Ukraine Der Kämpfer

Serhij Zhadan ist zum wichtigen Chronisten des Kriegs in seiner Heimat Ukraine geworden. Er liest wie Nikola Madzirov oder Jure Tori bei der ersten europäischen Lyriknacht am Donnerstag, 15. 11., um 21 Uhr im Marstall.

(Foto: Imago)

Serhij Zhadan ist der bedeutendste Schriftsteller seines Landes. Wie ein Handlungsreisender zieht er durch sein Land und trägt Antikriegsgedichte vor. Sein Roman "Das Internat" erinnert an Hemingways Erzählton.

Von  Felix Stephan

Als im April 2014 ukrainische Separatisten das Rathaus von Donezk besetzten, stand der deutsche Historiker Karl Schlögel gerade ein paar Meter weiter auf dem Bürgersteig und beobachtete den Vorgang. Heute erinnert er sich an die Szene so: Eine Handvoll derangierter, maskierter Dilettanten mit Gewehren in der Hand drangen, begleitet von russischen Militärprofis, in das Rathaus ein, vertrieben die verblüfften Angestellten von ihren Schreibtischen, kletterten auf das Dach und hissten eine selbst ausgedachte Fantasieflagge.

Auf der Straße vor dem Rathaus stapelten währenddessen ein paar Rentnerinnen Sandsäcke auf, um so etwas wie Bürgerkriegsatmosphäre herzustellen, ungefähr so, wie man beim Kindergeburtstag Luftballons aufhängt, einfach weil es dazugehört. Auf der anderen Straßenseite gingen die Leute spazieren und aßen Eis, Frauen schoben Kinderwagen vor sich her.

Als er dort auf dem Bürgersteig stand und sich dieses bizarre Spektakel anschaute, ging Schlögel davon aus, dass es nicht lange dauern würde, bevor ein Hubschrauber auftauchen und ein paar Elite-Soldaten aus Kiew ausspucken würde, die die Lage richten würden. Für ausgebildete Soldaten würden diese Anfänger keine ernst zu nehmenden Gegner darstellen. Dieser Hubschrauber aber kam nicht und bis heute weiß Schlögel nicht, woran das gelegen haben kann. Das Rathaus blieb besetzt und die Separatisten riefen die "Volksrepublik Donezk" aus, an deren Grenzen bis heute jeden Tag Krieg geführt wird.

Wenn es in der Ukraine einen Autor gibt, der wie Hemingway vom Krieg erzählen könnte, dann ist es Zhadan

Aber obwohl der Krieg nun schon über vier Jahre andauert und ein Buch nach dem anderen darüber geschrieben wird, hat der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan vor Kurzem angemerkt, dass dieser Krieg noch immer keinen Hemingway hervorgebracht habe. Die Bemerkung ist ein wenig doppelbödig, weil Zhadan selbst im Osten der Ukraine aufgewachsen ist, weil seine Romane dort spielen und er in den vergangenen Jahren zur bedeutendsten literarischen Stimme des Landes avanciert ist. Sein Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass", der 2013 in Deutschland erschienen ist, wurde von der BBC zum "wichtigsten Roman des Jahrzehnts" erklärt. Wenn es also in der Ukraine einen Autor gibt, der vom Krieg im Donbass erzählen könnte, wie Hemingway vom Spanischen Bürgerkrieg erzählt hat, wäre das Serhij Zhadan selbst.

Im Frühjahr ist sein Kriegsroman "Internat" erschienen. Er erzählt von einem Lehrer namens Pascha, der zwar im Kriegsgebiet lebt, aber immer noch die Hoffnung hat, sich aus dem ganzen Schlamassel heraushalten zu können, wenn er einfach die Füße stillhält und seiner Arbeit nachgeht. Eines Tages aber wird der Linienbus, mit dem Pascha jeden Tag zur Arbeit fährt, von einer Patrouille angehalten. Soldaten fordern Ausweise, die Lage könnte jederzeit kippen, erschossen wird er nicht.

Trotzdem löst dieser Erstkontakt mit dem Krieg eine Verwandlung aus: Der hasenfüßige Lehrer erinnert sich, dass sein Neffe noch immer auf der anderen Seite der Front in einem Internat lebt, und er entschließt sich, den Jungen nach Hause zu holen. Von dieser Reise - einmal über die Front und zurück - erzählt der Roman. Der Lehrer robbt nachts durch hohes Gras, übernachtet in einer Bahnhofshalle, die zu einem Flüchtlingslager umfunktioniert wurde, verhandelt mit orientierungslosen Soldaten und bringt seinen Neffen tatsächlich nach Hause. Es ist die größte Tat seines Lebens, und es brauchte den Krieg, um ihn aus seiner Lethargie zu wecken.

Obwohl er noch immer ein junger Schriftsteller ist, hätte Zhadan allen Anlass, sich auf die Rolle als "lebender Klassiker" zurückzuziehen, die ihm Katja Petrowskaja einmal zugesprochen hat. Stattdessen aber reist er ununterbrochen durchs Land, trägt in deklamatorischem Stil seine Gedichte über Krieg, Verzweiflung, Mut und den Donbass vor, besucht an der Front die ukrainischen Soldaten, erkundigt sich, wie man helfen könnte. Mit den Mitteln des Schriftstellers führt er den Krieg, der seinem Land aufgezwungen wurde, so gut es eben geht, auch selbst. Eine Wahl, auch das hat sein Roman gezeigt, hat er nicht. In diesem Krieg gibt es keine Unbeteiligten.