Ukraine:Der Himmel brennt

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Ukraine: Eine orthodoxe Kirche in Odessa, bedrohlich umwölkt von Schwaden, die aus einer Raffinerie aufsteigen, die zuvor von russischen Raketen getroffen wurde.

Eine orthodoxe Kirche in Odessa, bedrohlich umwölkt von Schwaden, die aus einer Raffinerie aufsteigen, die zuvor von russischen Raketen getroffen wurde.

(Foto: Nacho Doce/Reuters)

Die Gemeinschaft der orthodoxen Christenheit in der Ukraine war ohnehin beschädigt, jetzt droht eine neue Kirchenspaltung.

Von Sonja Zekri

Ostern wird in der orthodoxen Kirche viel größer gefeiert als Weihnachten. In diesem Jahr feiert sie es am kommenden Sonntag - nach dem Julianischen Kalender. In der Ukraine fällt die Botschaft von Tod und Auferstehung in eine Zeit des Krieges, der die orthodoxe Gemeinschaft vor eine Zerreißprobe stellt. Es geht, wie gerade so oft, um die historisch gewachsenen, inzwischen aber für viele untragbaren Beziehungen zu Russland, und wenn es schlecht läuft, sind die Spannungen in den Gemeinden nur Hinweise auf künftige gewaltsame Konfrontationen. "Wir sind in einem Krieg, und alle sind bewaffnet", sagt eine hochrangige Staatsbeamtin für religiöse Angelegenheiten in Kiew: "Wir hoffen, dass wir die Lage weiterhin unter Kontrolle haben."

60 Prozent aller Ukrainer gehören dem orthodoxen Glauben an. Dabei können sie allerdings seit einigen Jahren zwischen zwei Kirchen wählen: der 2018 gegründeten eigenständigen - "autokephalen" - Orthodoxen Kirche der Ukraine und der viel älteren Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die seit 1686 dem Moskauer Patriarchat unterstellt ist. Diese Konkurrenz war zwar auch in den vergangenen Jahren nicht konfliktfrei, aber größere Eskalationen blieben aus. Auf dem Land ist nicht einmal allen Gläubigen bewusst, in der Kirche welcher Zugehörigkeit genau sie am Sonntag beten.

Ukraine: Kirchenoberhaupt Kyrill hat die Orthodoxie zum Instrument einer Geopolitik gemacht, die auch seinen eigenen Status sichert.

Kirchenoberhaupt Kyrill hat die Orthodoxie zum Instrument einer Geopolitik gemacht, die auch seinen eigenen Status sichert.

(Foto: Maxim Shemetov/Reuters)

Diese Unentschiedenheit fand mit dem russischen Überfall ein Ende. Denn der Moskauer Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche der Ukraine, ist eine Säule des Putinismus und ein fantasievoller Apologet des Einmarschs, den er als Verteidigung Russlands gegen expansive westliche Laster wie Schwulenparaden sieht, ja als Abwehr des Antichristen schlechthin. In zweifelhafter Tradition auch anderer Glaubensgemeinschaften hat Kyrill Waffen und Soldaten gesegnet. Nie fand er ein Wort des Bedauerns über viele Tausend getötete ukrainische Zivilisten, obwohl vor allem im Osten der Ukraine die russischen Angreifer ebenso wie die ukrainischen Opfer zu seinen Schäfchen gehören - und obwohl täglich Kirchen zerstört oder beschädigt werden, die zum Moskauer Patriarchat gehören.

Für viele der weltweit 200 Millionen Gläubigen der russisch-orthodoxen Kirche ist diese Kriegsverherrlichung schwer hinnehmbar. In den USA, in Italien und den Niederlanden gab es Proteste, Kirchenaus- und -übertritte, sogar Schlägereien. In der Ukraine droht Schlimmeres. Seit 2019 hatten sich 619 ukrainische Gemeinden von Moskau losgesagt und der unabhängigen Orthodoxen Kirche der Ukraine angeschlossen, so die Kiewer Beamtin. Nicht immer sei der Wechsel erschütterungsfrei verlaufen, es habe Spaltungen von Gemeinden gegeben, Streit um Kirchengebäude. Theoretisch könnten die Gläubigen beider Kirchen nacheinander Gottesdienst feiern, aber das habe das Moskauer Patriarchat oft nicht zugelassen. Gelegentlich seien Busse mit Schlägern vorgefahren - vermutlich von Moskau geschickt -, um die Abtrünnigen einzuschüchtern. Die Polizei musste einschreiten.

