Übergewicht in der schwarzen Popkultur:Ich bin fett, schaut mich an!

"Black is beautiful", auch in XXL: Das Dicksein wird zur emanzipativen Haltung.

Julian Weber

"Shapeless, formless / Heart is enormous / I've born this, I've worn this", singt Cee-Lo Green, eine Hälfte des HipHop-Duos Gnarls Barkley in dem Song "Go-Go Gadget Gospel": Der 32-Jährige aus Atlanta ist dick und nur das jüngste Beispiel einer langen Ahnenreihe beleibter schwarzer Musiker, die erfolgreich sind. Von Louis Armstrong bis Barry White, Notorious B.I.G. bis Queen Latifah, deren Autobiographie doppeldeutig "Revelations Of A Strong Woman" betitelt ist.

Interessant dabei ist: Offensichtlich gibt es in der afro-amerikanischen Popkultur eine von der weißen amerikanischen Mehrheitsgesellschaft abgekoppelte Entwicklung, wie Fettleibigkeit bewertet wird. Allgemein wird Dicksein heute nicht länger als Ausweis eines hart erarbeiteten und verdienten Wohlstands betrachtet, sondern entweder als Folge individueller Disziplinlosigkeit oder von schlechter Ernährung, die statistisch nachweisbar überproportional in unteren Einkommensschichten vorkommt.

In der schwarzen Popkultur nun, das zeigt das Beispiel Cee-Lo, gibt es eine Variante, die nichts mit dem Klischee vom lustigen Dicken zu tun hat. Viel eher verschwistert sich dort heute ein bewusst ausgestelltes Freaktum mit der alten Selbstermächtigungsbotschaft "Black is beautiful": Auf der Bühne gebärdet sich Cee-Lo schon mal wie ein leichtfüßiger Tänzer, kreuzt im "Clockwork Orange"Outfit mit Perücke auf oder als Schuljunge in Uniform.

"Bei Gnarls Barkley geht es um Emanzipation", sagt Cee-Lo, der eigentlich Thomas Calloway heißt, "wir befreien Menschen von ihrem Alltag, damit sie aus unserer Musik wieder Greifbares beziehen können." Und deshalb singt er: "I'm free / Look at me" - ich bin frei, schaut mich an.

Kunst und Körperbau

Künstlerische Exzellenz, das ist die Botschaft, ist nicht an einen Körperbau gebunden, die vermeintliche Schwäche wird vielmehr zur Stärke, zur Freiheitsmetapher. Und das zeigt sich nicht nur in der Selbstinszenierung auf der Bühne, sondern vor allem musikalisch: Sie ist in der Tradition schwarzer Befreiungssmusik im Kern tatsächlich emanzipativ, Cee-Lo selbst bezeichnet seine Musik als "aggressiv empfindsam".

Ein formaler Gegensatz, der auch auf die Musik des New Yorker Rappers Notorious B.I.G. anwendbar ist. Biggie Smalls, wie sich der schwergewichtige Rapper Christopher Wallace auch nannte, wirkte für einen Gangster-Rapper bemerkenswert nachdenklich, was noch unterstrichen wurde durch das Patois der jamaikanischen Einwanderer von New York, das er sprach. Interessanterweise bleibt er fast zehn Jahre nach seinem gewaltsamen Tod noch immer allgegenwärtig. Weiterhin werden Alben mit neuen Abmischungen seiner Songs veröffentlicht, und im Internet lebt Notorious B.I.G. weiter: Auf der Homepage gnotorious.com wurde die fiktive Figur Gnarls Biggie ins Leben gerufen. Die trägt Mash-Ups aus Gnarls-Barkley-Songs und den Accapella-Versionen von Biggie Smalls vor. "Smiley Faces Hypnotize" heißt der größte Hit. In ihm vereinigt sich auf seltsame Weise das Freiheitsversprechen mit der Tragik der afro-amerikanischen Popkultur.

© SZ v. 20.12.2006
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