Typografie Pakistanisches Menetekel

In Pakistan dient die Schrifttype Calibri als Beweis, dass die Familie des Premierministers Nawaz Sharif offizielle Dokumente gefälscht hat. Die Opposition frohlockt schon mit dem Typografen-Kalauer: Pakistan sei bald "Sans Sharif".

Von Bernd Graff

Nur die Schrift war ihr Zeuge. Eine besondere Schrifttype genauer gesagt. Sie stammt von Microsoft, gehört zum Betriebssystem Windows und heißt Calibri. Sie wird gerade bedeutend in einem Steuerhinterziehungsskandal, in den der pakistanische Premierminister Nawaz Sharif und seine Familie verwickelt sind. Ausgelöst wurde der Skandal durch die Enthüllungen der Panama Papers im letzten Jahr. In ihnen tauchte der Name Sharif auf. Nicht direkt der des Premiers, aber der seiner Kinder, allen voran der seiner Tochter Maryam, der man Ambitionen auf das höchste pakistanische Staatsamt nachsagt. Ihr wird seit den Papers vorgeworfen, Besitzerin von Luxusapartments in London zu sein, die sie hinter einer Offshore-Firma tarnt. Die Veröffentlichung hatte die pakistanische Opposition auf den Plan gerufen, die von Korruptionsgeld spricht, mit dem die Wohnungen finanziert wurden. Aber auch die pakistanische Justiz und die Steuerfahndung, die seitdem ermitteln. So setzte der Oberste Gerichtshof ein Team ein, das die Vorwürfe untersuchte. Dessen Abschlussbericht erschien nun. Er besagt, dass die Familie ein Vermögen besitzt, das niemals durch ihre offiziell deklarierten Einkünfte erwirtschaftet worden sein kann. Und er besagt, dass die Dokumente, welche die Familie zu ihrer Entlastung vorlegte, samt und sonders gefälscht sind.

Die Ermittler hatten ein in London ansässiges Forensic Document Laboratory gebeten, die Echtheit der, das ist wichtig, auf das Jahr 2006 datierten Schreiben zu prüfen, die Maryam Nawaz zur Klärung der Vermögensverhältnisse eingereicht hatte. Darin wird sie nicht als Besitzerin, sondern als Treuhänderin der Immobilien geführt. Doch diese Entlastungsschreiben sind in der Schrifttype Calibri aufgesetzt. Und diese gibt es offiziell erst seit Januar 2007. Damit wären die vorgelegten Dokumente also eindeutig Fälschungen, weil sie in einer Schrift verfasst sind, die es zu dem Zeitpunkt ihrer Abfassung noch nicht gab.

Die Typografie-Experten räumen zwar ein, dass Calibri in Expertenzirkeln ("Tech Geeks") schon vor 2007 bekannt war, doch wäre es "höchst ungewöhnlich" gewesen, wenn sie da schon von normalen Computernutzern eingesetzt wurde. Außerdem, so der Calibri-Schöpfer Lucas de Groot im Interview mit einer pakistanischen Zeitung, sei eine Nutzung vor Markteinführung merkwürdig: "Warum wollte man einen komplett unbekannten Font in offiziellen Dokumenten einsetzen?" Um solche handele es sich ja, wenn bedeutende Besitzverhältnisse darin dargelegt werden.

Während die politischen Gegner der Sharifs von deren "Fontgate" (Schrifttypen-Gate) sprechen und in den sozialen Medien frohlocken, dass - in Anlehnung an eine bekannte Schriftenfamilie - Pakistan bald "Sans Sharif" sei, haben Anhänger des Premiers einen "Edit War", einen Bearbeitungskrieg, um den Calibri-Eintrag in der Wikipedia angezettelt. So erbittert, dass dieser Eintrag bis zum 18. Juli für jede weitere Änderung gesperrt ist - oder bis zum Ende von Fontgate.