Eine Petition fordert die Absetzung des Oberhaupts der russischen Orthodoxie

Inzwischen aber haben nicht nur die Angehörigen des paramilitärischen Heimatschutzes, die "Territorialverteidigung", Gewehre, sondern schon Kinder haben gelernt, wie man Molotow-Cocktails mixt. Und die Wut auf Kyrill wächst. Ein Hinweis darauf ist die sinkende Bereitschaft, seinen Namen traditionsgemäß in den Gebeten zu erwähnen. Die Hälfte der 45 ukrainischen Diözesen des Moskauer Patriarchats schließt den Moskauer Patriarchen nicht mehr in ihre Gebete ein, so die New York Times.

Mehr noch: Andrij Pintschuk, Ex-Bürgermeister und Erzpriester eines Dorfes bei Dnipro, hat auf Facebook eine Petition veröffentlicht, in der er die Absetzung Kyrills als Oberhaupt der russischen Orthodoxie fordert. Das Konzept der "russischen Welt", mit dem der Kreml - und Kyrill - unter anderem seine koloniale Ukraine-Politik rechtfertigt, müsse als Abfall vom orthodoxen Glauben, als Häresie verurteilt werden. 400 Moskau unterstehende ukrainische Priester haben die Petition bislang unterschrieben. Selbst die Moskau unterstehenden Priester des Kiewer Höhlenklosters, das nicht nur Unesco-Welterbe ist, sondern als "Vatikan" der Orthodoxie gilt, beten für den Sieg über Russland.

Selbst Metropolit Onufrij, Oberhaupt der Moskau unterstehenden ukrainischen Orthodoxie, findet in den Augen vieler Gläubiger nicht die richtigen Worte. Nach dem russischen Angriff beklagte er vage einen "Bruderkrieg" und sprach vom Kampf zwischen Kain und Abel. Die offene Verurteilung Russlands vermied er.

Ukraine: Dicht gedrängt in der Diaspora: Geflüchtete aus der Ukraine finden im polnischen Krakau zusammen und beten.

Dicht gedrängt in der Diaspora: Geflüchtete aus der Ukraine finden im polnischen Krakau zusammen und beten.

(Foto: Omar Marques/Getty Images)

All diese Spannungen und Verbitterungen sind mehr als theologische Spitzfindigkeiten, sie sind als Teil der ukrainischen Emanzipationsanstrengungen und der russischen kolonialen Bemühungen mithin: hochpolitisch. Manche Rivalitäten reichen Jahrhunderte zurück. Seit Konstantinopel, der damalige Sitz der orthodoxen Christenheit, 1453 von Muslimen erobert wurde, sieht sich der Moskauer Patriarch als Hüter der Rechtgläubigen. Bekannt - und heute von Kreml-Ideologen wieder gern zitiert - wurde dieser Anspruch durch die Formulierung des Mönches Filofej im 16. Jahrhundert von Moskau als "Drittem Rom": "Zwei Rome sind gefallen, das dritte steht, und ein viertes wird es nicht geben." Das erste Rom war katholisch geworden, also vom orthodoxen Glauben abgefallen, Konstantinopel muslimisch.

Die These vom "Dritten Rom" galt lange als etwas abwegiges Element im Repertoire von Eurasiern wie dem eher überschätzten Ideologen Alexander Dugin. Im Lichte der putinistischen Aggression gegen die Ukraine aber wird Filofejs ursprünglich nur religiös gemeinter Begriff auf einmal mörderisch brisant. Kyrill hat die Orthodoxie zum Instrument einer Geopolitik gemacht, die auch seinen eigenen Status sichert. Ein Drittel aller Gemeinden der russischen Orthodoxie befindet sich in der Ukraine. Verlöre das Moskauer Patriarchat auch nur die Hälfte davon - was bliebe dann von seinem Weltgeltungsanspruch übrig?

Die Gründung der unabhängigen Orthodoxen Kirche war der Versuch der Ukraine, sich aus dieser politisch-religiösen Umklammerung zu befreien und im Weltkonzert der Orthodoxie eine eigene Stimme zu bekommen. Dass der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus, die neue Kirche 2019 anerkannte, hatte die Spannungen zwischen Moskau und Istanbul verschärft. Nun droht ein neues Schisma.

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