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Nachruf auf den Asterix-Zeichner:Ganz Gallien weint

Albert Uderzo Zeichner Asterix

Albert Uderzo (1927 - 2020) an seinem Schreibtisch.

(Foto: Sebastien Soriano/Le Figaro/laif)

Der französische Comic-Zeichner Albert Uderzo ist gestorben. Ohne ihn gäbe es Asterix nicht. Und damit auch nicht diese unvergleichliche Mischung aus Hochkultur und Slapstick.

"Jåul! Jåul!", winselt ein Wikingerhund (mit nordischem Akzent!) im Nebel des Eismeeres. Zu sehen ist nichts. Nur eine Sprechblase öffnet sich kläglich in einem sonst leeren weißen, die ganze Heftbreite füllenden Panel. So beginnt "Die große Überfahrt", eines der klassischen "Asterix"-Alben. Mit einem Gag.

Wenn die echte Welt ein Comic wäre, dann wäre nun auf vielen, vielen Seiten lautstarkes Heulen in Sprechblasen zu sehen. Papa Asterix ist tot. Der Zeichner und Miterfinder des wohl berühmtesten gallischen Dorfs, Albert Uderzo, ist am Dienstag in der Nähe von Paris gestorben. Er wurde 92 Jahre alt.

Neben Walt Disney ist er der wohl bekannteste Comiczeichner der Welt. 1959 kreierte er mit seinem Freund und Kollegen René Goscinny, der die Storys und Dialoge schrieb, die Saga um die widerständigen Gallier, die in ihrem Dorf an der nordgallischen Küste dem römischen Imperium trotzen - einen Millionenerfolg.

Uderzo war ein großer Menschenzeichner. Die Gallier - das sind wir

Dabei waren Asterix und Obelix recht klägliche Männlein, als sie 1959 in der neugegründeten Jugendzeitschrift Pilote ins Licht der Comicwelt traten. Asterix war ein wenig sympathischer, ältlicher Junggeselle mit dünn herunterhängendem gelbem Schnauzbart; Obelix ein dümmlicher Riese mit Schweinsäuglein, dessen blau-weiße Hose über seinem nur leicht gewölbten Leib schlabberte. Der Erfolg der Serie wird gern dem genialen Texter Goscinny zugeschrieben, der all die unvergesslichen Sprechblasen-Sentenzen schuf wie "Die spinnen, die Römer ..."

Aber Uderzo war eben auch ein großer Zeichner. Seinen Galliern verlieh er schon bald nach dem ersten kläglichen Auftritt die weichen, runden, mäßig naturalistischen Formen, die auch Disneys Figuren so populär machten. Die Schnauzbärte der Gallier wurden kürzer und buschiger. Obelix bekam seinen von Wildschweinen und Zaubertrank geformten Körper. Und Asterix' Flügelhelm zeigte die Stimmungen seines Trägers an. Uderzo war er ein großer Menschenzeichner.

Unvergessen der herrlich unsympathische Intrigant Tullius Destructivus in "Streit um Asterix", der immerzu Zwietracht säht. Die Sprechblasen färben sich in seiner Gegenwart giftgrün ein. Mancher Asterix-Experte wollte in dieser Figur den kommunistischen Politiker Georges Marchais erkennen - eindeutig ist das keineswegs. Uderzo wollte nicht mit politischer Satire erschrecken - er porträtierte das allgemein Menschliche. Was für herrliche Knollennasen er seinen Galliern gemalt hat! Was für sprechende Augen und Kinne! Gewissermaßen als Bonus für die Leser (und Privatspaß der Künstler) tauchten immer wieder Prominente in Nebenrollen auf. So ist in "Asterix und Kleopatra" eine herrlich spitznasige Elizabeth Burton als Kleopatra zu sehen und haben die Komiker Stan Laurel und Oliver Hardy als römische Legionäre in "Obelix GmbH & Co KG" einen Auftritt. Der gelangweilte Präfekt Gracchus Überdrus in "Die goldene Sichel" trägt die Züge von Charles Laughton.

Die Karikaturen in den Bänden zu erkennen, wurde ein Sport der "Asterix"-Gemeinde, die eben nicht vor allem aus Kindern und Jugendlichen besteht, sondern aus Menschen, die Anspielungen aus Politik und Kunstgeschichte erkennen. Es gibt Anspielungen auf Laokoon und Pieter Bruegel oder auf Géricaults "Schiffbrüchige". "Asterix" ist Hochkultur und Slapstick - denn Uderzo beherrschte beides, dazu den Umgang mit Sprechblasen und Typografie.

