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Überschätzter Kunstbetrieb:"Ich tanzte zu Tom Jones"

Schon die Abendeinladungen sind wirklich zäh: Um die gegenwärtige Kunst wird ein zu großer Zirkus gemacht. Das Bekenntnis einer Ignorantin.

Es war während eines Dinners in Zürich. Nachdem wir lange über meinen ziemlich aufregenden Beruf gesprochen hatten, erforderte es die Höflichkeit, meinen Tischnachbarn zu fragen, was er denn so mache. "Künstler" war die Antwort, begleitet von einem Lächeln, das eine Spur zu bescheiden wirken wollte.

Und wir drehen uns beständig im Kreise: Besucher auf der "Art Basel".

(Foto: Foto: Getty Images)

An dieser Stelle einer Konversation weiß ich inzwischen, dass ich besser nicht mehr weiterfrage. Sonst ergeht es mir wie mit dem Mann, der diesen Fetzen hier über den Tisch warf: "Ich organisiere KunstFestivals in der Nähe von Prag."

Hohle Phrasen

Klingt so ein Satz nicht wie aus Stoffresten zusammengenäht? Wer dumm genug ist, zu fragen "Und was macht man da?", dem wird zur Strafe eine Stunde lang eine Litanei in die Ohren gespült, die so endet: "Und jetzt habe ich in Prag ein Haus gekauft für mich, meine Frau, meinen Sohn und den Hund."

Dann musste der Mann kurz Luft holen, und ich rannte schnell weg. Wenn wer Künstler, Kunst-Professor, Kurator oder Galerist ist: nicht weiterfragen! Jeder Beruf wirft Fragen auf, ob Historiker, Hirnchirurg oder Hirte. Aber Kunst?

Ich sagte bei dem Dinner in Zürich also besser mal nichts, lächelte so kokett wie nur ich es kann und wandte mich dem kleineren Übel auf der anderen Seite zu, einem Architekten.

Ich möchte niemanden kränken in diesen Zeiten, in denen Menschen um Mitternacht aufstehen und sich vor Kunsthallen stellen, um am Abend darauf eingelassen zu werden. Aber es ist Teil des Rechtekatalogs für Minderheiten in Europa, dass auch wir unsere Stimmen erheben dürfen.

Also, hier: Ich finde den Kunst-Kosmos uninteressant und damit auch alle, die dafür verantwortlich sind. Und nein, es ist auch hier - so wenig wie bei Jazzmusik - nicht so, dass es noch schön wird, wenn ich mich nur lange genug damit befasse.

Selbstbeweihräucherung

Eine Ausstellungseröffnung zu besuchen, das war irgendwann vor einigen Jahren plötzlich nicht mehr streberhaft, sondern en vogue. Erschwerend für mich ist es, dass ich in Zürich lebe, einer Stadt, die sich zur zeitgenössischen Kunst verhält wie Paris zur Patisserie, was damit zusammenhängt, dass hier sehr viel Geld ist, das unter anderem in Deutschland hinterzogen wird.

Kunst hier in Ruhe doof zu finden, ist unmöglich, denn jedes Dinner, jeder Anlass ist mit Kunst gespickt. Am schlimmsten ist es leider grundsätzlich nicht mehr nur, wenn überforderte Kommunalpolitiker in eigentlich wunderschönen Städten wie Zürich oder München ihren erfolglosen Künstlerfreunden öffentliche Aufträge für neokubistische Bronzebrunnen verschaffen.

"Kunst und Kommune", das war schon immer eine Tragödie, die auch unsere Kinder und Enkel noch ausbaden müssen, denn wie und wann räumt man all den Mist, der in unsere Städte gegossen wurde, wieder weg?

Noch schlimmer aber ist alles, seit sich das Geld und die Mode auf die Kunst gestürzt haben in einer Art, wie arg böse Medusen auf kleine schwule Knaben losgehen.

Die Sportfirma Puma zum Beispiel lädt mich neulich ein zur Präsentation von Taschen, die von Künstlern gestaltet wurden und mit Zeug gefüllt sind. In diesem Fall lag in der Tasche ein Plastikgehirn des Künstlers John Armleder.

Mehr Hirn braucht die Welt

Was soll ich mit dem beknackten Gehirn? Brauchen Pumakunden eins? Ich? Eine lustige Anspielung auf die hirnleere Sportindustrie? Hahaha! Die Tasche kostet rund 3000 Euro - 150 davon gehen an die Londoner Serpentine Gallery, die das Geld dann für Bildungsprogramme verwendet.

Auf dem Puma-Dinner müssen viele im Stehen essen, da doppelt so viele Leute gekommen sind wie Gäste geladen waren, obwohl sich weder jemand für Puma noch für Künstler noch für Taschen interessiert. (Zwölf davon wurden natürlich trotzdem verkauft.)

Sobald das Wort Vernissage, Kunst oder Galerie auftaucht, wird Bildung und Bürgertum assoziiert, und das sind zweifelsfrei die letzten Bastionen, die von Lifestyle-Groupies, männlichen wie weiblichen, noch erklommen werden können.

Es ist so einfach. Vernissagen gibt es beim Friseur, beim Optiker, im Nagelstudio. Es verhält sich mit dem Wort so wie in den 70er Jahren mit der Boutique oder in den 80er Jahren mit der Philosophie. Ausgestorben ist heute die tolle "Fleischboutique", der Metzger heißt jetzt "Frischeparadies". Aber jedes Nagelstudio hat eine eigene Philosophie - und jetzt eben auch: eine Vernissage.

Bekam ich früher eine Einladung, auf der Vernissage stand, habe ich gekreischt wie beim Anblick eines Skorpions und sie weggeworfen. Heute muss ich alles genau durchlesen. Es könnte sich um die Geburtstagsparty eines Freundes halten, der Urlaubsbilder zeigt.