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Kolumne: Über Lebenskunst:Juchzer und Jubel

Man denkt an Stechschritt und Körperdisziplin, aber dafür ist der Auftritt des Alexandrow-Ensembles viel zu funkensprühend.

(Foto: Screenshot Youtube)

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges begrüßt Rudi Carrell in "Am laufenden Band" das Alexandrow-Ensemble, den Chor der Roten Armee - ein Moment voller Lebenszugewandtheit.

Von Sonja Zekri

Es ist gerade viel vom Krieg die Rede, was wenig über die Pandemie, aber viel über das romantische Kriegsverständnis der Sprecher aussagt. Krieg als Heldenmaschine, als Ringen mit einem identifizierbaren Feind, das ist, wenn man so will: eine klare Sache. Fast nichts davon trifft auf die Pandemie zu. Covid-19 ist zivil entstanden und wird zivil überwunden werden. Wirkungsvoller als beispielsweise die bombastischen Gesten von Markus Söder und anderen Volkskontrolleuren sind Aufklärung und gezielte Information.

Anderseits hat manche militärische Mobilisierungstechnik durchaus ihren Charme, zumal in der Systemkonfrontation mit dem größten Gegner des Krieges: dem Klamauk. Ein historisches Aufeinandertreffen von maximalem Drill und maximaler Blödelbereitschaft trug sich 1979, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, zu. In der Fernsehshow "Am laufenden Band" begrüßte Rudi Carrell im operettenhaft weißen Frack das Alexandrow-Ensemble, den Chor der Roten Armee. Eine ganze Bühne voller Russen in Uniform singt ein Kriegslied, in dem der Feind nie genannt wird, aber wer sonst als die Deutschen sollte gemeint sein? Und das zur besten Sendezeit, als Familienunterhaltung. Das setzte Takt auf allen Seiten voraus.

Wenn man sich das Video heute ansieht - man findet es rasch im Internet -, dann ist das gar nicht so erstaunlich. "W put", zu Deutsch "Los geht's" oder "Unterwegs" oder "Marsch" wurde 1954 von Wassili Solowjow-Sedoi für den Film "Viel Lärm um Maxim" komponiert, und auch wenn viel von wehenden Fahnen und Feldpost für die Liebste die Rede ist, gibt sich das Stück keine Mühe, seine Herkunft als Unterhaltungsknaller zu verbergen.

Allerdings braucht es dann doch noch die brillanten Musiker des Alexandrow-Ensembles, um daraus eine Perle der westdeutschen Fernsehgeschichte zu machen. 1948 waren sie auf dem Berliner Gendarmenmarkt bejubelt worden für eine Darbietung von "Im schönsten Wiesengrunde". Da war das 1928 gegründete "zweimal mit dem Rotbannerorden ausgezeichnete Akademische Gesangs- und Tanzensemble der russischen Armee namens A. W. Alexandrow" schon berühmt. Einen Erfolg bei Rudi Carrell garantierte das nicht.

Ihr Auftritt in "Am Laufenden Band " beginnt diskret. Trommelwirbel, Klarinette, gestopfte Trompete, nur der Rhythmus ist schon da. Marsch natürlich, aber tastend, fast lockend. Als der Mann an der Balalaika die Augenbraue hochzieht und ein keckes - vielleicht befohlenes - Lächeln erstrahlen lässt, ahnt man: Da ist alles drin, ein Lachen, ein Augenzwinkern sogar, vielleicht sind die Russen doch Menschen.

Der Gesang setzt ein, seidenfeines Piano von Männern in moosgrüner Uniform, die überaus sanft, überaus präzise von links nach rechts wippen. Man denkt an Stechschritt und Körperdisziplin, aber dafür ist das alles schon jetzt viel zu funkensprühend und lebensprall. Und es steigert sich dann mit Bolero-hafter Kraft, von Zeile zu Zeile, von Takt zu Takt, irgendwann stehen die Trompeter und schmettern Fanfarenklänge. Über dem immer noch präzisen, aber jetzt doch schon entfesselten Chor steigen kleine - mit Sicherheit befohlene - Juchzer in die Luft. Keine Armee, und sei sie noch so erschöpft, die sich da nicht summend in Bewegung setzte. Kein gereizter, zermürbter Corona-Mensch, der jetzt nicht Mut schöpfte und mit seinen Liebsten ein Tänzchen wagte oder wenigstens den Müll rausbrächte. Es ist zu schaffen. Es geht vorbei. Das Leben ist ein Grund zur Freude, auch wenn es nicht immer kooperiert.

In dieser lebenszugewandten Hochstimmung sollte der Artikel eigentlich enden, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Im Dezember 2016 starben 64 Sänger des Alexandrow-Ensembles bei einem Flugzeugabsturz. Sie waren auf dem Weg nach Syrien, um dort ein Neujahrskonzert zu geben. Nicht mal der Krieg, ja, er gerade nicht, ist eine klare Sache.

© SZ vom 14.04.2020/cag
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