Charkiw"Dieses Bauwerk ist Jazz, gegossen in Beton"

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Kathedrale des sowjetischen Konstruktivismus: das Gebäude der staatlichen Industrie in Charkiw, abgekürzt "Derschprom".
Kathedrale des sowjetischen Konstruktivismus: das Gebäude der staatlichen Industrie in Charkiw, abgekürzt "Derschprom". (Foto: Vladimir Pomortzeff/Mauritius Images / Alamy Stock P)

Täglich wird Charkiw bombardiert, werden historische Bauten zerstört. Expedition in eine Stadt, die einmal die Zukunft war.

Von Tomas Avenarius

Maxim Rozenfeld steht vor dem Betonkoloss, Basecap auf dem Kopf, Hände in den Hosentaschen, dazwischen rundet sich sein Kugelbauch. Der gemütliche Rozenfeld und das kantige, überwältigend große "Haus der Staatlichen Industrie", abgekürzt "Derschprom": Das passt sehr gut zusammen. Kaum einer kann das Phänomen von Charkiw als architektonischem Mikrokosmos so griffig in Worte fassen wie Rozenfeld.

"Das Derschprom ist für mich wie Musik", sagt er: "Dieses Bauwerk ist Jazz, gegossen in Beton." Das Derschprom aus der Frühzeit der UdSSR ist das bekannteste Gebäude in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Es ist eine Kathedrale der sowjetischen Avantgarde und des Konstruktivismus, ein Meilenstein der modernen Architektur, ein Markstein industrieller Stahlbeton-Technik. Tausenden hat Maxim Rozenfeld schon den Zauber des Derschprom nahegebracht.

"Die Charkiwer selbst kamen, ließen sich ihre eigene Stadt zeigen": der Stadtführer Maxim Rozenfeld.
"Die Charkiwer selbst kamen, ließen sich ihre eigene Stadt zeigen": der Stadtführer Maxim Rozenfeld. (Foto: Tomas Avenarius)

Der Illustrator und Architekturhistoriker Rozenfeld ist der bekannteste Tour-Guide Charkiws. Bei seinen populären Stadtführungen folgten ihm seit 2011 Woche für Woche immer mehr, erst Dutzende, dann Hunderte Neugieriger: "Das waren keine Touristen. Die Charkiwer selbst kamen, ließen sich ihre eigene Stadt zeigen." Selbst im Krieg waren seine Touren überlaufen. "Mein bestes Jahr war 2023", sagt Rozenfeld: "Damals dachten wir noch, unser Sieg ist nur wenige Minuten entfernt." Jetzt, ein paar Monate später, hat er seine Stadttouren eingestellt: "Mit ein-, zweihundert Leuten im Schlepptau, wenn Drohnen am Himmel kreisen? Das kann ich nicht verantworten."

Vielleicht ist das Ende seiner Touren auch ein Anzeichen der Müdigkeit. Bei Kriegsbeginn wurde die Stadt schwer verwundet, aber schlug die russischen Truppen zurück. Danach gab es Angriffe, aber Charkiw blieb optimistisch. Läden und Cafes wurden eröffnet, Parks wieder hergerichtet, aufgerissene Straßen repariert. Aber heute ist Charkiw bedroht wie nie, wird täglich bombardiert. Vor ein paar Wochen schickte Russland Truppen über die nur 50 Kilometer entfernte Grenze. Noch kommen sie kaum voran, aber das kann sich ändern. Das weiß Rozenfeld, das wissen alle in Charkiw.

Das Derschprom, das mit seinen lineal-geraden Linien wie ein Insekt vor dem riesigen Freiheitsplatz hockt, war immer Höhepunkt von Rozenfelds Touren. Es war einer der ersten Wolkenkratzer der Sowjetunion. Und es stand eben nicht in Moskau, sondern in Charkiw. 16 stürmische Jahre, von 1919 bis 1935, war Charkiw die Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik, ein Laboratorium für die Veränderung der Gesellschaft mit architektonischen Mitteln. Der ukrainische Autor Mikhail Ilchenko nennt Charkiw den "Ort einer der radikalsten städtischen Transformationen der Zwischenkriegszeit im ganzen östlichen Europa". Charkiw war mehr als eine Stadt. Es war ein Blick in die Zukunft.

