Unbekannte FlugobjekteObama und die Untertassen

Lesezeit: 3 Min.

Aufnahme eines der unbekannten Flugobjekte, die das US-Militär derzeit vor Rätsel stellen.
Aufnahme eines der unbekannten Flugobjekte, die das US-Militär derzeit vor Rätsel stellen. AP

Und wenn doch was dran ist? Wie Alien-Forschung seriöser wirken soll.

Von Nils Minkmar

SZ bei Google bevorzugen

Der französische Essayist Michel de Montaigne kannte das Gefühl: "Unsre Welt hat kürzlich eine andre entdeckt und wer steht uns dafür ein, dass es die letzte sein wird?" Achtzig Jahre, bevor er 1571 seine Essays schrieb, hatte die Nachricht von Kolumbus' Landgang Europa erreicht, und auch wenn es, wie wir heute wissen, keine Entdeckung war, so veränderte das Wissen um die Dimensionen, Möglichkeiten und moralischen Prüfungen des neuen Kontinents das alte Europa.

Es war der Beginn der Neuzeit, und auch wir postmodernen Skeptiker sind den Gedanken an diese Möglichkeit nie wieder losgeworden. Es wäre die größte Nachricht unseres Lebens: Eine neue Welt, ein neuer Planet oder zumindest ein kleiner Gruß von dort würde alles verändern. Wie für Montaigne würde eine neue Epoche anbrechen.

Wer ein wenig amerikanische Zeitungen verfolgt, kann sich fragen, ob es bald wieder so weit ist.

Seit die New York Times vor einigen Jahren erstmals über unerklärliche Sichtungen von Flugkörpern über Schiffen der US-Navy berichtete und dazugehörige kurze Clips veröffentlicht wurden, erleben wir eine neue Konjunktur des einst so populären Ufo-Themas. Nun hat die amerikanische Regierung einen Bericht veröffentlicht, der die vielen seltsamen Sichtungen sammelt und auswertet. Dabei gilt das schlichte Prinzip nach Karl Popper, dass Theorien nur so lange etwas wert sind, wie sie nicht widerlegt wurden. Sollten morgen die Regierungen Chinas oder Luxemburgs beweisen, dass sie insgeheim hochmobile kleine Drohnen produzieren, die sich mit keiner bekannten Antriebstechnologie bewegen, wäre das Rätsel gelöst und die Neue Welt vertagt. Aber eine solche einfache Lösung scheint nicht in Sicht zu sein. Man muss kein Militärexperte sein, um zu ahnen, dass die amerikanischen Streitkräfte nicht bereitwillig öffentlich zugeben, von fremden Flugkörpern überholt, überrascht und überfordert zu sein.

Es stellt sich ein Problem der öffentlichen Pädagogik: Wie spricht man dieses Thema überhaupt an? Wenn man als Fantast gelten möchte, als Eigenbrötler und Verschwörungstheoretiker, hat man es bei keinem anderen Thema einfacher als hier: Wem es auf einer Party zu eng ist, sollte laut verkünden, ein Ufo gesehen zu haben, und schon wird er um sich herum viel Luft zum Atmen haben. Aber umgekehrt muss sich das Problem auch stellen: Wenn diese Sichtungen häufig waren, von gesunden Menschen bezeugt wurden und nicht plausibel zu erklären sind, dann muss dafür eine Kommunikation gefunden werden, die die Menschen nicht in Panik versetzt und die kommunizierende Institution auch nicht lächerlich macht.

Das Thema wird behandelt wie vor- und außereheliche Sexualität bis zur der Mitte des vorigen Jahrhunderts

Ein guter Mann für so eine Aufgabe ist Barack Obama: Jeder kennt ihn, er gilt als cool, klug und ist bislang nicht durch das Herumposaunen wilder Theorien über den Gang der Dinge aufgefallen. Vergangenen Monat räumte er ein, dass es "Aufnahmen und Berichte von Gegenständen am Himmel gibt, von denen wir nicht wissen, um was es sich handelt!". Und er fügte weiter an, dass er dazu nicht alles sagen könne, was er wisse. Diese Aussage reiht sich ein in eine ganze Serie entsprechender Artikel und Aussagen, die dem Ufo-Thema vorsichtig eine neue Seriosität verleihen. Der ehemalige demokratische Mehrheitsführer im Senat Harry Reid schrieb in der New York Times einen Artikel über seine Bemühungen, die unerklärten Himmelsphänomene wenigstens offiziell untersuchen zu lassen. Reid stammt aus Nevada, wo Sichtungen von fliegenden Untertassen seit Jahrzehnten zur Folklore gehören, die Area 51 in Roswell ist längst ein popkultureller Mythos. Seit den Tagen des Kalten Krieges hat auch eine amtliche Geheimniskrämerei dazu beigetragen, das Thema in den Händen eifriger Privatermittler und entsprechender Gegenermittler zu belassen.

Das gesamte Themenfeld wird so behandelt wie vor- und außereheliche Sexualität bis zur der Mitte des vorigen Jahrhunderts: Man ignoriert es oder kichert darüber, ein peinliches, privates Problem von Leuten, die nicht genug an die frische Luft kommen.

Doch die Zeiten ändern sich. Der 1962 geborene Astrophysiker Avi Loeb, früher Leiter des Fachbereiches Astrophysik in Harvard, hat in seinem neuen Buch "Außerirdisch" versucht, die Perspektive zu erweitern. Darin untersucht er das Beispiel des Raumkörpers 'Oumuamua, der ganz andere Eigenschaften aufweist als die zuvor untersuchten im All herumsausenden Felsen. Unter anderem beschleunigte er ohne erkennbaren Antrieb, ohne plausible Erklärung. Loeb formuliert die Hypothese, dass es sich um ein Fragment eines von Außerirdischen hergestellten Raumschiffs handelt. Das würde alle seltsamen Eigenschaften des Dings erklären, andere Hypothesen hingegen erklären nichts. Das ist kein Beweis, aber doch die Einladung, die Denkrichtung zu ändern: Warum sollte allein der Mensch auf der Erde in seiner Sandalen und Shorts tragenden Herrlichkeit das einzige Wesen auf Millionen von Planeten sein, das ein Fluggerät erfindet? Warum ist es anerkannter anzunehmen, die Erde sei der einzige belebte, bewohnte Planet im gesamten Universum, als die gegenteilige These zu vertreten?

Eines fernen Tages wird sich der ganze Krampf womöglich auflösen, dann wird uns das Kichern über das Leben im All vorkommen wie Reisenden heute, die den Flug nach New York antreten, das Staunen Montaignes und die Vorstellung, die Erde ende bei Gibraltar.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Ufo-Papier
:Pentagon kann Himmelserscheinungen nicht erklären

China? Russland? Außerirdische? Der Ufo-Bericht der US-Regierung war mit Spannung erwartet worden. Doch vieles bleibt unklar.

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: