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Ukraine-Konflikt:Im dichten Nebel der Wahrheit

Ukraine-Konflikt: Ein Soldat zeigt in einem Schützengraben in den Himmel

Was genau ist da am Himmel zu sehen? Ein ukrainischer Soldat zeigt in einem der Schützengräben auf einen Helikopter.

(Foto: Felipe Dana/AP)

Erst wurden russische Truppenkontingente an der Grenze zusammengezogen. Jetzt sind sie wieder weg. Was bedeutet das alles?

Gastbeitrag von Serhij Zhadan

Konzerte für Soldaten sind ein besonderes Erlebnis. Manchmal tritt man in seltsamen Etablissements auf. In all den Kriegsjahren haben ich und meine Musikerfreunde an allen möglichen Orten gespielt - in maroden Sälen von Sanatorien, in Unterständen, die als Schutz gegen Artilleriebeschuss an einem Flussufer in die Erde eingegraben waren, in Bunkern aus der Sowjetzeit, gebaut für den Fall eines Atomkrieges mit dem kapitalistischen Westen.

Das Equipment bringen wir mit. Der Sound ist oft eigenartig. Aber das Publikum ist dankbar. Die Soldaten reagieren in der Regel aufgeschlossen, viele Konzerte hören sie schließlich nicht. Also freuen sie sich über den Besuch, selbst wenn sie keine Rock'n'Roll-Fans sind. Es wird ja für sie gesungen. Und die Musiker sind für sie gekommen. Also gibt es doch Menschen, die an sie denken. Im Krieg ist das wichtig. Besonders in einem Land, in dem viele den Krieg schon vergessen haben.

Sagt ein russischer Sprecher, dass keine Gefahr bestünde, heißt das eher, dass die Gefahr sehr wohl real ist

Nach den Auftritten wird aufgetischt, die Soldaten plaudern, tauschen Neuigkeiten aus, klagen über die Politiker. Es ist wie immer - nichts hat sich hier, im Kriegsgebiet, geändert. Die Änderungen gibt es im Hinterland. Dort schwanken die Stimmungen, es gibt Informationsattacken, die Rhetorik ändert sich.

Zuletzt hat es viel Neues gegeben, wir haben genug Stoff für die Unterhaltung. Russische Truppen standen an unserer Grenze und wurden erst vor Kurzem abgezogen, dazu hörten wir beschwichtigende Statements ukrainischer Würdenträger und unverhohlen provokative Initiativen der Separatisten, Stellungnahmen westlicher Politiker, die Position des Kreml - all dies verschmolz zu einem schweren Gedröhne, aus dem man einzelne Wörter wie "Krieg", "Eskalation" oder "Einmarsch" heraushören konnte. Es waren bedeutungsschwere, angsteinflößende Wörter.

Generell funktionierte die gesamte Informationskampagne so, dass jede neue beruhigende Erklärung nur neues Misstrauen weckte: Wenn ein russischer Sprecher sagt, dass keine Gefahr bestünde, dann heißt es eher, dass diese Gefahr sehr wohl real ist, und wenn die Vertreter der Europäischen Union ihren festen Standpunkt bekräftigen, dann ist er wahrscheinlich vage und wackelig.

In den sieben Jahren des Krieges haben wir uns daran gewöhnt, den Informationen nicht zu vertrauen, wir wissen nun, dass die Information vor allem Bestandteil dieses Krieges ist. Deswegen hat man das Gefühl, dass auch die letzte Eskalation ein Element des Informationskrieges war. Der Krieg ist in den Medien präsent. Aber im Donbass selbst ist dieser Krieg kaum sichtbar. Hier bekommt man Informationen darüber eher aus den Medien.

Der ukrainische Präsident Selenskij hat im Wahlkampf versprochen, den Krieg schnell zu beenden.

Der Kommandeur der Einheit, für die unsere Band ihr Konzert gab, sagt auch nichts Neues. Für ihn ist das Gerede über die "Eskalation" eine Episode in der schon sieben Jahre andauernden Konfrontation. Viele Zivilisten im Hinterland interpretierten eine vor Monaten verkündete Waffenruhe als Ende der Kriegshandlungen, aber die Soldaten verstanden, dass jede Vereinbarung mit Putin nur eine Utopie war.

Nach den Ereignissen im Frühjahr und im Sommer 2014, bei denen die ukrainische Armee in den Städten Ilowajsk und Debalzewe eingekesselt wurde, war klar: Es kann einen teuer zu stehen kommen, wenn man der russischen Führung glaubt. Deswegen äußerten sich die meisten Soldaten ohnehin skeptisch über die Waffenruhe. Eher früher als später, meinten sie, werden die Russen sie verletzen. So kam es. Über die aktuelle Lage spricht der Kommandeur emotionslos - es kommt, wie es kommen soll.