Das Fundament für den gigantischen Komplex schachteten 5000 Arbeiter mit der Hand aus

Nicht nur im Derschprom-Gebäude, aber hier in riesigem Maßstab, verzahnten die Sowjets, Wissenschaft, Forschung und Technik wie Lego-Steine zu einer Gesellschaft neuen Typs. Und der 48-jährige Rozenfeld kennt es wie kaum einer. Mit Details wie den Namen der Architekten Sergei Serafimow und Mark Felger, des Chefingenieurs Pawel Rotert hält er sich nicht auf. Stattdessen beschreibt er die enorme Gemeinschaftsleistung. An allem habe es der jungen Sowjetunion gefehlt, an Geld, Gerät, Experten. Der Bau des Derschprom - eine "mission impossible". Das Fundament musste von einer Armee von 5000 Spezialisten und Facharbeitern in Handarbeit ausgeschachtet werden - es gab nicht genug Bagger. Der Beton für den Bau in der Form des dreifachen Buchstabens H wurde über Gerüste, Leitern und Winden nach oben geschafft, dort in Form gegossen. Und das auf elf Etagen: Es gab kaum Kräne.

Was ab 1925 so entstand, ist ein bis heute gültiges Statement modernen Bauens. Später errichtet der Chefingenieur Rotert weitere Pyramiden progressiver Sowjetarchitektur: den modernistischen Staudamm von Dnipro, die Moskauer Metro. Weil das Derschprom für die 5000 Fachleute und Arbeiter eine revolutionäre Fachhochschule des Bauens war, wurden rund um den Platz vor dem Derschprom und in der ganzen Stadt weitere Meilensteine des Konstruktivismus aufgetürmt. Rozenfeld deutet auf die Karasin-Universität neben dem Derschprom, schweift in klugen Worten über den endlosen Freiheitsplatz, der unter den Sowjets - ausgerechnet - nach Felix Dscherschinski benannt war, dem Gründer der sowjetischen Geheimpolizei.

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Ein paar Schritte nur bis zur Metro-Station, an der gleich drei Universitäten liegen - Charkiw war schon unter den Zaren eine Hochburg von Forschung und Wissenschaft, dazu eine Industriemetropole. Aber die Sowjets trieben es weiter, ließen Charkiw erblühen. Oft, auch heute, liegt Charkiw im Schatten Kiews. Aber damals machten die sowjetischen Herrscher nicht das behäbige, bourgeoise Kiew, sondern Charkiw zur Kapitale der neuen ukrainischen Sowjetrepublik.

Rozenfeld verlässt den Freiheitsplatz, zieht weiter ins nahe Taras-Schewtschenko-Viertel. Dort wurden in den Zwanzigerjahren die Eliten ganzer Berufsgruppen angesiedelt. Das Haus der Schriftsteller, das Haus der Künstler, der Drucker, der Bäcker, der Konditoren. Die sowjetischen Konstruktivisten planten, ähnlich dem Bauhaus, in Konzepten. Aber sie gehen weiter. Rund um mehrstöckige Appartementhäuser wurden Parks und Grünanlagen angelegt, gab es Geschäfte, Schulen, Kindergärten, in denen der sozialistische Mensch geformt werden sollte.

Die Sowjets förderten die ukrainische "Renaissance". Dann brachten sie sie um

Im Taras-Schewtschenko-Viertel wurde ein Haus für Waisenkinder und Schwererziehbare errichtet, das FED-Haus, mit angegliederten Schulen und Werkstätten. Weshalb eine der Lieblingsgeschichten Rozenfelds die von den Jugendlichen im FED ist, die eine der damals revolutionären Leica-Kameras aus Deutschland in die Finger bekamen, sie im Polytechnik-Unterricht zerlegten und nachbauten: die Erziehungsanstalt für Straßenkinder als Keimzelle für die Herstellung hochmoderner Kameras im Arbeiter- und Bauernstaat.

Keine andere ukrainische Stadt lag so nah an Moskau wie diese, und doch erkor die Sowjetführung gerade Charkiw aus als Herz der ukrainischen Kultur. Denn die junge Sowjetunion wollte anders sein als der zaristische Völkerkerker, ermutigte und förderte die nationalen Kulturen der Sowjetvölker geradezu, um die neuen Untertanen für das neuartige Staats- und Gesellschaftsmodell zu gewinnen. Ukrainische Theater und Zeitschriften entstanden, Ateliers und Künstlervereinigungen.

