Food-Trend UbeLila ist das neue Grün

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Lila ist gekommen, heißt es in Trend-Gazetten, um zu bleiben. Also ungefähr bis zur dann neuesten Trendfarbe.
Lila ist gekommen, heißt es in Trend-Gazetten, um zu bleiben. Also ungefähr bis zur dann neuesten Trendfarbe. IMAGO/Cavan Images

Matchafarben war mal, jetzt wird auf einmal alles lila: Kaffeeläden, Supermärkte, Social-Media-Feeds. Über die Farbe der Stunde.

Von Gerhard Matzig

Die Welt ist grün, sagt die Erbse. Und war es nicht auch bis vor Kurzem so? Grün etwa in Form von Pistaziencreme in den Dubai-Style-Schokoladen, denen man vor den eilig gezimmerten Extra-Verkaufsständen an den Supermarktkassen und in endlosen Wer-hat’s-erfunden-Streitigkeiten vor Gericht noch immer begegnet. Oder in Form des tsunamihaft sich durch die angesagten Cafés von Schwabing bis Stralsund ergießenden Matcha-Hypes, den etwa die „Bauch-Beine-Po-Sängerin“ (Women’s Health) Shirin David besingt: „Iced Matcha Latte, zu spät beim Pilates“.

Grün ist, beziehungsweise war, die Farbe zum Hype. Weil: „Grün wird seit jeher mit Natürlichkeit, Ruhe und Ausgleich verbunden.“ Sagt das Unternehmen Tigogreen, das sich auf Dinge wie den Matcha Latte Kollagen Drink spezialisiert hat. Nun muss man womöglich umschulen, denn der saisonübergreifende „Brat Summer“ der Gören, der sich gerade noch mit einem bisweilen toxischen Grün verbinden ließ, passend zum Matcha-Look, geht allmählich zu Ende.

Lila ist das neue Grün. Eine Farbe also, die in der ach so grünen Natur vergleichsweise selten anzutreffen ist. Mal abgesehen von blühenden Jacaranda-Bäumen in Australien und der Malve (Mauve). Abgesehen aber auch – und jetzt vor allem – von Ube, der „violetten Wurzelknolle für farbenfrohe Speisen“ (Edeka), die Kuchen, Eis, Getränke und den Frischkäsedip immer emsiger zum Trend „Purple Food“ verrührt, von dem die rüstige Senioren-Band Deep Purple, aktiv seit 1968, nicht mal in ihrer psychedelischen Frühzeit träumen mochte. Deepest Purple: Das ist nicht nur ein Farbton für neuere Gravelbikes beim Unternehmen Rose, es ist auch die Farbe der Zeit.

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Lila ist gekommen, heißt es in Trend-Gazetten, um zu bleiben. Also ungefähr bis zur dann neuesten Trendfarbe, bis zum dann neuesten Food-Trend und bis zum dann neuesten Produkt-Delirium, dem sich immer mehr Menschen in immer kürzeren Abständen hingeben, weil es letztlich um das geht, was die New York Times vor einigen Tagen als  „Social Media Gorgeous“ beschrieben hat, als Sucht, ein Ausrufezeichen in aller gebotenen Schönheit zu setzen: Gorgeous! Wunderschön!

Vielleicht ist das auch nicht die schlimmste Art, der oft schlimmen Welt (Trump, Sudan, Timmy) etwas Schönes entgegenzuhalten. Und sei es ein Handyfoto vom Heiß- oder Kaltgetränk namens Ube Latte in Lila für sechs Euro siebzig. Möglicherweise ist die Neigung zum Ube Latte auch ein Ding von Kindern, die Kinder sind von jenen Kindern, die mal glaubten, dass die Milka-Kuh auch in Wahrheit lila sei?

So oder so ist die Tiktok-Welt der Gegenwart nicht mehr grün, sondern lila (mehr Rot in der Farbmischung) oder violett (mehr Blau). Ob aber Purpur, Magenta, Milka oder Mauve: Was im letzten Herbst von Valentino, Gucci und Miu Miu laut Vogue bis zum letzten Dirndl auf dem letzten Oktoberfest ausgerufen wurde, ist ein Trend- vielleicht auch ein Tinnef-Gewächs der großen Purple-Familie.

Dass das Auge mitisst, ist seit der Antike bekannt

Die leuchtend violette Yamswurzel (Dioscorea alata) Ube, die Purpur-Yams, die man „Ooh-beh“ ausspricht, die also nichts mit Obi oder Uber zu tun hat, ist zwar seit Jahrhunderten ein Grundnahrungsmittel der Philippinen, doch nun ist sie auch ein westlicher Ernährungstrend, der sich zum Modetrend schmiegt. Style-Wellen sind Monsterwellen, denen man nicht entkommt. Die kulturelle Aneignung findet daher bei Starbucks statt, wo aktuell der eisgekühlte Ube-Kokosnuss-Macchiato ein Renner ist.

Stil-Experten sagen der New York Times, dass der Aufstieg der Farbe nichts, gar nichts mit philippinischen Ursprüngen (das asiatische Zeitalter) oder Geschmacklichem (milde Süße, Nussigkeit, Noten von Vanille) oder Gesundheit (reich an Antioxidantien, gut für die Verdauung) zu tun habe. Lila als Ube-Eis, Ube-Cupcakes, am besten offenbar von der Bäckerei Purple Dough in Queens, New York, Lila als Ube-Nudeln und als Ube-Pfannkuchen und als Ube-Irgendwas: Das sei schlicht sehr instagramable im ikonischen Zeitalter, da man sich ein Bild zu machen hat. Von allem eines, das zum Liken taugt. Wunderschön!

Die Farbe der Transzendenz und der Ambivalenz, Lila, verbunden mit dem Übersinnlichen und dem Spirituellen, galt in den Nachkriegszeiten übrigens auch als Mittel für Frauen, die sich zu alt für Rosa fanden. Oder wie die Oma immer tendenziell sexistisch meinte: „Lila, der letzte Versuch.“ Jeder Versuch, die Welt zu einem besseren und schöneren Ort zu machen, ist im Grundsatz höchst willkommen.

Ob eine lila Welt ein solcher Ort ist, kann aber auch bezweifelt werden. Mindestens von der Erbse. Und das herrlich blaurote Blaukraut, das noch nie ein Tiktok-Star sein durfte, nicht mal als Rotkohl, wird sich auch seinen Teil denken. Zumal in einer Zeit, da die im Prinzip seit Marcus Gavius Apicius bekannte Sentenz „Das Auge isst mit“ unter Instagram-Bedingungen zum Wunderschön-Dogma wird, dem manchmal etwas Wunderschönes und manchmal etwas lächerlich Gehyptes anhaftet. Irgendwann wird unser Essen wieder wie die Raufasertapeten der Achtzigerjahre aussehen, und irgendjemand wird auch dazu sagen: Gorgeous!

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