Ohnehin reden die Soldaten über den Krieg am ruhigsten. Selbst in dieser Zeit, in der Fernsehen und Internet mit Warnungen und unheilschwangeren Vorhersagen gefüllt sind, und manchen Formulierungen wie "Beginn des dritten Weltkrieges" oder "die auf Europa gerichteten Raketen" leicht von den Lippen gehen.

Informationen können Menschen Angst einjagen und sie deprimieren. Je weiter von der Frontlinie weg, desto mehr Gründe gibt es dafür, sich Sorgen zu machen, so scheint es. Wenn man aber mit den Soldaten spricht, hat man den Eindruck, dass alles unter Kontrolle ist und dass das Schlimmste in den sozialen Netzwerken stattfindet.

Zur Person:

Der Lyriker und Erzähler Serhij Zhadan ist 1974 im Gebiet Luhansk geboren. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Gedichtband "Antenne" (2020), davor der Roman "Internat" (2018), beides bei Suhrkamp.

Als Russland mit der Truppenverlegung begann, gaben sich alle Mühe, um Ruhe und Zuversicht auszustrahlen. Der ukrainische Präsident stattete den Soldaten einen Besuch ab, der Innenminister inspizierte ihm unterstehende Einheiten, der Verteidigungsminister rief lokale Behörden auf, von der Einberufung einer Heimwehr abzusehen, weil alles in Ordnung sei.

Aber die Ukrainer misstrauen den Erklärungen von Politikern und dies insbesondere dann, wenn sie einen Politiker nicht gewählt haben. Die Situation, in der sich heute Präsident Selenskij befindet - der Oberbefehlshaber der Streitkräfte -, ist da sehr typisch.

Vor zwei Jahren hat Wolodimir Selenskij im Wahlkampf versprochen, den Krieg schnell zu beenden, es war eine seiner zentralen Botschaften. Seine Behauptung, dass man sich mit Russland "irgendwo in der Mitte" einigen könne, klang für viele Ukrainer überzeugend. Sie glaubten tatsächlich, man müsse nur die Truppen zurückziehen, um den Krieg zu beenden. Interessanterweise wurde Selenskij auch von vielen Soldaten gewählt.

Eine Kapitulation ihrer Führung wird die ukrainische Gesellschaft nie akzeptieren

Das ist zwei Jahre her. Die Truppen wurden zurückgezogen. Der Präsident hat wieder und wieder betont, dass er dem Scharmützel ein Ende setzen will. Nur geht das Scharmützel nicht zu Ende. Russische Truppen wurden an ukrainische Grenzen verlegt. Der Versuch, sich mit dem Kreml zu verständigen, ist erneut gescheitert. Und der ukrainische Oberbefehlshaber Selenskij muss mit Soldaten kommunizieren, die ihn als Politiker ohnehin nie ernst genommen haben.

Die Rhetorik des Präsidenten hat eine interessante Wandlung durchlaufen. Als Präsident eines Landes, das sich im Krieg mit einem Aggressor befindet, muss man früher oder später der Wahrheit ins Gesicht schauen: Alle Versuche, sich mit dem Kreml zu einigen, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil sie vor allem ein Aufgeben bedeuten würden. Und das kann keine ukrainische Regierung akzeptieren.

Sicherlich ist die ukrainische Gesellschaft ziemlich bunt, auch mit Blick auf den Donbass und Russland. Aber seit dem Beginn des Konflikts im Frühjahr 2014 sind viele Menschen bereit, ihr Land mit Waffen in der Hand zu verteidigen. Deswegen muss der Präsident in seinen Äußerungen nicht nur die Meinung der westlichen Partner oder die Erklärungen von Wladimir Putin berücksichtigen, sondern auch die Reaktion der ukrainischen Gesellschaft, und die wird eine Kapitulation ihrer Führung nie akzeptieren.

Wenn man die Lage in der Ostukraine und an der ukrainisch-russischen Grenze betrachtet, sollte man außerdem Folgendes bedenken, was zwar logisch ist, aber dennoch oft übersehen wird: In sieben Jahren haben Millionen Ukrainer Erfahrungen als Soldaten an der Front oder als freiwillige Helfer gemacht oder irgendwie die Armee unterstützt. Der Krieg hat Tausende Menschen verändert, ihr Bewusstsein, ihre Einstellung gegenüber dem eigenen Land.

Das Land hat sich ebenfalls verändert, auch wenn die Gespräche über die Korruption und die ständige Rücksicht auf Wahlergebnisse oft den Blick darauf versperren. Vielleicht auch deswegen gab es keine Massenpanik wegen der Information über die Verlegung russischer Truppen an ukrainische Grenzen.

Viele Ukrainer verstehen sehr wohl. Dieser Krieg dauert schon sieben Jahre, er ist nie verschwunden, er war immer nebenan. Und dass manche es gelernt haben, ihn nicht zu bemerken, hat seine Präsenz nicht weniger real gemacht. Man muss bloß die Dinge beim Namen nennen. Und für seine Worte geradestehen. Davon reden die Soldaten. Und wir hören zu und planen neue Auftritte.

Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot.

© SZ/alex
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