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Favorit der Woche:Endlich wieder Geisterbahnhof

'Ein neuer Tunnel durch BerlinâÄœ - Buchvorstellung; "Beherbergungsverbot" der Band "Erdmöbel"

Die neue Station "Rotes Rathaus".

(Foto: Annette Riedl/picture alliance/dpa; Erdmöbel)

Hallo "Rotes Rathaus", auf Wiedersehen "Französische Straße": Berlins sogenannte Kanzler-U-Bahn darf endlich losrollen - durch einen ganz besonderen Ort.

Von Peter Richter, Berlin

Der U-Bahnhof, der dem Berliner Büro der Süddeutschen Zeitung am nächsten liegt, heißt "Französische Straße": zwei Löcher in der Friedrichstraße, man kratzt mit dem Kopf fast schon von unten an die Fahrbahn, und die U6 fährt Richtung Alt-Tegel oder Alt-Mariendorf, das eine liegt im Norden, das andere im Süden, aber beides ist letztlich Westen und, wie die Namen schon sagen, alt. Jetzt aber das Neueste: Dieser Bahnhof ist Freitag geschlossen worden, weil nur ein paar Schritte weiter der Bahnhof "Unter den Linden" eröffnet wurde, wo man von der U6 ab sofort in die vom Alexanderplatz durchs Regierungsviertel bis zum Hauptbahnhof verlängerte U5 umsteigen kann.

Berlin ist sehr aus dem Häuschen deswegen. Immerhin wird die sogenannte Kanzler-U-Bahn am Ende mehr als eine halbe Milliarde Euro gekostet haben. Dafür kann der namensgebende Kanzler - gerade, wenn er mal keine Kanzlerin aus dem Osten mehr ist, sondern ein Westfale oder Franke oder gar Holsteiner, dem dieser Teil der Stadt und des Landes, egal was er behauptet, zutiefst fremd sein wird - von der Haustür weg bis nach Hönow durchbrettern, ganz im Osten, wo die Plattenbauten an die Felder Brandenburgs grenzen. Die Route bietet viel: Rotrotgrün im Roten Rathaus, die Hausbesetzer in Friedrichshain, das Stasimuseum und den Friedhof der Sozialisten in Lichtenberg, den Tierpark, der sich zum Zoo im Westen größenmäßig so verhält wie der Etat von Hertha zu dem von Union, nur umgedreht, schließlich die Großsiedlungen, in denen sehr, sehr viele Menschen leben, die jetzt natürlich umgedreht auch jederzeit direkt bis zum Kanzleramt durchbrettern können, sofern sie nicht am Roten Rathaus schon aussteigen wollen, weil diese neue Station besonders festlich gestaltet worden ist, praktisch wie die Moskauer Metro, nur mit den kühleren Mitteln von heute. Oliver Collignon ist der Architekt.

Der Architekt des Bahnhofs "Französische Straße" war Alfred Grenander, ein Schwede, der hier sparsam sein musste und dennoch Würdiges geschaffen hat. Selbst der Stillegung lässt sich etwas abgewinnen. Endlich fährt die U6 wieder durch einen Geisterbahnhof wie zu Mauerzeiten: für jemanden aus dem Osten die Möglichkeit zur Erfahrungsnachholung und für Touristen, die den Checkpoint Charlie mochten, garantiert ebenfalls ein Gewinn.

© SZ/tmh
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