Zur Kunst der Menschenzeichnung kam die Bewegungslust der belgischen École Marcinelle (mit Vertretern wie Jijé, André Franquin oder Morris). Was Uderzo zeichnerisch draufhatte, hatte er schließlich schon vor "Asterix" bewiesen, etwa in der Indianer-Serie "Umpah-Pah" (ebenfalls mit Goscinny), in der viele den Prototypen von "Asterix" sehen.

Uderzo, der mit vollem Namen Alberto Aléandro Uderzo hieß, wurde am 25. April 1927 im französischen Fismes in der Nähe von Reims geboren, als Sohn eines italienischen Geigenbauers. 1934 erhielten die Eltern die französische Staatsbürgerschaft. Es sei eine "fröhliche, aber arme Kindheit" gewesen, erzählte Uderzo. Dass er zeichnen konnte, wusste er früh. Der junge Albert bewunderte Walt Disney; er wollte "ein europäischer Disney werden", sagte er in einem Interview mit dieser Zeitung. Das Handwerk des Comiczeichnens brachte er sich teilweise selber bei. Erste Werke veröffentlichte er mit Jean-Michel Charlier als Texter des Comics "Belloy, Ritter ohne Rüstung". Ebenfalls mit Charlier entstanden in den 1960ern Geschichten von "Mick Tangy". 1951 begann dann die Zusammenarbeit mit René Goscinny, mit dem er diverse Serien schuf, "Pitt Pistol", "Luc Junior" und "Benjamin & Benjamine".

Ein "Fuchsroman", eine Tierfabel nach dem Vorbild von Reineke Fuchs, sollte folgen. Doch kurz vor der Veröffentlichung kam Uderzo und Goscinny ein anderer Zeichner mit der Idee zuvor. Es musste dringend ein neuer Einfall her, der ebenfalls lustig sein sollte und französisch, amerikanische Superhelden gab es genug. Die Legende besagt, dass die beiden auf dem Balkon von Uderzos Wohnung die französische Geschichte Revue passieren ließen, von den Höhlenmenschen zu Vercingetorix, dem Krieg gegen Cäsar. Uderzo wollte angeblich einen großen Helden, Goscinny einen kleinen. Der Rest ist Geschichte.

Er sammelte Ferraris und zeichnete, erst mit über achtzig gab er die "Asterix"-Reihe ab

Aus dem Fuchs wurde Asterix, aus den Ohren die Flügel an dessen Helm. 1961 erschienen die ersten Abenteuer als Album, in "Asterix der Gallier". Es folgten weitere 27 Bände, bis René Goscinny 1977 überraschend starb. Für viele Fans war auch Asterix damit gestorben, aber Uderzo arbeitete allein weiter; 1980 erschien das erste von ihm allein geschaffene Album "Der große Graben". Die Zeitabstände zwischen den Bänden wurden nun größer, die Geschichten waren nicht mehr so brillant wie früher. Aber immer noch fieberte die weltweite "Asterix"-Gemeinde dem Erscheinen neuer Abenteuer entgegen, die in Millionenauflagen erschienen.

Eine Goldgrube: Mehr als zehn "Asterix"-Zeichentrick- und Realverfilmungen entstanden, ein "Asterix"-Freizeitpark bei Paris, Hunderte Merchandising-Artikel, neue "Asterix"-Bände werden wie Staatsgeheimnisse behandelt. Uderzo sammelte Ferraris und zeichnete weiter. Um die Rechte an "Asterix" entbrannte ein hässlicher Familienstreit, bei dem der Zeichner sogar seine Tochter und den Schwiegersohn verklagte. Er war schon über achtzig, als er die Comicreihe an jüngere Kollegen übergab. Der erste "Asterix"-Band von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad erschien 2013.

Albert Uderzo erlag in Neuilly, einem Vorort von Paris, im Schlaf einem Herzinfarkt, wie seine Familie mitteilte. Seit Wochen sei er müde gewesen. Man möchte sich vorstellen, wie Uderzo nun an einem Bankett in einem gallischen Paradies teilnimmt. Wildschweine für alle! Und kein Barde stört.

© SZ vom 25.03.2020/khil
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