Rozenfeld führt ein paar Straßen weiter zu einem Komplex, dessen Grundriss aus der Luft betrachtet einem C ähnelt, dem kyrillischen S. Es ist das Haus des Wortes, "Dom Slowo", erbaut im Jahr 1929. Für ein paar Jahre trafen sich hier die besten Literaten des Landes wie der Lyriker Pawlo Tytschyna, der Dramatiker Les Kurbas, der Schriftsteller Mykola Kulisch.

Das Experiment scheiterte grausam. In den stalinistischen Terrorjahren war jedes Anzeichen ukrainischer Selbstfindung tödlich, selbst kommunistische Literaten gerieten unter Verdacht. 33 Bewohner wurden erschossen, viele in Lager verschleppt. Das "Haus des Wortes" wurde zur Todesfalle und Charkiw zum Symbol für die Ermordung der "ukrainischen Renaissance". "Für die einen erscheint das Charkiw nach der Revolution als neues Zentrum der ukrainischen Kultur", schreibt Ilchenko: "Für die anderen verkörpert das Charkiw dieser Zeit wie keine andere Stadt das Sowjetische, das die ,wahre' ukrainische Tradition abbrach."

Heute wirkt das Dom Slowo heruntergekommen, die einstige Bedeutung lässt sich kaum erkennen, es wurde sogar beschossen. Das S ist eine von vielen Narben der Stadt. Fast alle ukrainischen Städte haben Gewalt erlebt, aber nicht alle in der Dimension Charkiws, wo während der bewusst herbeigeführten Hungersnot, dem Holodomor, der Bahnhofsvorplatz voller Leichen von Kindern aus den Dörfern lag, wo die Deutschen in zwei Jahren Besatzung im Zweiten Weltkrieg die Juden der Stadt ermordeten und die Werke der Pionierzeit zerstörten. Wo der Weltkriegs-Sieger Stalin an die Stelle der architektonischen Avantgarde der Revolution seinen puderzuckrig-brutalen Triumphalismus hinklotzte.

Und jetzt sind wieder Krieg und Tod in die Stadt gekommen. Einen Tag zuvor haben russische Truppen das "Epizentr" angegriffen: Kein Militärstützpunkt, sondern ein Baumarkt. Vierzehn Menschen starben.

Das Stadtviertel Saltywka wurde zerstört, wiederaufgebaut und droht nun erneut zerstört zu werden.
Das Stadtviertel Saltywka wurde zerstört, wiederaufgebaut und droht nun erneut zerstört zu werden. (Foto: Friedrich Bungert)

Russische Truppen rücken längst wieder in Richtung der Wohnsiedlung Saltywka vor, deren Plattenbauten, im Zickzack aufgestellt wie eine Palisade, die Stadt 2022 schützten, auch wenn sie stark beschädigt wurden.

Rozenfeld denkt jetzt laut an das, was seiner Stadt bevorstehen kann. In der Euphorie des Sommers 2022, nachdem die Russen zurückgeschlagen worden waren, hatte er mit dem britischen Stararchitekten Norman Foster und acht ukrainischen Architekten einen Masterplan für den Wiederaufbau Charkiws als Zukunftsstadt der Ukraine entwickelt. Rozenfeld hat über Foster promoviert. "Damals dachte ich noch stolz: Und jetzt sitze ich mit Norman Foster in einer Zoom-Konferenz zusammen und plane das neue Charkiw", erinnert er sich: "Das ist jetzt lange her."

Inzwischen ist Rozenfeld am Geburtsort der Stadt angekommen, am Ort des früheren Kosakenforts, das im 17. Jahrhundert die Keimzelle von Charkiw war. Über dem kleinen Gedenkplatz mit der angedeuteten Palisade aus weißen Betonblöcken weht die höchste Flagge der Ukraine: gelb-blau an einem Mast von 102 Meter Höhe. Rozenfeld erinnert sich daran, was er früher gern gesagt hat: "Diejenigen von uns, die ins Ausland geflohen sind, die überleben nur. Wir, die wir in Charkiw geblieben sind und aushalten, wir leben wirklich." Dann weicht sein Pathos einem müden Blick. "Dieser Krieg", sagt Rosenfeld, "bleibt ein einziger Irrsinn."

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