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"Über Pop-Musik" von Diedrich Diederichsen:Was aber heißt all das genau?

Es heißt zunächst, dass Diederichsen "Pop-Musik" zwar emphatisch versteht, als etwas, mit dem Menschen für sie existenziell Wichtiges verbinden, aber eben NICHT in erster Linie als Musik, schon gar nicht als minderwertig gegenüber kompositorisch aufwendigeren Musiken. Pop-Musik sei eben "kein Spezialfall aus dem größeren Gegenstandsbereich Musik". Pop-Musik sei sogar nicht bloß "sehr viel mehr als Musik". Pop-Musik sei "eine andere Sorte Gegenstand".

Und zwar einer, der ungefähr seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu beobachten sei und dessen Teile - anders etwa als beim Film - kein zentrales Medium verbinde: Den notwendigen Zusammenhang, der das Phänomen Pop-Musik dann erst ist, den Zusammenhang zwischen (meist populärer) Musik, Bildern, Performances, Texten, Performern, Posen, Stars, zwischen Fernsehausstrahlung, Schallplatte, Radioprogramm, Live-Konzert, Körperhaltung, Mode, Haaren, Make-up und der Intimität von Kinder- und Schlafzimmer - diesen Zusammenhang stifteten "die Hörer, die Fans, die Kunden von Pop-Musik" selbst: "Der Witz des kulturindustriellen und künstlerischen Formats Pop-Musik ist, dass es von allen Beteiligten immer wieder aktiv zusammengesetzt werden muss."

Diese Perspektive ermöglicht dann auch eine systematische Trennung der Pop-Musik vom "Populären" oder der "Populärkultur" einerseits und der "Pop-Kultur" andererseits, die in dieser Strenge auch ein gutes Beispiel für die tiefe und eindrucksvoll sensible und originelle Durchdringung des Gegenstandes in diesem Buch ist: Pop-Kultur etwa finde sich dort, wo andere kulturelle Formate - "in den letzten 20 Jahren deutlich zunehmend" - sich nach den Spielregeln der Pop-Musik als Zusammenhänge reorganisieren, die nicht an einem festen Produktionsort (dem genialen oder wenigstens kundigen Künstler), sondern eben erst in der Rezeption wieder zusammengebaut werden. Man darf da wohl etwa an den Starkult in der Klassischen Musik denken oder daran, wie heute moderne Kino-Blockbuster lanciert werden. Man darf nur daran denken, weil im Buch leider notorisch Mangel an Beispielen herrscht, was bei theoretischen Versuchen dieses Ausmaßes freilich eher die Regel als eine Ausnahme ist.

Das Populäre wiederum ist Diederichsen dabei ganz schlicht das, was wirklich alle angehe. Pop-Musik dagegen - anders als Elite und Hochkultur - trenne sich von der populären Kultur "auf deren Terrain und mit deren Mitteln". Pop-Musik führe also Mitte der Fünfzigerjahre die Möglichkeit der Nonkonformität in eine Kultur ein, deren Darstellungsmittel auf Konformität und Zustimmung angelegt waren. Pop-Musik, so Diederichsen, inszenierte also Individualismen und neue Kollektivismen in Sprachen und Bildern, die der Artikulation von Zustimmung gedient hatten: "Verständliche, rhythmisch markante Lieder."

Bis hierin ist das schon fein beobachtet und notiert, aber dann wird der Abschnitt auch noch eine fabelhaft präzise Analyse samt einer großartigen Formulierung: Dass die Pop-Musik nämlich Nonkonformität mit konformen Mitteln probiere, werde sie nie ganz los. Im Kern sei sie daher affirmativ, sie sage Ja, obwohl sie doch Nein sagen wolle: "I can't get no". Dieses Nein, das für das Publikum als Ja rüberkomme, sei eine große Stärke der Popmusik: "Eine freudige und daher ermutigende, freundliche Verneinung des Bestehenden zugunsten der Umstehenden." Dieser dialektische Kern des Formats sei aber auch die große Schwäche, weil eben nur allzu leicht misszuverstehen. Pop als Kraft, die das Gute will, und dann doch das Schlechte nicht mal abschafft.

Es geht um die Kardinalfragen

So dreht und wendet und zerlegt Diederichsen sein Thema höchst instruktiv und ziemlich erschöpfend. Auf 30 Seiten dichte Prolegomena folgen fünf Oberkapitel samt je mindestens zehn Unterkapiteln, die das Phänomen aus fünf unterschiedlichen Perspektiven unter die Lupe nehmen: akteurtheoretisch, zeichentheoretisch, ästhetisch, historisch und schließlich politisch. Mit anderen Worten: Es geht um die Kardinalfragen: Wer ist da am Werk? Was soll das bedeuten? Wo kommt das her? Was hat das mit Kunst zu tun? Und: Was können wir hoffen?

Und wie in jedem großen Grundlagenwerk weiß man nach der Lektüre jedes einzelnen Kapitels natürlich nicht unbedingt eine pointierte Antwort auf die große Frage. Aber man versteht nach Diederichsens Überlegungen zu Sound-Design, Performance und Posen zum Beispiel viel genauer, was es eigentlich heißt, die Frage nach der Semiotik des Pop überhaupt zu stellen. Das ist kein geringer Verdienst. Anders gesagt: "Pop-Musik ist immer so gut wie die Fragen, die zu stellen sie ermöglicht."

Dass er die Entwicklung der Pop-Musik im emphatischen Sinn vorerst eher an ein Ende gekommen sieht, haben ihm, dem einstigen Subkultur-Apologeten, manche Kritiker zuletzt fast persönlich übel genommen. Es dürfte aber schlicht aus der Beobachtung geschlossen sein, dass das Feld nach fast 60 Jahren doch entwickelt ist. Viele Manöver sind eben schon geprobt. Und auch von Kairo bis Kiew sieht er die Situation zu klar, um von der ungebrochenen politischen Power der Pop zu träumen: Die wirkungsvolle Verbindung von Pop und Politik, so Diederichsen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift De:Bug, klappe derzeit nicht, weil die Anliegen so fundamental seien, dass Musik viel zu eng wäre: "Es geht politisch im Moment (. . .) um das Gegenteil von Subkultur. Um die Rahmen der Rahmen. Da kann man es nicht gebrauchen, dass etwas so individuell und subjektiv gefärbt ist wie Musik."

Und was im Übrigen Miley Cyrus betrifft: Die singende Semmel hat seinen Segen. Besonders interessieren tut sie ihn allerdings nicht. Strukturell sei das dasselbe wie Elvis. Er sei eher auf der Suche nach Pop-Musik-Phänomenen, die er nicht verstehe: "Wenn das dann mal passiert, dann ist das natürlich das größte Geschenk, das es gibt. Dann habe ich die nächsten Tage etwas zu tun."

Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 474 Seiten, 39,99 Euro.

© SZ vom 08.03.2014/ihe

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