Über Lebenskunst:Die Großstädte und das Mikrobenleben

Über Lebenskunst: Welches Buch bietet Trost, welcher Film beruhigt die Nerven, welches Kunstwerk weitet den Blick? Empfehlungen des Feuilletons.

Welches Buch bietet Trost, welcher Film beruhigt die Nerven, welches Kunstwerk weitet den Blick? Empfehlungen des Feuilletons.

(Foto: SZ)

Der amerikanische Soziologe Robert E. Park fragte, was und wer alles zur Gesellschaft gehört. Neben dem Grundbegriff des Sozialen empfahl er den Begriff des Symbiotischen.

Von Julian Müller

Seit einiger Zeit kursiert im Internet das Video eines Drohnenflugs über das menschenleere Rom, das einen unheimlichen Eindruck hinterlässt. Das Auge ist zwar an allerlei Spezialeffekte und Simulationen gewöhnt, aber das Kolosseum ohne Menschenschlangen und die Spanische Treppe ohne Straßenverkäufer, das liegt für unseren touristischen Blick jenseits des Vorstellbaren. Auch für den vermeintlich abgeklärten soziologischen Blick stellen derartige Bilder eine Herausforderung dar.

Die turbulente Großstadt war seit jeher mehr als ein Untersuchungsgegenstand für die Soziologie. Ihre Grundfragen konnten erst aus der Erfahrung großstädtischen Zusammenlebens erwachsen. An den Großstädten hat die Soziologie Phänomene wie Konkurrenz und Konflikt, Normen und Rollen, Interaktion und Kommunikation untersucht, sie hat soziale Regelmäßigkeiten feststellen können und sogar soziale Gesetze formuliert.

Der amerikanische Soziologe Robert E. Park (1864 - 1944) soll zu seinen Studenten gesagt haben: "Warum zum Nordpol fahren oder auf dem Everest das Abenteuer suchen, wo es doch Chicago gibt?" Die Stadt war für Park nicht nur ein Ort des Abenteuers, sondern so etwas wie eine lebenslange soziologische Aufgabe.

Park, der nach einer ersten Karriere als Reporter in Detroit, Denver und Chicago unter anderem in Berlin bei Georg Simmel studiert hat und maßgeblich von dessen berühmtem Aufsatz "Die Großstädte und das Geistesleben" (1903) beeinflusst war, wurde zu einem der einflussreichsten Stadtsoziologen und zum Kopf der sogenannten "Chicago School of Sociology". Dieser Gruppe verdanken wir bahnbrechende Studien über Straßengangs und Außenseiter, Taschendiebe, migrantische Kulturen, das Leben in Hotels, das Treiben in Tanzsälen.

Nun sind die Tanzsäle leer, die Hotels geschlossen und auch die Taschendiebe leiden unter Social Distancing, Robert E. Park aber erweist sich bei erneuter Lektüre nicht nur als sehr präziser Beobachter, sondern als ein geradezu visionärer Stichwortgeber für aktuelle Diskussionen. An einer Stelle betont er, dass die Gesellschaft keineswegs nur als Ansammlung von Menschen verstanden werden dürfe, sondern als das Zusammenleben ganz unterschiedlicher miteinander koexistierender und rivalisierender Spezies begriffen werden müsse: "Mittlerweile dehnt sich das Gebiet eines weltweit stattfindenden Existenzkampfs stetig weiter aus, und angesichts der Tatsache, dass Mikroben mit denselben Mitteln reisen wie Menschen, steigen die Gefahren von Krankheiten und die Gefahren von Kriegen im Gleichschritt mit dem zunehmenden Gebrauch jeder Form von Verkehrsmittel, einschließlich des Neuesten, des Flugzeugs. Dadurch zieht sich das Netz des Lebens, das alle lebendigen Organismen in seinen Schlingen hält, sichtlich zusammen, und in allen Teilen der Welt gibt es offensichtlich eine wachsende gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen. Eine vitale Abhängigkeit, die umfassender und intimer ist als in irgendeiner anderen Phase im langen Lauf der Geschichte."

Man muss sich vor Augen führen, dass diese Sätze bereits im Jahr 1939 formuliert wurden, lange vor dem Aufkommen von Billigfliegern und Massentourismus. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Debatten wirken sie aktueller als vieles, was derzeit zu lesen ist. Park denkt hier über eine Form von Soziologie nach, die mit allen Mitteln zu vermeiden sucht, das, was in der Gesellschaft passiert, ausschließlich auf Menschen und auf menschliches Handeln zu reduzieren. Die Gesellschaft müsse vielmehr als ein Geflecht von Interdependenzen begriffen werden, von denen menschliche Beziehungen nur eine Sonderform unter anderen, etwa organisch-biotischen, sind.

Bereits früh macht hier ein Autor seinem eigenen Fach den Vorwurf, vieles nicht im Blick zu haben, was die Gesellschaft ausmacht und bestimmt. Das gilt auch für Bakterien und Viren, die als integraler Bestandteil der Gesellschaft aufzufassen sind und somit auch in den Gegenstandsbereich der Soziologie fallen. Neben dem des Sozialen empfiehlt Park der Soziologie als komplementären Grundbegriff den des Symbiotischen, der "das Zusammenleben verschiedener und ungleicher Spezies" definieren soll.

Dieser Begriff hat sich in der Soziologie nie richtig durchsetzen können, doch gibt es in jüngster Zeit Versuche, ihn wiederzubeleben. So rücken die Soziologen Sven Opitz und Andreas Folkers den Begriff der Symbiose stärker in den Vordergrund, um jene Verflechtungen zwischen den Sphären des Sozialen und des Biologischen beschreiben zu können, die weder eindeutig in den Zuständigkeitsbereich der Soziologie noch in den der Biologie fallen. Derartige Verflechtungen und Überschneidungen zu untersuchen, wird nun zweifellos eine der dringenden Aufgaben aller Sozialwissenschaften sein, die dabei den Kontakt mit den Naturwissenschaften nicht werden meiden dürfen.

Auf dem Weg dorthin könnte Robert E. Park ein guter Ratgeber sein, der lange vor dem Ausbruch der Corona-Krise eine viel zu stark auf menschliches Handeln fixierte Soziologie gezwungen hat, darüber nachzudenken, was in einer Gesellschaft eigentlich alles zusammen lebt, und ob dieses "Zusammen" nicht womöglich neu gefasst werden muss.

© SZ vom 22.04.2020
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