein maximal desensibilisiertes Publikum, das nie gelernt hat, die Frage nach Authentizität zu stellen. Vor mehr als 30 Jahren beklagten Medientheoretiker die Hyperrealität der Aufnahmen, die CNN aus dem zweiten Golfkrieg sendete. Wie sie es wohl interpretieren, dass während der Invasion in die Ukraine auf einschlägigen Plattformen auch Screenshots aus dem Militär-Videospiel "Arma 3" widerspruchslos als Bilder aus dem echten Krieg akzeptiert werden?

Wohin sich also wenden, bei all dem Irrsinn? Am besten vielleicht an Technik aus den Frühzeiten des Internet. Auf der App Zello, die jedes Smartphone in ein Walkie-Talkie verwandeln kann, kann man einzelnen Kanälen aus Kiew oder Lemberg folgen. Sekündlich melden sich hier die Menschen von dort zu Wort. Vor ein paar Tagen war man noch empört und verwünschte Putin auf fantasievollste Weise. Nun sind ihre Stimmen leise.

Vom Maidan und anderen Orten in Kiew senden noch immer Webcams live ihre Bilder ins Netz. Von hoch oben ist das Objektiv auf die goldene Statue des Unabhängigkeitsdenkmals gerichtet. Über der Stadt ein strahlend blauer Himmel, im Hintergrund hört man lange Zeit nur das Rauschen des Windes. Dann vereinzelt Sirenen und das Feuer automatischer Waffen. Mehr als hunderttausend Menschen schauen zu.

Der Stream vom Maidan hebt sich ab von all dem Rauschen, das die sonstigen Kanäle verstopft. Hier ist nichts gefälscht, es gibt keinen Algorithmus und kein Meinungsgefecht, das man eventuell als Sieger verlassen kann. Der Livestream versucht nicht, den Zuschauer von irgendetwas zu überzeugen. Er folgt keiner Agenda. Sondern zeigt die Dinge einfach so, wie sie sind.

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